Süddeutsche Zeitung

Moskaus Chemiewaffen:Lügen, Gift und Überläufer

Mitten in den Jahren der Entspannung nach dem Mauerfall lüftete der BND das Geheimnis des Kampfstoffes Nowitschok. Dieser Coup half bei den aktuellen Ermittlungen im Fall Skripal.

Von Georg Mascolo und Holger Stark

Im Juli des Jahres 1990, die Mauer war gefallen, die Einheit stand bevor, ging für die Deutschen eines der schrecklichsten Kapitel des Kalten Krieges zu Ende. Unter der Aufsicht von schwer bewaffneten Spezialeinheiten verluden US-Soldaten nahe dem pfälzischen Clausen 120 000 Artillerie-Granaten in luftdichte Container. 437 Tonnen zweier der gefährlichsten Chemiewaffen, Sarin und VX, wurden per Bahn nach Nordenham gebracht und auf US-Schiffe verladen.

"Operation Lindwurm" sollte Westdeutschland endgültig und für alle Zeiten von dieser Massenvernichtungswaffe befreien. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte der US-Regierung den frühen Abzug abgetrotzt, eigentlich war er erst für 1992 geplant.

Nur wenige Jahre später stand Kohls Regierung wieder vor einer Entscheidung, in der es um Chemiewaffen ging. Dieses Mal sollte es keine spektakulären Fernsehbilder geben, Geheimhaltung war angeordnet. Im Kanzleramt wurde um politische und völkerrechtliche Fragen gerungen. Es ging darum, ob Deutschland es zulassen dürfe, dass ein neuer, hochgefährlicher Kampfstoff ins Land gebracht wird: "Nowitschok", russisch für Neuling.

Es ging diesmal nicht um Tonnen, sondern um Milligramm, nicht um eine militärische, sondern um eine geheimdienstliche Operation. Mit dem Niedergang der Sowjetunion schwoll die Anzahl derjenigen an, die mit dem Verrat von Geheimnissen Geld verdienen oder gleich ganz überlaufen wollten. Der Bundesnachrichtendienst (BND) führte bereits seit einiger Zeit einen russischen Wissenschaftler als Quelle, nun hatte dieser angeboten, die Probe eines neuen Nervengiftes zur Verfügung zu stellen. Wenn er und seine Familie dafür in den Westen kommen dürften. Angeblich soll er aus Gewissensgründen gehandelt haben.

Ein neuartiger Kampfstoff? Heute kennt die ganze Welt Nowitschok, meist eine Form der sogenannten binären Chemiewaffen. Sie können kurz vor dem Einsatz aus zwei vergleichsweise harmlosen Substanzen zusammengefügt werden. Eine Nowitschok-Variante, A-234, wurde in hochreiner Form im März dieses Jahres bei dem Anschlag auf den russischen Doppelagenten Sergeji Skripal und seine Tochter verwandt. Damals aber, in den frühen 90erJahren, ist es erst einmal ein Verdacht, eine Befürchtung, dass die Sowjetunion eine neue Chemiewaffe entwickelt haben könnte, giftiger als alles, was sich bisher in den Arsenalen befindet. Es gibt Behauptungen, aber keine Belege.

Am Ende des Kalten Kriegs erklärte Michail Gorbatschow den Verzicht auf Chemiewaffen

Der Rüstungswettlauf bei den Chemiewaffen ist im Kalten Krieg ähnlich erbittert wie bei den Atomraketen. Die Supermächte versuchen ständig, sich zu übertrumpfen: Was tötet schnell und bereits in winziger Konzentration, was dringt durch Schutzausrüstung und Gasmaske? Bereits im Mai 1971 hatte die Kreml-Führung den Auftrag erteilt, an einer neuen, der sogenannten vierten Generation von Chemiewaffen zu forschen. In der Sowjetunion heißt der Code-Name für das Projekt "Foliant", ein Institut in einem Industriebezirk im Osten Moskaus gilt als die zentrale Forschungseinrichtung. Im sowjetischen Militärapparat ist sie nur unter ihrem Akronym bekannt: "GosNIIOKhT". Briefe kommen von einer Deckadresse: Post-Box M-5123.

