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Murat Kurnaz im Interview (2011):"Osama bin Laden ist schuld - aber auch Bush und Steinmeier"

sueddeutsche.de: Herr Kurnaz, die Anschläge vom 11. September wurden von Al-Qaida-Terroristen verübt. Wer ist verantwortlich dafür, dass Sie fünf Jahre ihres Lebens in Gefangenschaft verbracht haben?

Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier sieht bei sich kein Fehlverhalten im Fall Kurnaz

Bedauern ja, Entschuldigung nein: Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier sieht bei sich kein Fehlverhalten im Fall Kurnaz

(Foto: ddp)

Kurnaz: Osama bin Laden ist daran Schuld. Aber dass ich so viele Jahre unschuldig in Folterhaft gesessen habe, verdanke ich auch dem damaligen US-Präsident George W. Bush und dem früheren Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier.

sueddeutsche.de: Steinmeier, heute SPD-Fraktionschef, lehnte das Angebot der der Amerikaner ab, Sie nach Deutschland zurückzuholen.

Kurnaz: Mehrfach hatte er die Chance, mich rauszuholen. Von Terroristen erwarte ich keine Entschuldigung, aber von Regierungen und verantwortlichen Politikern.

sueddeutsche.de: Immerhin haben das Vertreter des US-Kongresses getan, auch der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen.

Kurnaz: Das war zwar nett, aber es ändert nichts. Wenn ich Ihnen eine Backpfeife gebe, bringt es Ihnen ja auch nichts, wenn sich mein Nachbar bei Ihnen entschuldigt, oder?

sueddeutsche.de: In der Zeit nach dem 11. September war die Angst vor einem Terroranschlag auch in Deutschland weitverbreitet, Sie stellten ein potentielles Sicherheitsrisiko dar. Können Sie das nachvollziehen?

Kurnaz: Das verstehe ich. Ich akzeptiere auch, dass Steinmeier mich nicht sofort zurückgeholt hat. Die deutsche Regierung wollte auf Nummer sicher gehen. Deshalb schickten die zwei Profis nach Guantanamo, die mich verhört haben. Sie glaubten mir, dass ich unschuldig bin. Trotzdem hat Steinmeier verhindert, dass ich zurückkomme. Und so ein Mann ist jetzt einer der beliebtesten Politiker Deutschlands.

sueddeutsche.de: Steinmeier sagt inzwischen, er bedauere ihren Fall.

Kurnaz: Er meinte auch, er will sich nicht entschuldigen, denn entschuldigen könnte er sich nur für eine falsche Tat. Aber heute würde er diese Entscheidung noch einmal so treffen. Ich halte Steinmeier für einen falschen Menschen. Solche Leute gehören nicht in die Politik.

sueddeutsche.de: So wütend wie sie auf Frank-Walter Steinmeier sind, so dankbar dürften Sie Angela Merkel sein. Die Bundeskanzlerin sorgte für ihre Rückkehr am 24. August 2006.

Kurnaz: Dankbar bin ich ihr, aber auch bei ihr steckt eine Menge politisches Spiel dahinter. Mein Anwalt und ich haben Dokumente, die das zeigen. Die Amerikaner schlugen der deutschen Regierung vor, meine Freilassung könnte man als politischen Erfolg hinstellen.

sueddeutsche.de: Was halten Sie von US-Präsident Barack Obama? Der hat als erste Amtshandlung verboten, bei Verhören zu foltern.

Kurnaz: Auch unter Bush wurde offiziell nicht gefoltert, sondern nur 'hart verhört'. Ich bin enttäuscht von Obama. Er hat versprochen, Guantanamo innerhalb eines Jahres aufzulösen - es ist nicht passiert. Die Häftlinge haben immer noch keine Rechte: Nicht einmal ihre Familien dürfen sie besuchen.

sueddeutsche.de: Was soll Ihrer Meinung nach mit den verbliebenen Gefangenen passieren?

Kurnaz: Jeder sollte einen fairen Prozess bekommen, wie jeder andere Kriminelle auch. Wer sich schuldig gemacht hat, soll ins Gefängnis - und wenn es für immer ist. Aber die anderen soll man endlich nach Hause lassen.

In der der Süddeutschen Zeitung erschien am 22. August auf der Seite Drei die Reportage "Ein Freier Mann" über Murat Kurnaz.

Kurnaz' Schicksal steht auch im Mittelpunkt des Dokumentarfilmes "Die Guantanamo-Falle", der am 3. September vom NDR ausgestrahlt wird.