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Münchner Neueste Nachrichten vom 1.8.1914:Der Kaiser lässt die Korken knallen

Erster Weltkrieg Wie Europa 1914 den Kriegsausbruch feierte Bilder
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Euphorie zu Beginn des Ersten Weltkriegs

Wie Europa 1914 den Kriegsausbruch feierte

So jubelten die Menschen in vielen Großstädten Europas: Seltene Aufnahmen aus Wien, Berlin, Paris, München und Belgrad vom Sommer 1914, als der Kontinent in den Ersten Weltkrieg taumelte.

Wilhelm verdrückt nach der Unterzeichnung der Mobilmachungsorder Tränen der Rührung. Als die irrtümliche Nachricht von der französischen Neutralität eintrifft, lässt er Sekt ausschenken. Die Truppen, die längst auf dem Weg sind, um das neutrale Luxemburg zu besetzen, stoppt der Kaiser - und sein Generalstabschef Helmuth von Moltke erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Denn der Einmarsch in Luxemburg (und Belgien) ist Teil des Schlieffenplans, mit dem die Deutschen die französischen Festungswerke umgehen wollen, um nach Paris durchzubrechen. Als am späteren Abend klar wird, dass Frankreich wohl an der Seite Russlands kämpfen wird, sagt der Kaiser zu Moltke: Nun könne er machen, was er will.

Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg in bewegten Bildern

Interaktive Grafik

Der Erste Weltkrieg in bewegten Bildern

So brannte die Welt vor 100 Jahren: Zu seltenen Filmaufnahmen schildern Historiker die Ursachen des Ersten Weltkrieges, das Grauen der Fronten und seine Auswirkungen.   Eine Kooperation von Guardian und SZ.de.

Diese Ereignisse sind schriftlich dokumentiert - doch die Öffentlichkeit erfährt vor 100 Jahren nichts von alledem. Stattdessen lesen die Menschen damals, dass halb Mitteleuropa sich auf Krieg einstellt:

  • Die neutrale Schweiz steht vor der Mobilisierung seiner Soldaten.
  • Die belgische Regierung ordnet ebenso die Mobilmachung an.
  • Frankreich - der deutsche "Erbfeind" und Verbündete Russlands lässt die Armee ebenfalls mobilisieren.
  • Dänemark erklärt sich hingegen - mit Blick auf den bereits laufenden Krieg zwischen Österreich und Serbien - als "vollständig" neutral.
  • Die britische Regierung nimmt die Eskalation zur Kenntnis - und beschließt vorerst zu schweigen. Premierminister Asquith erklärt in London, man werde über das Wochenende beraten und sich nicht vor Montag äußern.
  • Angeblich will Japan Österreich-Ungarn beistehen, wenn die Donau-Monarchie von Russland angegriffen würde (ein fataler Trugschluss, wie sich herausstellen sollte).
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Chronologie zum Ersten Weltkrieg

Von Sarajevo bis Versailles - dazwischen das große Sterben

Der Erste Weltkrieg hat die Landkarte Europas grundlegend verändert und das 20. Jahrhundert geprägt. Eine Übersicht der wichtigsten Daten eines bis dahin nie da gewesenen Gewaltausbruchs.

Der bislang verhalten patriotische Duktus der Münchner Neuesten Nachrichten verändert sich drastisch. Die Redaktion gibt einem Land die Schuld am sich abzeichnenden Krieg: "Russland will den Weltkrieg!", heißt es. Sankt Petersburg habe Berlin hingehalten und getäuscht.

"Der Zar bittet Kaiser Wilhelm um Vermittlung (im österreichisch-serbischen Konflikt) und lässt mobilisieren." Ausführlich beschreibt die Redaktion die Vorgeschichte des Konflikts. Ein "frevelhaftes Spiel" habe das Zarenreich vollbracht, es gebe eine "Verräterei Russlands" an Deutschland, aber nun sei "das Maß voll".

Starke Kräfte in der russischen Führung setzen am Ende der Julikrise tatsächlich auf Krieg. Doch die "Verräterei" am Frieden ist vor allem auf deutscher Seite zu finden (hier mehr dazu), wie man heute weiß. Die Reichsführung will den Krieg, aber sie will den Anschein erwecken, einem Präventivschlag seiner Feinde zuvorzukommen. Die Münchner Neuesten Nachrichten gehen dem Kalkül der Kriegstreiber in Berlin auf den Leim.

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