Aber kann es wirklich sein, dass Russland für den Chemie-Krieg forscht? KP-Chef Michail Gorbatschow hat 1987 versprochen, dass sein Land auf Chemiewaffen verzichten wird. Auf die Erklärung folgt ein echter PR-Coup: Gorbatschow lässt ausländische Diplomaten und Journalisten zu einem "Tag der offenen Tür" in die hochgeheime Chemiewaffen-Anlage in Schichany fliegen. Sie werden dort von Generalleutnant Anatoliy Kunzewitsch herumgeführt, dem stellvertretenden Kommandeur der Chemiewaffen-Einheiten, und bekommen sogar Modelle von gasgefüllten Handgranaten vorgeführt. Es sind Glasnost-Zeiten. Aber mit den Angaben des BND-Informanten stellen sich nun drängende Fragen: Hat Gorbatschow die Wahrheit gesagt? Wird womöglich sein inzwischen amtierender Nachfolger, Präsident Boris Jelzin, vom eigenen Militär hintergangen? Und vor allem: Muss man befürchten, dass sich aus den riesigen Arsenalen der untergegangenen Sowjetunion nun andere bedienen - Syrien, Nordkorea, vielleicht sogar Terroristen?

Es ist eine Zeit großer Unruhe und riskanter Operationen. Die westlichen Geheimdienste wollen die Schwäche des einstigen Gegners nutzen, Quellen anwerben und Geheimnisse stehlen. Der BND ist ganz vorne mit dabei. Für den Kampfstoff interessieren sich die Deutschen sehr, aber dürfte er überhaupt eingeführt werden? Juristen im Verteidigungsministerium und im Kanzleramt werden eingeschaltet, Deutschland hat 1954 die sogenannten Pariser Verträge unterzeichnet. Eine der Gegenleistungen für das damalige Ende der alliierten Besatzung ist der Verzicht auf Massenvernichtungswaffen. Deutschland hat das Giftgas erfunden und im Ersten Weltkrieg als Erster eingesetzt. Und später geschworen, mit diesem Teufelszeug nie wieder etwas zu tun haben zu wollen. Kohl hat versprochen, dass dies auch für das wiedervereinigte Land gelten wird. Wie sieht es da aus, wenn Nowitschok nach Deutschland kommt? Würde man sich dem Verdacht aussetzen, den Stoff heimlich selbst nachbauen zu wollen?

Am Ende kommt so etwas wie ein Kompromiss heraus. Der russische Wissenschaftler kommt, über die Ukraine und Österreich, direkt zur BND-Zentrale in Pullach bei München. Die Probe wird offenbar nur wenig später seine Frau nach Westen transportieren, sorgsam verpackt, damit das Gift nicht entweichen kann. Die Bundeswehr unterhält im niedersächsischen Munster eine Forschungseinrichtung, sie liegt auf dem Gelände, auf dem die Deutschen einst Chemiewaffen testeten. Es ist ein schweres Erbe. Auch deshalb fällt im Kanzleramt die Entscheidung, ein neutrales Land mit chemischer Expertise zu suchen, um dort den Stoff analysieren zu lassen. Die Wahl fällt auf Schweden. Manche der damals Eingeweihten wollen sich daran erinnern, dass die Probe auf dem Umweg über Deutschland nach Schweden kam. Andere dementieren dies entschieden. Sicher ist, dass der russische Wissenschaftler in den Westen kommen durfte. Seit 1998 lebt er hier mit seiner Familie, zumindest zeitweilig auch in Deutschland. Die Bundeswehr übernahm für einige Zeit die Betreuung des Mannes.

Die Formel, die die Schweden aus der Probe extrahieren, entschlüsselt eines der größten Geheimnisse der untergegangenen Sowjetunion. Und in der Bundesregierung wird diskutiert, was man nun mit dieser Information anfangen soll. Ein Abkommen zur weltweiten Ächtung aller Chemiewaffen ist beschlossen, zudem haben die USA und die Sowjetunion bereits kurz vor dem Mauerfall eine Vereinbarung unterzeichnet, in dem sie sich eine weitgehende Offenlegung ihrer Arsenale versprechen. Aber Moskau hat die Nowitschok-Kampfstoffe verschwiegen. So wie auch der Sowjet-General Kunzewitsch schon beim Tag der offenen Tür gelogen hat. Später wird er in Verdacht geraten, dem syrischen Regime beim Aufbau seines Arsenals chemischer Waffen geholfen zu haben.

