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Münchner Abkommen 1938:Chiffren der Schwäche

Hier der Böse, da die Dummen: Im Jahr 1938 knicken Frankreich und Großbritannien vor Hitler ein - fortan steht München für das Versagen demokratischer Mächte gegenüber Tyrannen.

Im Zimmer 105 im ersten Stock des Gebäudes an der Arcisstraße lässt sich noch der Stil eines großbürgerlichen Herrenzimmers erahnen. Der offene Kamin ist noch da, auch der schwere, runde Leuchter mit den acht Lampen.

Der Täuscher und der Getäuschte: Deutschlands Tyrann Adolf Hitler und der britische Premierminister Neville Chamberlain während der Münchner Konferenz

(Foto: Foto: AP)

In diesem Raum entstanden die wirkmächtigen Fotografien von vier Staatsmännern, die mit ihrer Unterschrift über das Schicksal einer anderen Nation entschieden - ohne dass deren Vertreter, die der Tschechoslowakei, auch nur gefragt worden wären.

Ein winziges Schild neben der schweren Doppeltür erinnert daran, dass hier am 30. September 1938 das "Münchner Abkommen" unterzeichnet wurde; an einen Ort, an dem Adolf Hitler sich vor 70 Jahren die Einverleibung des Sudetenlandes in sein Reich sanktionieren ließ und seinen größten diplomatischen Prestigeerfolg feiern konnte; an einen Ort, an dem die Westmächte eine Niederlage sondergleichen erlebten. "München" wurde zum Mythos und zum Symbol für das Scheitern von Appeasement-Politik.

Das schlechte Gewissen

Auf Einladung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) und des Collegium Carolinum (CC) haben sich nun Historiker aus zehn Staaten unweit des historischen Orts zusammengefunden, um die Ereignisse und Folgen von Hitlers Deal aufgrund neuerer Forschungsergebnisse zu analysieren. Nicht zuletzt ging es um den Befund, warum der Begriff "September 1938" immer wieder politisch instrumentalisiert wird.

Weil die Konstellation zu einfachen Wahrheiten verleite, sagte etwa der Münchner Osteuropaexperte und Leiter des CC, Martin Schulze Wessel: Hier der Böse (Hitler), da die Dummen (England, Frankreich), die auf dessen Täuschung hereingefallen sind.

Dieses offensichtliche Debakel diskreditierte die Idee einer Beschwichtigungspolitik auf Dauer, sodass der Verweis auf "München" seither immer ins Spiel kommt, wenn ein "Argument des Bellizismus" für machtbewusste Politik gebraucht wird, so Schulze Wessel. "München" sei zu einer "Chiffre geworden, die man überall benützen kann".

Vor allem die starke Rechte in den USA verweist stets gern darauf, dass der Westen nie mehr derart Schwäche zeigen dürfe wie 1938, wenn es etwa gelte, gegen die "Achse des Bösen" oder Diktatoren aller Art vorzugehen.Anders geprägt ist der Blick der Franzosen auf die Ereignisse. Noch heute gilt etwa die Bezeichnung "Munichois" in Frankreich als Beleidigung.