Mosambik:Kalifat am Indischen Ozean

Mosambik: Spur des Terrors im Dorf Aldeia da Paz. Immer wieder fallen Bauern im Norden von Mosambik Kämpfern einer islamistischen Miliz zum Opfer.

Spur des Terrors im Dorf Aldeia da Paz. Immer wieder fallen Bauern im Norden von Mosambik Kämpfern einer islamistischen Miliz zum Opfer.

(Foto: MARCO LONGARI/AFP)

Eine islamistische Miliz breitet sich im Norden des Landes aus, der Staat ist machtlos, auch angeheuerte ausländische Söldner konnten gegen die Dschihadisten bisher nichts ausrichten.

Von Anna Reuß, München

Mit dem Angriff auf mehrere Polizeistationen und Regierungsbeamte in der Stadt Mocímboa da Praia im Oktober 2017 hat kaum einer gerechnet - außer der Islamische Rat der Provinz. Jahrelang hatte dieser die Behörden vor den Extremisten und deren gefährlicher Ideologie gewarnt. Der Anschlag war der Beginn des Terrors in Cabo Delgado, einer Provinz im Norden Mosambiks. Im darauffolgenden Jahr wurden knapp 500 Verdächtige festgenommen. Doch das hat die aufständische Miliz nicht gestoppt.

Die Terroristen haben ihr Territorium erfolgreich abgesteckt und immer wieder ihr Ziel klargemacht: Sie wollen einen Staat auf Grundlage der Scharia errichten und das säkulare Bildungssystem abschaffen. Sie eröffneten eigene Moscheen und Koranschulen und rekrutierten Mitglieder unter Jugendlichen. Vor allem aber gehen sie brutal gegen alle vor, die sich ihnen in den Weg stellen.

Im Mai dieses Jahres etwa töteten Bewaffnete in einem Dorf mehr als 50 Menschen - einige von ihnen wurden enthauptet. Die Opfer hatten sich geweigert, sich den Terroristen anzuschließen. Kurz darauf kündigte Tansanias Regierung an, Truppen an die Grenze zu Mosambik zu schicken. Sie sollen jene Gruppe bekämpfen, die als al-Shabaab bekannt ist und dem "Islamischen Staat" Treue schwor. Zur gleichnamigen Miliz in Somalia soll sie keine nennenswerte Verbindung haben.

Die Regierung heuert private Militärunternehmen aus Russland und Südafrika an

Mosambiks Präsident Filipe Nyusi, der im Januar für eine weitere Amtszeit vereidigt wurde, will den Aufstand im Norden um jeden Preis eindämmen. Die Regierung kooperiert dabei allerdings nicht nur mit ausländischem Militär, sondern heuert auch private Sicherheitsfirmen an. 2019 sollte die russische Wagner-Gruppe die Terroristen bekämpfen. Doch weder moderne Waffen noch Einsatzerfahrung in Krisengebieten haben ihr genutzt: Nach nicht einmal drei Monaten und fast einem Dutzend toten Söldnern zog sie sich zurück. An ihre Stelle rückte die Dyck Advisory Group, ein privates Militärunternehmen aus Südafrika.

Mosambik ist nicht der einzige Staat, der professionelle Söldner beauftragt. Obwohl die UN-Generalversammlung 1989 das "Internationale Übereinkommen gegen die Einstellung, Verwendung, Finanzierung und Ausbildung von Söldnern" ratifizierte, haben afrikanische Regierungen immer wieder dagegen verstoßen. Im Sudan sollte die Wagner-Gruppe im Auftrag des gestürzten Omar al-Baschir die taumelnde Diktatur stützen. In Guinea, wo sich der greise Präsident Alpha Condé per Verfassungsänderung eine dritte Amtszeit verschaffte, sollten Russlands Söldner gegen Demonstranten vorgehen. In der Zentralafrikanischen Republik gab man sich wenig Mühe, den Einsatz zu kaschieren: An den Straßen hingen Plakate, auf denen die Aufschrift prangte: "Russland: Hand in Hand mit Ihrer Armee".

Als drei russische Journalisten 2018 die Rolle privater Militärfirmen mit angeblichen Verbindungen zum Kreml untersuchten, wurden sie ermordet. Das jüngste Beispiel dafür, dass Russland mit seiner Söldner-Truppe außenpolitischen Einfluss geltend macht, ist ihr Einsatz in Libyen. Dort unterstützen Hunderte Söldner das Lager des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar, wie es in einem im Mai öffentlich gewordenen UN-Bericht heißt. Private Söldner werden angeheuert, um diskret die Drecksarbeit zu erledigen - oder Aufträge, denen das Militär nicht gewachsen ist.

Nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal stürzte das Land am Indischen Ozean in einen Bürgerkrieg. Immer wieder eskalierte die Gewalt zwischen der früheren Guerillagruppe und jetzigen Oppositionspartei Renamo und der früheren Befreiungsbewegung Frelimo, die seit dem Kriegsende alle Wahlen in Mosambik gewann.

Vom Reichtum an Bodenschätzen profitiert die Bevölkerung nicht

Viele Mosambikaner leben in Armut, die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. 2016 war der Staat fast bankrott. Die Regierung hatte geheime Kredite autorisiert, die nur durch rechtswidrige staatliche Garantien möglich waren. Daraufhin stoppten viele Länder, auch Deutschland, ihre Unterstützung.

Seit Beginn des Konflikts im Norden haben die Terroristen 2000 Menschen getötet. Die Regierung hat die Kontrolle über drei Küstenbezirke verloren. Obwohl die Gruppe so martialisch vorgeht, sind viele junge Männer für die fundamentalistische Interpretation des Islam empfänglich. Cabo Delgado ist reich an unerschlossenen Bodenschätzen. 2010 wurden riesige Gasreserven vor der Küste entdeckt. Ausländische Firmen investierten in Infrastrukturprojekte - allerdings ohne dass die Bevölkerung davon profitierte. Experten rechnen frühestens 2028 mit Staatseinnahmen aus der Erdgasförderung. Viele Bauern verloren ihr Land, Fischer wurden von den Küsten vertrieben. Die Extremisten haben diese Unzufriedenheit instrumentalisiert.

Aber auch die Behörden tragen eine Mitverantwortung an der schnellen Expansion des Terrorismus. Sicherheitskräfte sollen Männer zusammengetrieben, festgenommen und sie willkürlich bezichtigt haben, mit den Terroristen zu sympathisieren. Am Ende nützt Missbrauch staatlicher Gewalt den Extremisten. Dieses Phänomen ist auch in der Sahelregion, die an die Sahara grenzt, zu beobachten. Nach Einschätzung von Menschenrechtsgruppen trägt das Militär geradezu zur erfolgreichen Rekrutierung bei, indem es willkürlich gegen Zivilisten vorgeht, wenn diese verdächtigt werden, mit den militanten Islamisten zu kooperieren.

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