Münchner Abkommen 1938 Mit dem Abkommen scheitert auch ein geheimer Putschplan des deutschen Militärs

Mehr als das Sudetenland aber, behauptet Hitler, verlange er gar nicht; im Berliner Sportpalast ruft er einer hysterisch jubelnden Menge zu: "Wir wollen gar keine Tschechen." Ohne das Sudetenland, in dem Konrad Henleins mächtige Nazipartei wild agitiert und Andersdenkende einschüchtert, würde von diesem Staat aber nur ein hilfloser Rumpf übrig bleiben.

Anfang September 1938 drohen die Deutschen unverhohlen mit einem Angriff auf die Tschechoslowakei, am 15. September auf dem Obersalzberg und eine Woche später in Bad Godesberg versucht Chamberlain eine friedliche Lösung herauszuhandeln; Massen jubeln seinem Wagen zu wie dem eines Verbündeten, und faktisch ist der Chef-Appeaser nichts anderes geworden. Diese Lösung wird, wie Churchill ätzt, einer Niederlage gleichen, ohne dass man Krieg geführt hätte.

Einmal, am Rhein, ringt sich Chamberlain zur Kritik durch, Hitlers schriftlich vorgelegte Forderungen seien ja "ein Ultimatum". Hitler schiebt ihm das Papier zu und antwortet, so sei es nicht: "Es steht ja Memorandum darüber." Der britische Premier mag selbstgewiss und unbeirrbar, ja unlehrbar sein, doch ist er seinem Gegner an Entschlossenheit und Niedertracht nicht im Mindesten gewachsen. Chamberlain ist der Verlierer, und die freie Welt mit ihm.

Proteste wie in den USA bleiben erfolglos.

(Foto: SZ Photo)

Am 29. September einigen sich in München Hitler, Chamberlain, der französische Premierminister Édouard Daladier und Italiens faschistischer Diktator Benito Mussolini. Weder die Tschechoslowakei noch die mit ihr verbündete Sowjetunion sind dabei oder auch nur überhaupt gefragt worden. Das Münchner Abkommen schlägt das Sudetenland dem Reich zu.

Wäre Gegengewalt oder deren glaubwürdige Androhung erfolgreich gewesen? Das ist nicht sicher, aber gut möglich. Einerseits: Vor allem die Landstreitkräfte der Briten leiden 1938 unter jahrelanger grober Vernachlässigung. Frankreichs Armee gilt, auf dem Papier, zwar als beste der Welt, ist aber demotiviert und wird mit atemberaubender Inkompetenz geführt.

Andererseits: Auch die Wehrmacht ist noch längst nicht so kriegsbereit wie ein Jahr später. Die Tschechoslowakei wiederum verfügt über relativ starke Truppen mit modernen Waffen wie den Skoda-Panzern, die Festungen im Sudetenland wären für die Deutschen ein ernsthaftes Hindernis. Doch nun ist es zu spät. Auf der Prager Burg hält Präsident Edvard Beneš militärische Gegenwehr ohne Hilfe aus dem Westen für aussichtslos; Widerstand werde nur dazu führen, "dass unser Volk ermordet wird".

Die deprimierendste Folge des Verrats von München ist aber das Scheitern des aussichtsreichsten Putschplans gegen Hitler in der gesamten Nazizeit, entworfen von Teilen der Wehrmachtsführung um General Ludwig Beck. Die Verschwörer wollten Deutschland vor einem mörderischen Krieg bewahren, den es ihrer Meinung nach nicht gewinnen konnte.

Hitler fürchtete Beck, doch mit dem Münchner Abkommen ist, was zu diesem Zeitpunkt natürlich niemand weiß, die Chance zum Staatsstreich vertan. Beck wird bald zurücktreten, Hitlers Popularität aber erreicht einen Gipfel - was dem Diktator nur bedingt recht ist. Er will den Krieg und verachtet jene, die das Münchner Abkommen als Rettung des Friedens bejubeln.

