Mossack Fonseca:Der Name ist Gift für die Zukunft

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Jürgen Mossack, "der Deutsche", ist da offenbar anders, kontrollierter, vorsichtiger, irgendwie deutscher, vermutlich. Wenn es nach seiner Anwältin geht, soll er nun seine Version der Dinge darlegen. Die dürfte ungefähr dem entsprechen, was Mossack in einer ganzseitigen Anzeige verlautbaren ließ, die er vor einigen Tagen in Panamas ältester Tageszeitung La Estrella de Panamá veröffentlichen ließ: Die Kanzlei sei "nie in unrechtmäßige Handlungen" verstrickt gewesen, die Ermittlungen seien Schikane, Erniedrigung, gar psychologische Folter. Ähnliches würde er wohl auch im Interview erzählen.

Aber Jürgen Mossack will nun nicht mehr reden. Oder vielleicht doch? Die Anwältin sagt nicht endgültig ab, es bleibt unklar, "er ist ein scheuer Mensch", sagt sie. Aber fürs Erste, meint McDonald, könne sie so gut wie alle Fragen an ihren Mandanten beantworten. Sie wartet, bis der Kaffee serviert worden ist, um dann mit aufrichtig wirkender Freundlichkeit zu fragen: "Wie kann ich helfen?"

Die beste Antwort wäre natürlich: Schaffen Sie Jürgen Mossack hierher. Stattdessen bleibt man beim vorbereiteten Plan und fragt: Wie geht es Jürgen Mossack?

"Er fühlt sich sehr schlecht", sagt Guillermina McDonald, "der Skandal der Panama Papers hat ihn hart getroffen."

Im Laufe des Gesprächs wird schnell klar: Wann immer McDonald von dem Skandal der Panama Papers spricht, meint sie nicht die illegalen Machenschaften von Mossfon-Kunden, sie meint die Veröffentlichung selbst. Bei den Panama Papers handelt es sich ihrer Ansicht nach nicht um investigativen Journalismus, sondern um Datendiebstahl, also ein Verbrechen. Und ihr Klient Jürgen Mossack ist dementsprechend nicht Täter, sondern Opfer - genau wie seine Familie: "Zu diesem Skandal gibt es immer noch keinen Richterspruch. Aber er hat bereits bewirkt, dass sich einige der Kinder von Jürgen Mossack, die ebenfalls Anwälte sind, große Sorgen machen und Angst haben. Sie fühlen sich mit diesem Nachnamen in der Branche stigmatisiert."

Man könnte es natürlich auch so sehen, dass die Kinder das Stigma in Wahrheit ihrem Vater verdanken, und nicht etwa den Journalisten - aber derartige Gedanken haben im Schwarz und Weiß der Anwältin keinen Platz. Sie kritisiert die panamaische Regierung, spricht von einem Angriff "von außen" und beklagt, dass Mossack Fonseca zum Sündenbock gemacht worden sei für etwas, das ganz normales Geschäft gewesen sei in Panama. Die Panama Papers seien, etwas verkürzt, eine schreiende Ungerechtigkeit.

Die Existenzkrise beginnt für Mossack Fonseca schon, bevor die Panama Papers überhaupt veröffentlicht werden. Durch die Anfragen des ICIJ und der anderen SZ-Partner gewarnt, entwickelt Mossfon eine Medien-Strategie, wohl gemeinsam mit einer Firma für Krisen-PR. Die Mitarbeiter bekommen sogar einen Ansprechpartner für "besondere Situationen" mit Medien: das "Krisen-Komitee".

Gleichzeitig melden Mossfon-Angestellte den zuständigen Behörden verschiedener Länder hektisch angeblich "verdächtige Aktivitäten" ihrer Kunden - nach denen zuvor Journalisten gefragt haben. Das ist in etwa so überzeugend wie ein Hehler, der von einer geplanten Razzia bei ihm erfährt und noch schnell seine Kumpanen anschwärzt: alles Diebe, überall!

Die auf einmal so verdächtigen Aktivitäten waren Mossack Fonseca oft ja schon seit Jahren bekannt - und egal. Aber jetzt, wo man auf einmal im Fokus der Öffentlichkeit steht, spielt man lieber doch nach den Regeln. Es werden also Meldungen zu Sergej Roldugin verfasst, dem Cello spielenden besten Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin, oder zu dem höchst umstrittenen israelischen Diamantenhändler Beny Steinmetz, zum Vater des früheren britischen Premiers David Cameron, zu einer Firma des früheren Uefa-Präsidenten Michel Platini. Einige waren schon seit Jahren Kunden.

Dann gehen die ersten Artikel der Panama Papers online - und bei Mossack Fonseca bricht Chaos aus, wie die neuen Dokumente eindruckvoll belegen. Unvorstellbares Chaos. Journalisten aus aller Welt, Ermittler aus sehr vielen Ländern, Kunden von überallher, ihre Banken, Anwälte und Vermittler, sie alle wollen, alarmiert von Artikeln, Fernsehsendungen und Radiobeiträgen, Antworten. Am liebsten sofort.

