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Mordserie:Chiffren eines tödlichen Codes

Die Räume sind schlicht, mit Akten und Computern gefüllt. Die Computer leisten in diesem Fall Dinge, die ein einzelner Mensch gar nicht leisten könnte, sagt ein Kriminalhauptkommissar. Die neue Software "Easy" verknüpft automatisch alle Spuren und Namen, die Opfer und ihr Umfeld auf laufende Verfahren, Beziehungen zur organisierten Kriminalität, Zehntausende Datensätze, deren Grafik bei jedem Namen dem Blick in ein Sonnensystem voller unentdeckter Sterne gleicht. Zehntausende Daten und ein tödlicher Code, der nicht zu knacken ist.

Phantombilder, ddp

Phantombilder von zwei Radfahrern, die im Zusammenhang mit dem Mord in Nürnberg gesucht werden.

(Foto: Foto: ddp)

Es gab in Einzelfällen Verbindungen eines Opfers ins Rotlichtmilieu, in die Kleinkriminalität. Am Kofferboden eines der Erschossenen fanden sich Rückstände von Drogen. Aber mehr gibt es nicht, vor allem nicht die geringste Verbindung zwischen den Opfern. Keine Kurdenspur, keine Heroinmafia, keine Islamisten, kein Schutzgeld.

Die angeblich heißeste Spur hat sich wohl schon in Nichts aufgelöst. Im Kasseler Internet-Café saß zur Tatzeit ein Mann vom hessischen Verfassungsschutz. Bei der Polizei meldete er sich nicht. Als er dann durch Recherchen im Netz gestellt wurde, fehlte nach Aussage der Fahnder ein glaubhaftes Motiv für dieses Schweigen.

Doch er kommt für die anderen acht Taten wahrscheinlich nicht in Frage, und seine Zurückhaltung erklärt sich, so die Polizei, eher mit der Peinlichkeit, dass er im Internet auf Kontaktseiten unterwegs war.

In einer fremden Welt

Bei den Türken stießen die Ermittler auf eine fremde Welt. Und auf Schweigen. Mitten in München, Nürnberg und Kassel gibt es diese Welt mit ihren anderen Spielregeln. Wenn die Polizei kommt, ist man skeptisch. Die Vorsicht gegenüber der Staatsgewalt haben die Türken von zu Hause mitgebracht.

"Du kannst bei einem türkischen Händler nicht einfach zu Hause reinplatzen und Fragen stellen", sagt Fahnder Vögeler: "Bei denen läuft das nicht."

Man setzt sich hin, akzeptiert die Einladung zum Tee, erkundigt sich nach der Familie. Erst dann kommt man langsam zur Sache. Aber herausgekommen ist nichts.

Nach sechs Jahren harter Ermittlungsarbeit sagt Geier: "Wenn eine kriminelle Organisation dahinter stecken würde, wäre sie so gut, dass wir immer noch keinerlei Indiz für ihre Existenz hätten." Eine Reihe von Ermittlern prüft weiterhin, ob sich die vielen Informationsfetzen zu einem Bild verdichten oder wenigstens zur Ahnung eines Bildes, das auf eine mafiaartige Bande hinweist.

Aber eigentlich meint Geier, es sei sehr fraglich, ob es eine solche Organisation gibt.

Vielleicht, dachte der Profiler Alexander Horn schon früh, gibt es ja auch einen Grund, warum das Umfeld der Opfer so wenige Hinweise ergab. Vielleicht ist es ja so, dass die Türken schlicht nichts sagen können. Vielleicht wissen sie wirklich nichts, weil die Mordopfer gar nichts miteinander zu tun haben.

Bessere Gelegenheiten genutzt

Womit die Fallanalytiker bei ihrer entscheidenden Frage waren: Ein Berufskrimineller tut nur, was er tun muss. Was aber hat der Täter getan, was er zur Ausführung des Mordes nicht hätte tun müssen? Er geht ein enormes Risiko ein.

Ein professioneller Auftragskiller "hätte wesentlich bessere Gelegenheiten genutzt": wenn das Opfer abends den Laden abschließt, einen dunklen Parkplatz, verlassene Straßen auf dem Heimweg. Aber er tötet am helllichten Tag.

Horns Leute haben also eine neue Hypothese entworfen: Es handelt sich um einen Einzeltäter, einen Serienmörder, der seine Opfer nicht einmal persönlich kennen muss und sie zufällig auswählt. Diese Hypothese würde vieles erklären.