Die Politik des Appeasement allerdings wurde, im Wissen um ihre verheerenden Folgen, oft missverstanden. Churchill, so schrieb der große Publizist Sebastian Haffner, verdammte sie "in Grund und Boden und (sah) nichts als Narrheit, Schwäche, Schande und Ruin darin". Aus Sicht ihrer Betreiber in Paris und London war sie dagegen Realpolitik.

Der Erste Weltkrieg hatte auch die Sieger, die Demokratien des Westens, geschwächt und zermürbt, ihre Finanzen zerrüttet und ihre Menschen zutiefst kriegsmüde werden lassen. Noch 1938 galt ein Mann wie Churchill als eine Art Gespenst aus alten Zeiten, ein Imperialist, Nostalgiker des Empire (was er war) und Kriegstreiber (was er nicht war, er wollte den Krieg durch Abschreckung verhindern); nicht selten störten Friedensdemonstranten seine Reden, Pfarrer verurteilten ihn in ihren Predigten.

Das System kollektiver Sicherheit und demokratischer Freiheiten, welche 1919 die Nachkriegsordnung bestimmen sollten, war gescheitert, der neue Völkerbund am Ende, Europa zerrissen von ethnischen Spannungen, nationalistischen Begehrlichkeiten und dem Alleingeltungsanspruch totalitärer Ideologien. In dieser Lage fürchteten die Staatsmänner des Westens nichts mehr als einen neuen Krieg. Er würde nur den Abstieg ihrer Macht, der schon begonnen hatte, beschleunigen.

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Und vor allem: Für sie war das Hitlerreich zwar ein Übel, das sie jedoch mit kaltem, machiavellistischem Blick betrachteten; ein Übel, aber vielleicht ein notwendiges: als Bollwerk gegen den Kommunismus, den seine Anhänger in den Ländern des Westens als weltliche Heilslehre verkündeten, und die Bedrohung durch Stalins düstere Herrschaft in der Sowjetunion, aus der man Nachrichten von Massenmorden, "Säuberungen", und massiver Aufrüstung hörte. Der Antikommunismus war das eiserne Rückgrat der weichen Appeasementpolitik.

Den Balken im eigenen Auge sahen die Appeaser nicht. Ihre Haltung schwächte den moralischen Anspruch der parlamentarischen Demokratien, diese verloren Überzeugungskraft und Selbstgewissheit. Vielleicht ist das eine Lehre für heute in der Auseinandersetzung mit Populisten und dem Neonationalismus: Demokratie, Volkssouveränität, Menschenwürde sind keine Selbstverständlichkeiten, sie müssen immer neu gefestigt und gesichert werden.

Die Beschwichtiger betrachteten Außenpolitik als Kunst des Möglichen und des Ausgleichs von Interessen, sie machten Kompromisse, um größere Schäden zu vermeiden. Doch standen sie einem Gegner gegenüber, mit dem kein Ausgleich und kein Kompromiss möglich war und der Nachgeben nur als Schwäche verstand. Heute nach Auschwitz und Vernichtungskrieg erscheint dieses Wissen selbstverständlich. Damals verstanden es viele, zu viele, nicht.

Hitlers Beteuerungen entpuppten sich allesamt als Lügen

Aber Churchill verstand es, als er im Unterhaus sagte: "Niemals kann es Freundschaft geben zwischen der britischen Demokratie und der Nazimacht, jener Macht, welche die christliche Ethik mit Füßen tritt, sich auf ihrem Vormarsch an einem barbarischen Heldentum berauscht und sich ihrer Aggressionslust und Eroberungssucht rühmt, Kraft und perverse Lust aus Verfolgungen schöpft und sich mit unbarmherziger Brutalität der Androhung mörderischer Gewalt bedient."

Im März 1939 besetzt die Wehrmacht Prag und die tschechische Republik, alle Schwüre, die deutschen Ansprüche seien erfüllt, entpuppen sich als Lügen. Wenige Monate später, nach dem deutschen Überfall auf Polen, müssen die Westmächte eben doch jenen Krieg führen, den sie in München um den Preis äußerster Erniedrigung vermeiden wollten.

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