Murat Kurnaz Murat Kurnaz - für Flüchtlinge ist er ein Stück Deutschland

Seinen roten Vollbart hat er abrasiert, die langen Haare sind nun raspelkurz. Für eine Bremer Initiative betreut Murat Kurnaz jetzt Jugendliche beim Sport.

(Foto: Stefanie Preuin)

Vor zehn Jahren kam Murat Kurnaz aus Guantanamo frei. Nun hilft der Familienvater jungen Flüchtlingen bei der Eingewöhnung - und findet, dass einiges falsch läuft. Eine Begegnung.

Von Oliver Das Gupta, Bremen

Murat Kurnaz scherzt gerne. Mit leiser Stimme streut er trockene Witze ein. Und angesichts seiner Geschichte driftet das immer mal ins Makabre. Zum Beispiel erwähnt er seinen abgeschnittenen roten Rauschebart, und dass er den angeblich im Keller aufbewahrt. Oder er behauptet, sein Gegenüber wiederzuerkennen - ist der nicht Verhörexperte? Anschließend freut Kurnaz sich über die Verblüffung.

Diesmal erzählt er vom August 2006, vom Ende der fünf Jahre währenden Gefangenschaft, vom Transport von Guantanamo nach Ramstein. Genüsslich und detailgenau berichtet er, wie ihn seine amerikanischen Aufpasser verschnürten: Fußfesseln, Handschellen, nicht zu vergessen das Schloss am Rücken. "Als wäre ich radioaktiv oder hochexplosiv."

15 bewaffnete Aufpasser zählte er damals, die ihn auf dem Flug in die deutsche Heimat bewachten. "15 Soldaten für einen einzelnen verpackten Mann!" In Kurnaz' Gesicht breitet sich das Lachen aus wie ein Schutzwall. "Die hätten mit mir doch auch Kaffee trinken können."

Er war ganz und gar nicht sicher, das Guantanamo lebend zu verlassen

Seit zehn Jahren nun ist Murat Kurnaz ein freier Mann. Und ein Kronzeuge für den Krieg gegen den Terror, wenn man so will. Ein Mann, dessen Geschichte weltweit bekannt wurde.

Nach seiner Rückkehr berichtete der türkischstämmige Bremer ausführlich über das, was er in den fünf Jahren in US-Gewahrsam erlebt hat. Er schrieb ein Buch, gab Dutzende Interviews, Filme thematisierten seinen Fall, er sagte vor Parlamentsausschüssen aus. Bestsellerautor John le Carré ließ das Schicksal von Kurnaz in seinen Thriller "Most Wanted Man" einfließen. Und Punk-Veteranin Patti Smith widmete ihm einen Song.

Für viele Deutsche ist Murat Kurnaz seitdem einfach der bärtige Guantanamo-Häftling. Für Flüchtlinge in Bremen ist er ein Stück Deutschland. Als angestellter "Kultur- und Sprachvermittler" erklärt Kurnaz den Neuankömmlingen, wie dieses Land funktioniert.

Pro Woche besucht er sechs Schulen für jeweils zwei Stunden, er kümmert sich um sogenannte Vorbereitungsklassen. Außerdem geht er in Flüchtlingsheime. Seit bald zwei Jahren macht er das. Kurnaz spielt mit seinen Schützlingen Basketball und Beachvolleyball, bietet Kampfsportkurse an. Ab und zu stellt er sich auf den Fußballplatz, "obwohl das nicht so meins ist", und begleitet Flüchtlinge ins Stadion zu Werder Bremen.

Es ist später Nachmittag. Kurnaz sitzt nach getaner Arbeit in einem türkischen Lokal. Üppig türmt es sich auf seinem Teller, Reis und Humus, dazu Salat und ein Berg gegrilltes Fleisch. Er isst schnell und nahezu lautlos. In Guantanamo habe er oft Hunger gehabt, sagt er.

Die sensibleren unter den Wächtern hätten das bei der Speiseausgabe erkannt. Diejenigen mit Mitgefühl hätten ihm dann heimlich eine zweite Scheibe Toast in den Käfig geschoben. Nach solchen Dingen fragten die Flüchtlinge, die er betreut, sagt er.

In diesen Augusttagen beginnt in Bremen das neue Schuljahr. Für Kurnaz bedeutet das viele neue Gesichter. Er erzählt von einer Klasse mit 17 Kindern, ein paar mehr Jungs als Mädchen. Die neuen Schüler kommen aus Syrien und Afghanistan, aus Tschetschenien und Marokko. Einige können etwas Englisch, ein paar Brocken Deutsch. Andere beherrschen nur Arabisch, Paschtu oder Farsi. Kurnaz versteht diese Sprachen alle. Er hat sie in Guantanamo gelernt - von Mitgefangenen aus islamischen Ländern.

"Steinmeier werde ich nicht vergeben"

Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz über Folter, die Verantwortung des SPD-Kanzlerkandidaten und seinen Plan, Deutscher zu werden. Ein Interview von 2008. Oliver Das Gupta, Bremen mehr ...

Bald erfahren auch diese Schüler seine Geschichte. Wie er kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nach Pakistan flog, um eine Koranschule zu besuchen. Wie er für ein Kopfgeld an die Amerikaner verkauft wurde, die ihn erst in Afghanistan, dann in Guantanamo für fünf Jahre gefangen hielten. Kurnaz wurde mit Elektroschocks gequält, er hing als menschliches Bündel von der Decke.

Tagelang ließ man ihn nicht schlafen, setzte ihn Kälte und Hitze aus und simulierte sein Ertrinken. Nach wenigen Monaten war den Amerikanern klar, dass Kurnaz weder ein Talib ist, noch zu Osama bin Ladens al-Qaida gehört. Dass der rothaarige Typ aus Deutschland zwar fromm war, aber nicht militant.

Weder die Türkei noch die Bundesregierung wollte Kurnaz aufnehmen. In Berlin spielte der damalige Kanzleramtschef und heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine entscheidende Rolle. Wenn der Name fällt, sieht man, wie es in Kurnaz arbeitet.

Er macht Steinmeier dafür verantwortlich, dass Deutschland seine Rückkehr erst nach einem Regierungswechsel in die Wege leitete. So habe er damals weitere Jahre in seinem Drahtkäfig in der Karibik zubringen müssen, insgesamt 1725 Tage. Er war ganz und gar nicht sicher, das Camp lebend zu verlassen.