Schon die Ermittler stellen Mossack Fonseca vor eine schier unlösbare Aufgabe. Durch die weltweite Berichterstattung kommen Anfragen von überall, inzwischen laufen in rund 80 Ländern weltweit Ermittlungen. Allein die Unidad de Análisis Financiera, Panamas Anti-Geldwäscheeinheit, wendet sich bis Ende 2017 mehr als 300 Mal an Mossfon. Gefragt wird fast immer nach Informationen über die wahren Eigentümer von Offshorefirmen. Jede einzelne Anfrage kostet Tage, wie soll Mossfon da hinterherkommen?

Aber nicht alle Ermittler sind geduldig. Bald schon werden die ersten Mossfon-Büros durchsucht, erst in Peru und in Ecuador, dann das Hauptquartier in Panama - ganze 27 Stunden bleiben die Ermittler.

Abgesehen von der Zeitproblematik gibt es noch einen weiteren Grund, warum viele Anfragen ohne echte Antworten bleiben: Mossack Fonseca hat selbst keine Ahnung. Laut internen Unterlagen weiß das Mossfon-Büro auf den Britischen Jungferninseln damals bei mehr als 70 Prozent der dort gegründeten und noch aktiven Offshore-Firmen nicht, wer dahinter steht. Bei den von Mossfon in Panama und auf den Seychellen gegründeten Briefkastenfirmen sind die Eigentümer gar in 75 Prozent der Fälle unbekannt - obwohl es inzwischen für jeden Offshore-Provider Vorschrift ist, diese grundlegenden Informationen vorrätig zu haben. Die Zahlen sind ein Desaster, und so sieht man das auch intern: Es sei "beschämend", schreibt eine Mitarbeiterin an ihre Kollegen.

Interessanterweise hatte Jürgen Mossacks Anwältin in dem Gespräch mit der SZ behauptet, Mossfon habe immer gewusst - "siempre!" -, wem jede einzelne Briefkastenfirma gehört.

Es ist ja auch vertrackt: Jahrzehntelang bestand das Tagesgeschäft darin, Briefkastenfirmen zu gründen, Scheindirektoren einzusetzen und Trusts, Gesellschaften oder Stiftungen so lange zu verschachteln und auf Steueroasen zu verteilen, bis garantiert kein Fahnder mehr durchblicken konnte. Auf der internen Prioritätenliste stand Verschleierung sehr weit oben - die Einhaltung internationaler Anti-Geldwäscherichtlinien eher weniger.

Seit den Panama Papers findet sich auf der aktuellen Prioritätenliste ein neues Ziel ganz oben. Es heißt: überleben.

Dafür muss Mossack Fonseca ab sofort alles anders machen, daher startet die Kanzlei das "Projekt Panama". Ziel ist, alle Eigentümer von Panama-Firmen zu identifizieren. Ähnliche Vorhaben werden in weiteren Steueroasen gestartet, in denen Mossack Fonseca aktiv war. Allerdings hat Mossfon nicht mit dem Widerstand der Kunden gerechnet. Viele Kunden finden die Idee absurd, nach dem Leak ihre sensibelsten Daten ausgerechnet Mossack Fonseca anzuvertrauen, ausgerechnet jetzt. Als ob nichts gewesen wäre.

In ungezählten Antworten an Kunden und Vermittler entschuldigen sich Mossfon-Mitarbeiter für die entstandenen Probleme und erlassen Gebühren, die Kanzlei mutiert zu einem einzigen Entschuldigungsautomaten. Doch das hilft kaum. Die meisten Mandanten haben nur einen Wunsch: so schnell wie irgendwie möglich wegkommen von dieser Firma, die inzwischen weltweit als Symbol einer kriminellen Parallelwelt gilt.

Die Anwälte von Fußballstar Lionel Messi beteuern, seine Firma sei "total inaktiv". Aber warum gibt es dann Aktivitäten?

Der Abschied ist meist wütend, das Ganze sei doch eine "Mickey-Mouse-Operation", schreibt einer. Man solle aufhören, nach Informationen zu fragen, Mossfon müsse doch nur auf der Homepage des ICIJ nachschauen, dort könne man es nachlesen - und alle Regierungen leider auch, beschwert sich ein anderer. Viele berichten von Ermittlungen gegen sich und von lästigen Journalisten, ein weiterer schreibt erkennbar aufgebracht, "wegen Mossack müssen Kunden jetzt Einkommensteuern bezahlen".

Auch die Vertreter der prominentesten Kunden sind aufgebracht. Anwälte des Fußballstars Lionel Messi - der inzwischen wegen Steuerbetrugs verurteilt wurde - beklagen, ihrem Kunden sei ein "irreparabler Schaden" entstanden. Die neuen Daten zeigen nun, dass Messis Firma offenbar im Mai 2016 noch genutzt wurde und ein paar Monate später zu einem neuen Dienstleister transferiert werden sollte, obwohl die Anwälte des Fußballers zuvor noch beteuert hatten, die Firma sei "total inaktiv". Warum soll sie dann weiterverschoben werden, wenn man sie angeblich nicht mehr nutzen will? Auf Anfrage des ICIJ antwortet ein Anwalt Messis eher allgemein: Die Firma sei nicht mehr in Gebrauch, die Familie habe außerdem ihre Steuerstreitigkeiten mit dem spanischen Staat längst geregelt.

Am Ende ist auch der Firmenname selbst eines der Probleme, vor denen Mossack Fonseca steht. Der Name ist Gift für jede Art von Zukunft. Banken weigern sich, Geld auf Mossfon-Konten zu überweisen, erzählt ein Mitarbeiter einem Kunden, daher halte man keine Konten mehr im Namen der Firma. Stattdessen beauftragt Mossfon eine Drittfirma, an die ihre Kunden fälliges Geld überweisen sollen.

Aber das Geschäft soll ja weitergehen, in einem seiner raren Interviews direkt nach der Veröffentlichung der Panama Papers sagt Jürgen Mossack trotzig, man werde jetzt nicht damit anfangen, Bananen zu verkaufen. Also werden Filialen umbenannt, aus Mossack Fonseca Samoa wird Central Corporate Services Limited, aus Mossack Fonseca British Anguilla wird Blue Icon Corporate Services Corp. und Mossack Fonseca Seychelles heißt fortan Aldabra Consulting Services. Die Mitarbeiter bleiben, oft sogar die Mossfon-E-Mail-Adressen.

In anderen Regionen übernehmen neu gegründete Firmen die bisherigen Mossfon-Kunden - auch hier meist mit demselben Personal. Unklar ist, ob diese angeblich unabhängigen Firmen noch zu Mossack Fonseca gehören, oder ob es unabhängige Ausgründungen ehemaliger Angestellter sind. Aber die Tatsache, dass drei angeblich unabhängig operierende Nachfolgefirmen vollkommen unabhängig voneinander das identische Logo gewählt haben sollen - nämlich die griechische Sagengestalt Pegasus -, macht zumindest stutzig.

Auf Anfrage der SZ antworten die neuen Firmen nicht, oder aber sie versichern, tatsächlich unabhängig zu handeln.

Wie auch immer - Mossack Fonseca lässt sich nicht mehr retten. Ein Büro nach dem anderen schließt seine Tore, alle ehemals 48 Mossfon-Außenstellen. Im März 2018 teilt auch das Hauptquartier in Panama mit, seine Geschäfte einzustellen. Durch "die Zerstörung ihrer Reputation" sei ein Weitermachen unmöglich. Einige wenige Angestellte würden noch Anfragen von Behörden beantworten. Die Firma werde weiter "für Gerechtigkeit kämpfen".

Einen ganz ähnlichen Anspruch auf Gerechtigkeit erheben auch etliche Staatsanwaltschaften, darunter die in Panama. Auf ihr Geheiß wurden Jürgen Mossack und Ramón Fonseca im Februar 2017 festgenommen, weil Mossfon eine "kriminelle Organisation" sei. Beide kamen später gegen Kaution frei. Nach einer neuen Verhaftungswelle sind derzeit, laut den panamaischen Behörden, sieben Mossfon-Mitarbeiter in Untersuchungshaft, 71 Personen werden verschiedener Delikte beschuldigt.

Die Firma wird bald Geschichte sein. Wer heute das Glasgebäude besucht, in dem sich die Kanzlei zu besseren Zeiten über drei Stockwerke ausbreitete, findet viel Leere. Das große Schild vor dem Glasgebäude steht nicht mehr. Wo vor zwei Jahren die Wachmänner noch den Auftrag hatten, Journalisten fernzuhalten, können diese heute einfach ins Treppenhaus gehen, vorbei an der ehemaligen Sicherheitsschleuse und dem Anmelde-Desk. Auch im Erdgeschoss und im ersten Stock sind alle Mossfon-Schilder abmontiert.

Im zweiten Stock schieben ein Frau und ein Mann gerade ein paar Schreibtischstühle in den Aufzug. Die letzten Reste des ehemaligen Branchenführers der globalen Schattenwirtschaft, das letzte Inventar. Auf E-Mails der SZ antwortet Mossack Fonseca längst nicht mehr. Alle Fragen zu diesem Text, die auch an Mossacks Anwältin Guillermina McDonald gegeben wurden, bleiben unbeantwortet.

Am Ende des Treffens hatte McDonald zwar wieder einen Besuch bei ihrem Klienten in Aussicht gestellt, wenn er sich überzeugen lasse. Aber es kommt nur die Nachricht: "Es wird kein Gespräch geben."

Mitarbeit: Ben Hallman, Sol Lauría, Will Fitzgibbon

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