München Die Frage nach dem Warum

  • Zum ersten Mal seit 295 Tagen hatten die Anwälte der Opfer im NSU-Prozess die Chance, ihre Fragen direkt an die Hauptangeklagte zu stellen.
  • All diese Fragen zielen darauf ab, ob sie nicht doch in die zehn Morde des NSU verwickelt war.
  • Zschäpes Wahlverteidiger Borchert sagte in einer Pause, die Verteidigung werde die Fragen der Nebenkläger nicht beantworten, das würde ja Monate dauern.
Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Es sind nicht Dutzende, es sind Hunderte Fragen, die auf Beate Zschäpe einprasseln. Zum ersten Mal seit 295 Tagen haben die Anwälte der Opfer im NSU-Prozess die Chance, ihre Fragen direkt an die Hauptangeklagte zu stellen. Und sie nutzen diese Möglichkeit ausgiebig. Ob sie noch irgendwo Geld deponiert habe? Wo das Geld aus ihrem Unterschlupf in Zwickau hingekommen sei? Ob es noch andere Attentate des NSU gab, die noch nicht bekannt sind? Es sind viele und wichtige Fragen. Doch gleich die allererste Frage tritt den Kern. Sie zielt genau auf das, was auch nach über drei Jahren im NSU-Prozess noch immer im Dunkeln liegt. Die Frage nach dem Warum.

Rechtsanwalt Sebastian Scharmer stellt sie. Er vertritt die Tochter von Mehmet Kubaşık, der am 4. April 2006 in Dortmund vom NSU ermordet wurde. Scharmer fragt Beate Zschäpe: "Wissen Sie, warum und wie Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter als Mordopfer ausgesucht wurden?" Es ist die Frage aller Fragen. Beate Zschäpe schaut Scharmer nicht an. Und ihr Wahlverteidiger Hermann Borchert sagt gleich: "Es ist vorauszusehen, dass die Fragen wohl nicht beantwortet werden." Aber so muss es nicht kommen.

Scharmer und seine Kollegen fragen unverdrossen weiter. Drei Fragerunden hat das Gericht schon hinter sich gebracht, aber immer nur durften die Richter Zschäpe fragen. Zschäpes Anwälte Hermann Borchert und Mathias Grasel feilen jeweils wochenlang an den Antworten ihrer Mandantin. Spontan geht hier nichts. Es geht ja auch um jeden Halbsatz, jeden Zungenschlag - jede Antwort ist für Zschäpe höchst brisant. Richter Manfred Götzl fragt vorneweg trotzdem: "Werden die Fragen sofort beantwortet?" Borchert sagt, fast entrüstet: "Mit Sicherheit nicht."

NSU-Prozess Zschäpes Fingerabdruck auf verdächtigem Zeitungsartikel gesichert
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Einem Ermittler zufolge hinterließ sie ihre Spuren auf einem Artikel, in dem es um den Mord an einem Münchner Gemüsehändler ging. Der Text taucht in einem NSU-Video auf.

Mit wem der beiden Uwes war Zschäpe wann liiert?

Dann geht es über Stunden, ein ganzes Dutzend Anwälte fragen. Immer neue Ecken des Verfahrens leuchten sie aus. Und schon in der ersten Pause beratschlagt Zschäpe sich ernst mit ihren Anwälten. Denn all diese Fragen zielen darauf ab, ob sie nicht doch in die zehn Morde des NSU verwickelt war - sie selbst sagt, sie habe immer erst im Nachhinein davon erfahren.

Gleich am Anfang zeigt Rechtsanwalt Scharmer mehrere Bilder, die auf Datenträgern im Unterschlupf des NSU gefunden wurden: Eine Ausspähfahrt nach Stuttgart offensichtlich, dabei wurden Fotos von verschiedenen türkischen Imbissen gemacht. Ein Foto stammt laut Zeitstempel vom 25. Juni 2003 in Stuttgart. Und das nächste Bild zeigt Zschäpe neben Uwe Böhnhardt in kurzen Hosen auf einem Sofa - nur einen Tag später. Wo dieses Bild am 26. Juni 2003 um 18.21 Uhr denn aufgenommen wurde, fragt Scharmer. Er will wissen, ob das auch in Stuttgart oder Umgebung war - was bedeuten würde, dass Zschäpe bei den Ausspähfahrten dabei war. Dann wäre ihre Aussage, sie habe nichts von der Vorbereitung der Morde gewusst, erschüttert.

Die Nebenkläger kreisen Zschäpe mit ihren Fragen immer weiter ein. Es geht dabei scheinbar auch um nebensächliche Dinge - die aber Schlussfolgerungen auf ihr Leben zulassen: warum die Gruppe die Treffen mit den Eltern von Uwe Böhnhardt im Untergrund plötzlich aufgab, mit wem der beiden Uwes sie wann liiert war.

Und der Nebenklagevertreter Yavuz Narin bohrt dort nach, wo es Zschäpe vermutlich am wehsten tut. Er fragt, ob die Männer im Untergrund auch Beziehungen zu anderen Frauen und möglicherweise mit ihnen Kinder hatten. Denn immer wieder berichteten Zeugen, dass die drei auch in Begleitung von Kindern auftauchten. Und er fragt, wem die rosaroten Kindersandalen gehörten, die im Wohnmobil von Mundlos und Böhnhardt gefunden wurden, als sie sich am 4. November 2011 nach einem Raubüberfall erschossen. Größe 33.