Mubarak und Ägyptens Zukunft Tod ohne Bedeutung

Ägypten hat kein Parlament, keine neue Verfassung - und derzeit auch keinen Präsidenten. Ein Islamist und ein Getreuer des alten Systems beanspruchen den Sieg für sich. Nun liegt auch noch Ex-Machthaber Hosni Mubarak im Sterben. Und den Ägyptern wird klar, dass sie nach seiner Entmachtung nichts erreicht haben.

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Hosni Mubaraks Gesundheit war immer ein Politikum, und sie ist es bis heute geblieben. Als er noch herrschte über Ägypten, ließ allein die Erwähnung körperlicher Schwäche die Börsen taumeln, sie konnte Journalisten ins Gefängnis bringen.

Nach dem Sturz Mubaraks vor sechzehn Monaten erlebte Ägypten verschiedene taktische Zusammenbrüche des Ex-Präsidenten.

(Foto: dpa)

Nach seinem Sturz vor sechzehn Monaten erlebte das Land verschiedene taktische Zusammenbrüche des Ex-Präsidenten: vor seiner Verlegung von Scharm el-Scheich zum Gerichtsverfahren nach Kairo, nach der Verlegung aus einem komfortablen Militärkrankenhaus in ein Hochsicherheitsgefängnis im vergangenen Juni. Dass die Ägypter nun, nach der Verkündung seines klinischen Todes durch eine staatliche Agentur, mehr als medizinische Ursachen vermuten, ist nicht überraschend.

In Autokratien ist der Körper des Herrschers ein Faktor der nationalen Sicherheit. Die lackschwarzen Haare arabischer Potentaten über welken Gesichtern sind keine Eitelkeit, sondern ein Versprechen ewiger Führungskraft wie das ungerührte Lächeln antiker Pharaonen.

Nach der Wahl: Alte Machtkämpfe und ein institutionelles Vakuum

Auch Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Mubaraks wahrer Nachfolger, färbt seine Haare schwarz. Er und die anderen Generäle des Obersten Militärrates haben die Macht während des Aufstandes im Januar vor einem Jahr an sich gerissen und sie sich soeben mit der Auflösung des Parlaments und einer eigenen Zusatzverfassung für ein paar weitere Monate gesichert. Stürbe Mubarak jetzt, nur Tage nach der ersten einigermaßen freien Präsidentenwahl, wäre dies potenziell bedeutungsschwer - aber politisch weitgehend bedeutungslos.

Gewiss, anfangs wurde das Klientelregime durch freien politischen Wettbewerb ersetzt, aber dieser mündete in alte Machtkämpfe und ein institutionelles Vakuum. Die autokratische Machtfülle liegt weiterhin in den Händen der Offiziere. Auch der ehemalige Luftwaffenkommandeur Ahmed Schafik müsste sich, würde er zum Sieger der Wahlen erklärt, mit überschaubaren Kompetenzen zufriedengeben, und erst recht gilt dies für Mohamed Mursi, welcher der erste islamistische Präsident Ägyptens werden könnte.

In grotesken Übertrumpfungen reklamieren dennoch beide den Sieg für sich. Ägypten hat kein Parlament, keine neue Verfassung, es lebt derzeit mit zwei behaupteten Siegern - oder, falls die Wahl wiederholt wird, mit keinem. Selbst einem Land mit stabilerer demokratischer Tradition fiele ein Ausweg aus diesem Treibsand schwer.

Und mitten in diese bedrückte Stimmung, mitten in die Versammlung von Zehntausenden auf dem Tahrir-Platz, die gegen das Militär und für den Muslimbruder Mursi demonstrieren, platzte die Nachricht vom Tod Mubaraks. Ein Versuch, Mitleid zu erregen, die Gegner des Militärrates abzulenken, hieß es.

Nicht alle Ägypter wollen ihn jetzt sterben sehen

Mubarak war kein Stalin, kein Gaddafi, kein Turkmenbaschi. Der Personenkult überstieg nicht nahöstlichen Durchschnitt, und er brachte keine Ideologie hervor. Wenn Mubaraks Kostgänger überlebt haben, wenn die alten Apparatschiks nun erneut nach der Macht greifen, dann tun sie es weniger in seinem Namen als im eigenen Interesse.

Die opportunistische Staatspresse rechnet zwar inzwischen wieder Mubaraks Verdienste vor, gutmütige Ägypter schieben die Schuld am ruinösen Zustand des Staats seinem Clan, nicht ihm selbst zu. Aber dass Mubarak zu einer Galionsfigur der konterrevolutionären Kräfte werden könnte, halten wohl selbst seine Anhänger für unwahrscheinlich.

Nicht alle Ägypter wollen ihn jetzt sterben sehen, nicht alle wollten ihn hängen sehen, aber die Wut über die Freisprüche für seine Polizeioffiziere und seine Söhne und ein - nur - lebenslanges Urteil für ihn brachte Anfang Juni so viele Menschen auf die Straßen wie lange nicht. Stürbe er jetzt, hätte sein Tod vor allem den zermürbenden Effekt, Ägypten vor Augen zu führen, was es nach seiner Entmachtung nicht erreicht hat. Ägypten hat Mubarak noch nicht besiegt.