bedeckt München

Moskaus Chemiewaffen:Die Bundesregierung lässt die alten Akten durchforsten. Sie will wissen, wie es damals war

Die Deutschen haben nun einen starken Beleg dafür, dass Russland sich nicht an die Vereinbarungen hält. Inzwischen ist der Verdacht auch öffentlich geworden: Der Whistleblower Wil Mirsajanow, so eine Art Chef der Spionageabwehr an dem berüchtigten Moskauer Institut, hat in mehreren Artikeln über die Existenz einer neuen Klasse von binären Kampfstoffen geschrieben. Er wird entlassen, zeitweilig wegen Geheimnisverrats inhaftiert, schließlich aber freigesprochen. 1995 darf Mirsajanow in die USA emigrieren und schreibt später, 2008, sogar ein Buch. Helmut Kohl trifft die Entscheidung, dass die engsten Nato-Verbündeten über Nowitschok informiert werden, später gründen die Deutschen gemeinsam mit den USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und den Niederlanden eine geheime Arbeitsgruppe, in der Informationen über Nowitschok ausgetauscht werden.

Toxisches Erbe: Auch Jahre, nachdem Moskau die Vernichtung von chemischen Kampfstoffen versprochen hatte, existierten noch Reste - wie hier auf einem Bild aus dem Jahr 2000 im russischen Gorny.

(Foto: AP)

In manchen Nato-Staaten werden unter Geheimhaltung kleinste Mengen des Giftes produziert, um Schutzkleidung auf den neuesten Stand zu bringen und nach medizinischen Behandlungsmethoden zu suchen. Eine öffentliche Anklage gegen Russland aber bleibt aus. Kohl nennt Boris Jelzin einen Freund, "wir wollten keinen großen Krach", erinnert sich einer der damals Beteiligten. So wird nur ein Emissär nach Moskau geschickt, der eine einfache Botschaft überbringt: Wir wissen von Nowitschok, wir wissen, was ihr tut. Auch die USA fragen die Russen. Die, so schildern es amerikanische Quellen, sollen dessen Existenz nicht bestritten haben. Aber an den Giften sei nur geforscht worden, sollen die Russen geantwortet haben, es sei nichts produziert worden.

Es ist diese lange Geschichte, die es den Briten erlaubt, nach dem Anschlag auf Skripal innerhalb kürzester Zeit zu ermitteln, womit er und seine Tochter vergiftet wurden. Salisbury ist nicht weit entfernt von der britischen Forschungseinrichtung "Porton Down" - und deren Experten wussten, was der BND und andere über Nowitschok in Erfahrung gebracht hatten.

Auf dem Höhepunkt der Skripal-Affäre, als es zu einer Massenausweisung von russischen Diplomaten aus den USA und Europa kam, meldete sich der russische Botschafter in London mit einem Dementi zu Wort: "Wir haben Nowitschok nicht produziert und gelagert." Russland biegt und beugt sich die Wahrheit zurecht. Wahr ist aber auch: Nowitschok ist schon lange kein Geheimnis mehr. Deshalb ist die von den Briten bemühte These, dass das Gift nur aus Russland kommen könne, gewagt.

A police officer stands guard outside of the home of former Russian military intelligence officer Sergei Skripal, in Salisbury

Sergei Skripals Haus in der britischen Stadt Salisbury. Das Nervengift Nowitschok soll über die Türgriffe in den Körper des russischen Überläufers und seiner Tochter gelangt sein.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Mordversuch an Skripal meldeten sich einige der wenigen Beamten, die sich noch an die deutsche Nowitschok-Operation erinnern, bei ihren Vorgesetzten, etwa im Verteidigungsministerium. Inzwischen werden streng geheime Akten aus dem Archiv geholt, die heutige Bundesregierung will wissen, was damals war. Denn der Schlagabtausch zwischen Russland und dem Westen über Nowitschok wird weitergehen. Inzwischen behauptet die britische Regierung, dass Russland "noch in der letzten Dekade" kleine Mengen von Nowitschok produziert habe, zudem seien Spezialisten darin ausgebildet worden, solche Kampfstoffe einzusetzen - etwa an Türgriffen. Am Türgriff ihres Wohnhauses sollen sich auch Skripal und seine Tochter vergiftet haben.

Die Vertuschung rund um Nowitschok, so behaupten es jedenfalls die Briten, dauert bis heute an.

© SZ vom 17.05.2018/bepe

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite