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Moskaus Einflussnahme:Hinter der Maske

Erfundene Persönlichkeitsprofile, manipulierte Mitarbeiter - die Methoden werden raffinierter, mit denen im Internet russische Propaganda als Information verkauft wird.

Von Jannis Brühl

Die jungen Gesichter blickten überraschend freundlich drein dafür, dass sie sich angeblich täglich im Kampf gegen Imperialismus und Ungerechtigkeit aufreiben. Vielleicht liegt es daran, dass Jake, Alice und Ali, die angeblichen Redakteure der Webseite "Peace Data", wohl gar nicht existieren. Ihre Porträtfotos sollen von Software erzeugt, "Peace Data" von staatsnahen Manipulatoren aus Russland als Tarnorganisation aufgebaut worden sein.

Facebook und Twitter haben nach eigenen Angaben das dahinterstehende Netzwerk auf ihren Plattformen aufgespürt und abgeschaltet. Die Fake-Konten auf Facebook seien aus Russland gesteuert worden und hätten vor allem Facebook-Nutzer in den USA, Algerien, Ägypten und Großbritannien zu erreichen versucht. Der forensischen Analyse der Unternehmen zufolge ist es die erste Aktion der "Internet Research Agency" (IRA) während des US-Präsidentschaftswahlkampfs. Die IRA ist jene "Trollfabrik" in Sankt Petersburg, die es im US-Wahlkampf 2016 zu internationaler Berühmtheit brachte. Sie gehört dem Oligarchen Jewgeni Prigoschin, der enge Kontakte zum russischen Präsidenten Wladimir Putin unterhalten soll und auf der US-Sanktionsliste steht.

Ahnungslose Journalisten wurden über Jobbörsen im Internet angeheuert

Die neue Kampagne fällt bisher deutlich kleiner aus als die von 2016. Facebook zufolge bestand sie aus 13 Facebook-Profilen und zwei Unterseiten, die Artikel von Peace Data verbreiteten. Nur 14 000 Follower habe Peace Data auf dem Netzwerk gehabt. Mickrige 480 Dollar für Werbung auf Facebook habe die Gruppe ausgegeben. Twitter löschte fünf Profile "staatlicher russischer Akteure".

Spektakulär sind die Inhalte von Peace Data nicht, sie lesen sich eher wie das Klischee linker, US-kritischer Berichterstattung. Es geht wenig nuanciert gegen den Kapitalismus, um Vorwürfe, die USA und Israel würden Verbrechen begehen, und - ironischerweise - darum, dass die USA sich in die Politik anderer Länder einmischen. Die Webseite veröffentlicht auch auf arabisch, etwa Kritik an der französischen Außenpolitik in Afrika.

Doch Facebook zufolge hat die IRA ihre Tarnung verbessert. Um glaubwürdiger zu wirken, habe sie ahnungslose US-Journalisten über Jobbörsen im Netz angeheuert. Ein Biden-kritischer Autor erzählte der New York Times, er habe 75 Dollar für jeden seiner Artikel bekommen. Er wollte anonym bleiben. Autoren aus dem Zielland einzuspannen, das passt zu einer Strategie der IRA, die Forscher aus Stanford vergangenes Jahr in Afrika ausgemacht haben.

Facebook reichte die Daten über das Netzwerk auch an das Unternehmen Graphika weiter, das auf die forensische Analyse sozialer Medien spezialisiert ist. Dessen Bericht zufolge gaben sich die Fälscher viel Mühe, ihre Online-Persönlichkeiten echt wirken zu lassen. Sie erstellten Profile auf Facebook, Twitter und Linkedin - ein Konto erscheint glaubwürdiger, wenn dieselbe Figur auch an anderer Stelle im Netz auftaucht. Graphika zufolge ließen die Hintermänner zudem von lernfähigen Algorithmen Profilfotos für die "Redakteure" erstellen. In den vergangenen Jahren hat diese Technik große Fortschritte gemacht, und erzeugt beinahe täuschend echte Fotos, deren minimale Unstimmigkeiten Betrachter kaum noch irritieren. Anhand von Fehlern in der Symmetrie der Porträtfotos will Graphika die Fälschungen enttarnt haben, etwa bei Brillen und Ohrringen, sowie bei ungewöhnlichen Hintergründen hinter den Köpfen. Facebook-Freunde der angeblichen Journalisten hätten in mehreren Fällen sogenannte Stockfotos in ihren Profilen gehabt, also Bilder von Models aus öffentlich zugänglichen Datenbanken.

Weil die Kampagne auf linke Facebook-Nutzer gezielt habe, lautet die Hypothese von Graphika: Biden sollte deren Wählerstimmen verlieren, indem er und seine Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris als zu zentristisch dargestellt wurden. Ein Sprecher Bidens sagte der New York Times, Facebooks Erkenntnisse belegten, dass Russland via Facebook zugunsten Donald Trumps in den Wahlkampf eingreife. Allerdings hatten Graphika zufolge nur fünf Prozent der Artikel auf der Webseite Bezug zu den US-Wahlen gehabt. Facebook und Twitter erklären nur vage, wie sie das Netzwerk zur IRA zurückverfolgt haben. Die Unternehmen kooperierten wohl eng mit Strafverfolgern und Geheimdiensten. Der ursprüngliche Tipp war Facebook zufolge vom FBI gekommen, das dem Netzwerk in der analogen Welt auf die Schliche gekommen war. Die New York Times schreibt unter Berufung auf anonyme Quellen, die NSA habe mitgeholfen.

Es geht also um "Informationswäsche", in der analog zur Geldwäsche der Ursprung von Texten verschleiert wird. Bleibt die Frage, was die Verbreitung einiger Hundert linkslastiger Artikel auf einer obskuren Webseite für Auswirkungen hat. Bis heute ist aber unklar, ob Russlands Aktionen 2016 das Wahlergebnis merklich beeinflusst haben. Unklar ist, wie viele die Propaganda überhaupt wahrnahmen. Ziel von "Aktiven Maßnahmen", wie sie der KGB einst nannte, ist allerdings nicht unbedingt die Manipulation von Menschen. Sie sollen vielmehr vorhandene Gräben in der Gesellschaft vertiefen und die Menschen verunsichern, bis sie dem politischen System nicht mehr vertrauen.

Medienhäuser in anderen Staaten als Tarnorganisationen zu verwenden, ist eine klassische Geheimdiensttaktik aus dem Kalten Krieg. Im Nachkriegs-Berlin finanzierte die CIA Antikommunisten, die Fake-Zeitungen in der DDR verbreiteten, wie der Politikwissenschaftler Thomas Rid von der Johns-Hopkins-Universität schreibt. Auch die "Friedensbotschaft", die bei "Peace Data" schon im Namen steckt, wirkt fast wie eine Verbeugung vor den Versuchen osteuropäischer Geheimdienste, die westdeutsche Friedensbewegung von Ende der Siebzigerjahre an zu unterwandern.

Dass Kampagnen unter falscher Flagge auch von US-amerikanischem Boden ausgehen, zeigt eine weitere Passage in Facebooks Bericht. Ein Netzwerk aus 55 Profilen, 42 Unterseiten und 36 Konten auf Instagram habe Inhalte verbreitet, die sehr nach den außenpolitischen Interessen der USA klingen. Es ging etwa um Kritik an linken Parteien in lateinamerikanischen Staaten wie Mexiko und Venezuela. Facebook machte die Washingtoner PR-Firma CLS Strategies als Strippenzieherin ausfindig.

Peace Data war am Mittwoch noch online. In einem Text zeigen sich die Macher der Seite "schockiert" von der "hässlichen Lüge", man sei ein russischer Propagandakanal. Peace Data sei eine journalistische Seite "von Menschen für Menschen". Darüber prangt eine Guy-Fawkes-Maske. Sie ist ein Symbol für den Aufstand anonymer Internetnutzer gegen die Mächtigen - und zugleich eine Erinnerung, dass im Netz vieles nicht ist, wie es zu sein scheint. Vom Anarchisten bis zum Geheimdienstler kann schließlich jeder eine Maske aufsetzen.

© SZ vom 03.09.2020

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