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Murat Kurnaz:Groll auf Steinmeier, Dankbarkeit gegenüber Merkel

Der Junge aus dem Bremer Arbeiterbezirk Hemelingen vermeidet jegliche Kraftausdrücke. Auf die Terroranschläge von Ansbach und Würzburg, wo Flüchtlinge zu islamistischen Gewalttätern wurden, kommt er von sich aus zu sprechen. Die meisten Deutschen könnten in diesen Fragen durchaus differenzieren, findet Kurnaz. "Man darf nicht eine ganze Religion schlechtmachen, nur weil ein paar Idioten schlimme Verbrechen begehen."

Mit Politik beschäftigt sich Kurnaz im Grunde wenig. Es sind Einzelpersonen, die er betrachtet. Sein Groll auf Steinmeier ist ebenso da wie seine Dankbarkeit gegenüber der Kanzlerin. Sie hatte sich gleich nach Amtsantritt 2005 beim damaligen US-Präsidenten George W. Bush für den Bremer eingesetzt. "Merkel hat mich rausgeholt", sagt Kurnaz heute. "Das hätte sie nicht machen müssen."

Kurnaz ist nun fast so lange in Freiheit, wie ihre Kanzlerschaft dauert. 34 Jahre alt ist er inzwischen, sein Haar, das früher lang war, trägt er schon seit Jahren raspelkurz. Vor einiger Zeit ist er mit dem Regisseur Fatih Akin bei der Berlinale über den roten Teppich gelaufen. "Die meisten Fotografen haben mich für einen Leibwächter gehalten", sagt Kurnaz und muss lachen.

Steinmeier, Merkel

Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Viele denken immer noch an das Bild des Rübezahls mit der wallenden roten Mähne, wenn sie seinen Namen hören. Auf Prominenz legt er keinen Wert, versichert er. In seinem Umfeld gehöre es dazu, dass Prominenz mit Reichtum verwechselt werde, sagt er. Er will nicht wegen seiner Geschichte auch noch um Geld angepumpt werden. Schließlich besitzt er selbst nicht viel.

Vor einigen Jahren hat er geheiratet, seine Frau ist wie er türkischstämmig und Bremerin, sie trägt Kopftuch und strahlt Selbstbewusstsein aus. Inzwischen haben sie zwei Kinder, über die Kurnaz keine Details in der Zeitung lesen will. Nur so viel: Beide wissen, dass der Papa mal im Gefängnis war - die Nachbarskinder haben es ihnen erzählt. Bald werden sie ihn fragen, warum er im Knast war und wie es dort war. Dann wird er entscheiden müssen, wie viele Erinnerungen er mit ihnen teilt.

Eine Therapie hat Kurnaz nie gemacht, obwohl seine Mutter ihn so gedrängt hat. Dabei findet er, dass die meisten gefolterten Menschen psychologischen Beistand bräuchten. Womöglich therapiert sich Murat Kurnaz einfach anders, in der Öffentlichkeit. Indem er immer wieder darüber spricht, was er erlitten hat.

"Kafkaeskes" Szenario

Auf Veranstaltungen sitzt er auf dem Podium, er besucht Schulklassen. Dann erzählt er davon, wie es ist, über Jahre gefoltert zu werden, ohne Richter, ohne Besuche der Familie, und lange Zeit ohne Rechtsbeistand. Gefangen in Guantanamo - das gleiche einem "kafkaesken" Szenario, sagt Anwalt Docke.

Kurnaz betont, wie sein Glaube ihm in den schwersten Stunden geholfen hat. Sein Überleben versteht er als Auftrag von Gott. "Das verpflichtet mich, an die Öffentlichkeit zu gehen, anderen Menschen zu helfen." Das ist seine Rolle, er weiß, wofür sein Name steht. Darum wird man auch kaum ein Foto von Murat Kurnaz sehen, auf dem er lächelt. "Ich stehe für ein ernstes Thema", sagte er vor einigen Jahren, "darum schaue ich ernst in die Kamera."

Kurnaz hat sich den Kampf gegen die Folter zur Lebensgabe gemacht, es ist eine Beschäftigung mit Grausamkeiten, die kein Ende nehmen. "Es gibt heute viel Schlimmeres als Guantanamo." Dafür reicht ein Blick in die Nachrichten aus Aleppo. Als Hauptursache für die wachsende Enthemmung sieht er die Digitalisierung und erzählt davon, dass er im Internet Foltervideos gefunden hat, aufgenommen von den Tätern oder von Schaulustigen. "Es gibt Leute, die sich so was anschauen und danach beruhigt ins Bett gehen."

Kann er trotz der Erinnerungen ruhig schlafen? Noch lange nach seiner Rückkehr hat er auf dem harten Boden seines Zimmers übernachtet, sagt er. So war er es aus dem Lager gewohnt. Kurnaz muss lächeln, als warte er auf eine ungläubige Reaktion: Er finde eine harte Unterlage noch heute angenehmer. Aber seit der Hochzeit liege er im Bett. "Ich träume niemals von Guantanamo." Kurnaz macht eine Pause. "Aber interessant wäre es schon."

Murat Kurnaz "Ich bin froh und zufrieden"

Murat Kurnaz im Interview (2011)

"Ich bin froh und zufrieden"

2006 Jahren kam Murat Kurnaz zurück aus dem Folterlager Guantanamo. Seitdem hat er mehr abgelegt als seinen roten Bart. Ein Gespräch über die Terroranschläge vom 11. September, die Schuld von Osama bin Laden - und das Leid gemästeter Schweine.   Oliver Das Gupta