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Murat Kurnaz im Interview (2011):"Auch Schweine sind von Gott gemacht"

sueddeutsche.de: Sie wurden immer wieder gefoltert. Wie halten Sie diese Erinnerungen aus?

Guantanamo-Häftling Kurnaz vor CIA-Sonderausschuss

Murat Kurnaz im November 2006 in Brüssel, drei Monate nach seiner Freilassung. Damals sagte er vor dem CIA-Sonderausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel aus.

(Foto: dpa)

Kurnaz: Ich komme gut damit zurecht. Ich habe keine Alpträume.

sueddeutsche.de: Andere Folteropfer sind traumatisiert fürs Leben, manche drehen durch wie Khaled el-Masri oder werden Terroristen. Wie erklären Sie sich, dass sie mit der Vergangenheit relativ gut klarkommen?

Kurnaz: Meine Religion hilft mir. Ich mache viel Sport, das ist auch ein Ausgleich. Aber die Gefangenschaft hat mich schon verändert. Ich weiß jetzt, was wirklich wichtig ist: Menschenrechte, Gerechtigkeit und die einfachen Dinge im Leben.

sueddeutsche.de: Welche einfachen Dinge meinen Sie?

Kurnaz: Nachdem ich in Haft war und teilweise eisiger Kälte ausgesetzt war, weiß ich zum Beispiel, wie wichtig Socken sind. Mir ist klar geworden, wie gut ich es eigentlich habe. Was ich schade finde, ist die Unzufriedenheit vieler anderer Menschen.

sueddeutsche.de: Was stört Sie?

Kurnaz: Es gibt Dinge, die 99 Prozent der Menschen in Deutschland haben: Wie Unterwäsche, sauberes Wasser, eine Heizung. Nur man denkt daran nicht und freut sich nicht über diese einfachen Dinge. Der Mensch will mehr, immer mehr. Manche müssen unbedingt ein tolles Auto fahren. Andere fragen sich, warum sie keine Frau haben, die wie ein Top-Model aussieht. Es gibt Menschen, die sich dadurch kaputt machen.

sueddeutsche.de: Gibt es Tage, an denen Sie nicht an Guantanamo zurückdenken?

Kurnaz: Klar kommt das vor. Ich bin ein froher und zufriedener Mensch. Aber immer, wenn ich etwas Schönes unternehme, kommt das automatisch zurück in den Kopf. Ich denke mir dann: Ich bin fröhlich, mir geht es gut, ich fühle mich wohl. Aber ich darf mich auch nicht so sehr amüsieren. Wie kann ich mich amüsieren, wenn irgendwo andere gefoltert werden? Es sind noch fast 200 Menschen in Guantanamo. Und es gibt in vielen Ländern Knäste, wo noch schlimmer gefoltert wird.

sueddeutsche.de: Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil sie draußen sind und die anderen Gefangenen nicht?

Kurnaz: Nein, ich genieße ja mein Leben. Aber ich möchte nicht vergessen, dass andere Menschen leiden. In Afrika verdursten kleine Kinder in den Armen ihrer Mütter - es gibt viel Schlimmeres als Guantanamo. Eigentlich müsste die ganze Welt aufstehen und sagen: Wir lassen das nicht zu, wir unternehmen etwas.

sueddeutsche.de: Früher war ihnen das nicht bewusst?

Kurnaz: Mit 19 war mir das alles egal, ich habe einfach nicht darüber nachgedacht. Auch das Leid von Tieren beschäftigt mich heute: Tierversuche und in welchen Verhältnissen sie leben müssen. Ich habe im Internet gesehen, wie ein Schwein in China gemästet wurde, bis es vor Fett nicht mehr stehen konnte. Das war Folter.

sueddeutsche.de: Als gläubiger Muslim kümmert Sie das Schicksal von Schweinen?

Kurnaz: Ich esse kein Schweinefleisch und meine Religion verbietet mir, Schweine anzufassen. Aber sie sind genauso Lebewesen und von Gott gemacht.