Mossul Es fehlen die Soldaten

Die Stadt im Norden wird in diesem Jahr wohl nicht mehr vom IS befreit. Der Streit geht auch darüber, wer beim Sturm mitmachen darf.

Von Paul-Anton Krüger

Bagdad hat in den vergangenen Wochen einen Reigen hochrangiger Besucher aus Washington gesehen: Am Donnerstag war US-Vizepräsident Joe Biden dorthin geflogen, Mitte April kam Pentagon-Chef Ash Carter, zehn Tage vor ihm Außenminister John Kerry. Sie alle wollten über den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reden. Bidens Besuch sei "ein Zeichen, wie hoch unser Vertrauen ist, das wir in Premier Haidar al-Abadi setzen", sagte ein hochrangiger US-Beamter noch beim Anflug auf die irakische Hauptstadt. Wenige Tage später steht nun infrage, ob der sich überhaupt im Amt wird halten können - und wie es im Irak mit dem Kampf gegen den IS weitergehen soll.

Die irakische Armee hatte Ende März eine Offensive in der nördlichen Provinz Niniveh gestartet, deren Ziel es laut Abadi ist, die Provinzhauptstadt Mossul von den Dschihadisten zu befreien. Sollte es gelingen, die bei Weitem größte Stadt unter ihrer Kontrolle einzunehmen, wäre das symbolisch wie militärisch eine Niederlage, von der sich Terror-Kalif Abu Bakr al-Bagdadi wohl nicht mehr erholen würde. Noch in diesem Jahr, versprach Abadi, werde es so weit sein - gerade rechtzeitig noch für US-Präsident Barack Obama, um zum Ende seiner Amtszeit einen großen Erfolg verbuchen zu können.

Die Frage ist auch: Wer soll beim Angriff dabei sein, und wer nicht?

Mehr als 40 Prozent des einst gehaltenen Territoriums im Irak habe der IS in den vergangenen 18 Monaten eingebüßt, heißt es im Pentagon. Obama hat gerade die Entsendung von 200 weiteren Militärberatern bewilligt, auch Apache-Kampfhubschrauber sollen in den Irak verlegt werden. Die Amerikaner haben mittlerweile wieder mehr als 4000 Soldaten dort stationiert, von denen einige in irakische Armee-Einheiten eingebettet sind und Artilleriefeuer sowie Luftangriffe durch Flugzeuge der US-geführten Koalition gegen den IS steuern. Erst jüngst fiel ein US-Elitesoldat in einem dieser vorgezogenen Stützpunkte durch einen IS-Raketenangriff. Die Abgrenzung zu einem Kampfeinsatz ist da schon eher rechtlich-philosophisch.

Doch ohne Zehntausende von den USA neu ausgebildete Soldaten wird Mossul von der irakischen Armee kaum zu erobern sein. 25 000 bis 35 000 Mann, schätzt das Pentagon, seien nötig. An der im März gestarteten Offensive sind gerade einmal 5000 Soldaten beteiligt. Sie nahmen einige Dörfer, davon mindestens vier kampflos. Aber ein paar Tage später startete der IS mit 200 Kämpfern einen Gegenangriff und brachte den Vormarsch für Wochen zum Stehen. Höchstens 18 500 Soldaten haben den erforderlichen Ausbildungsstand und die Ausrüstung, heißt es im Pentagon.

Ein Bündnis schiitischer Milizen hat zudem angekündigt, an der Offensive teilnehmen zu wollen. Ihre Kommandeure, von denen einige auf die iranischen Revolutionsgarden hören, nicht aber auf Abadi, wollen verhindern, dass die USA großen Anteil an der Befreiung Mossuls haben - die Sunniten aber fürchten nichts mehr als die Rache dieser Milizen. Deshalb wollte Abadi sie heraushalten aus der Operation. Schon von den Kurden, die die Stadt von zwei Seiten umstellt haben, wollen die Sunniten nicht befreit werden. So droht der Sturm auf Mossul zur Schlacht der rivalisierenden Fraktionen im Irak zu werden, und nicht der finale Angriff auf den IS. Damit, dass der Vorstoß noch 2016 beginnt, rechnet indes kaum noch jemand.