Die Bundesregierung lässt die alten Akten durchforsten. Sie will wissen, wie es damals war

Die Deutschen haben nun einen starken Beleg dafür, dass Russland sich nicht an die Vereinbarungen hält. Inzwischen ist der Verdacht auch öffentlich geworden: Der Whistleblower Wil Mirsajanow, so eine Art Chef der Spionageabwehr an dem berüchtigten Moskauer Institut, hat in mehreren Artikeln über die Existenz einer neuen Klasse von binären Kampfstoffen geschrieben. Er wird entlassen, zeitweilig wegen Geheimnisverrats inhaftiert, schließlich aber freigesprochen. 1995 darf Mirsajanow in die USA emigrieren und schreibt später, 2008, sogar ein Buch. Helmut Kohl trifft die Entscheidung, dass die engsten Nato-Verbündeten über Nowitschok informiert werden, später gründen die Deutschen gemeinsam mit den USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und den Niederlanden eine geheime Arbeitsgruppe, in der Informationen über Nowitschok ausgetauscht werden.

In manchen Nato-Staaten werden unter Geheimhaltung kleinste Mengen des Giftes produziert, um Schutzkleidung auf den neuesten Stand zu bringen und nach medizinischen Behandlungsmethoden zu suchen. Eine öffentliche Anklage gegen Russland aber bleibt aus. Kohl nennt Boris Jelzin einen Freund, "wir wollten keinen großen Krach", erinnert sich einer der damals Beteiligten. So wird nur ein Emissär nach Moskau geschickt, der eine einfache Botschaft überbringt: Wir wissen von Nowitschok, wir wissen, was ihr tut. Auch die USA fragen die Russen. Die, so schildern es amerikanische Quellen, sollen dessen Existenz nicht bestritten haben. Aber an den Giften sei nur geforscht worden, sollen die Russen geantwortet haben, es sei nichts produziert worden.

Es ist diese lange Geschichte, die es den Briten erlaubt, nach dem Anschlag auf Skripal innerhalb kürzester Zeit zu ermitteln, womit er und seine Tochter vergiftet wurden. Salisbury ist nicht weit entfernt von der britischen Forschungseinrichtung "Porton Down" - und deren Experten wussten, was der BND und andere über Nowitschok in Erfahrung gebracht hatten.

Auf dem Höhepunkt der Skripal-Affäre, als es zu einer Massenausweisung von russischen Diplomaten aus den USA und Europa kam, meldete sich der russische Botschafter in London mit einem Dementi zu Wort: "Wir haben Nowitschok nicht produziert und gelagert." Russland biegt und beugt sich die Wahrheit zurecht. Wahr ist aber auch: Nowitschok ist schon lange kein Geheimnis mehr. Deshalb ist die von den Briten bemühte These, dass das Gift nur aus Russland kommen könne, gewagt.

Nach dem Mordversuch an Skripal meldeten sich einige der wenigen Beamten, die sich noch an die deutsche Nowitschok-Operation erinnern, bei ihren Vorgesetzten, etwa im Verteidigungsministerium. Inzwischen werden streng geheime Akten aus dem Archiv geholt, die heutige Bundesregierung will wissen, was damals war. Denn der Schlagabtausch zwischen Russland und dem Westen über Nowitschok wird weitergehen. Inzwischen behauptet die britische Regierung, dass Russland "noch in der letzten Dekade" kleine Mengen von Nowitschok produziert habe, zudem seien Spezialisten darin ausgebildet worden, solche Kampfstoffe einzusetzen - etwa an Türgriffen. Am Türgriff ihres Wohnhauses sollen sich auch Skripal und seine Tochter vergiftet haben.

Die Vertuschung rund um Nowitschok, so behaupten es jedenfalls die Briten, dauert bis heute an.

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Quelle:
SZ vom 17.05.2018/bepe
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