Erklärbar würde, warum einige der neun Männer getötet wurden, ohne dass ein Fremder ihre Anwesenheit am Tatort vorhersehen konnte. Zum Beispiel der Mord in Kassel: Wenige Minuten später hätte das Opfer das Café bereits verlassen.

Der fahrende Blumenhändler in Nürnberg: Er machte die Urlaubsvertretung für eine seiner Aushilfen. Der Tote in Rostock: ein Illegaler, der bei dem Budenbesitzer kurzfristig Unterschlupf gefunden hatte. Schließt Du morgen mal den Laden auf? fragte der. Der Gast tat es - und starb.

Alexander Horn sagt: "Wenn gerade diese Männer getötet werden sollten, hätten der oder die Täter sie mit enormem Aufwand observieren müssen. Eigentlich konnte niemand wissen, dass sie an diesem Zeitpunkt an diesem Ort waren." Dem falschen Ort zur falschen Zeit.

Serienmörder sind - auch wenn sie in Kriminalromanen und Fernseh-Thrillern in Legionsstärke umgehen - ein extrem seltenes Phänomen. Wenn Horns Hypothese zutreffen sollte, wäre dies ein Serienmord ohne Beispiel in der deutschen Kriminalgeschichte.

Die Fallanalytiker des Bundeskriminalamtes haben nachgewiesen, dass die meisten Serienvergewaltiger und Sexualmörder "regional vorgehen", also in der Nähe ihres Heimatortes. Doch dieser Täter operiert zwischen Rostock und München. Serientaten sind meist sexuell motiviert, diese aber nicht.

Das öffentliche Bild vom Serienmörder besteht aus genialisch-diabolischen Psychopathen wie Hannibal the Cannibal aus dem Klassiker "Das Schweigen der Lämmer". So einen, sagt Horn, habe er noch nie getroffen: "Das Unnormale ist erst auf den zweiten Blick zu sehen."

Serienmörder tragen kein Kainsmal. Fasst man sie, ist die Reaktion von Bekannten und Nachbarn erst einmal: "Von dem hätte ich das nie gedacht." So einen suchen sie nun. Einen, der vielleicht ganz normal wirkt. Der aber gut mit Waffen umgehen kann, er hat das Schießen gelernt, beruflich oder auch privat. Vielleicht ist er ein Sammler oder auch Mitglied eines Schützenvereins.

An dem möglicherweise auffällt, dass er im Bekanntenkreis oft über die Mordserie spricht, der manchmal unruhig und unausgeglichen ist. Der in der langen Pause zwischen August 2001 und Februar 2004 möglicherweise etwas erfahren hat, was ihn stabilisierte, eine feste Beziehung, ein neuer sozialer Zusammenhalt. Der tötet, wenn er in seinem Leben unter Stress gerät.

Die Fallanalytiker glauben, dass dieser Mann vor seinen Taten nervös und auffällig ist. Im Gegensatz zu Sexualmördern, die nach ihrem Verbrechen oft sehr durcheinander sind. "Die Tat", sagt Horn, "könnte ihn eher stabilisieren. Ihn treibt ein ausgesprochenes Zerstörungsmotiv."

Aber welches? Für einen Rechtsextremisten gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Es muss, so glauben die Profiler, eher mit einem persönlichen Erlebnis zu tun haben: "Irgend etwas mag im Umgang mit Türken vorgefallen sein, dass ihm extrem negativ oder demütigend erschien."

Wie ein Schiff, das im sicheren Hafen ankert, muss auch dieser Mann ein Zuhause haben. "Es spricht vieles dafür, dass er seinen Ankerpunkt in Nürnberg hat", sagt Fahndungsleiter Geier. Das kann eine Wohnung sein oder ein Arbeitsplatz. In Nürnberg beginnt die Serie. In Nürnbergs Südosten hatte und brauchte der Täter spezielle Kenntnisse: etwa, wann der Schneider seinen Laden wirklich offen hatte.

Ein Teil der Taten, gerade jene außerhalb Nürnbergs, könne "an Routinehandlungen gekoppelt sein", meint Horn, was bedeutet: Der Täter hat einen plausiblen Grund, sich in oder bei Hamburg, München, Rostock oder Kassel aufzuhalten.

Die stärkste Waffe

Auffälligerweise geschahen die meisten Taten in der Wochenmitte. Ist er dann dienstlich unterwegs? Ein Mann vom Transportwesen, von einem Kundendienst oder einem technischen Service? Ist er dabei allein?

Und es bleiben weitere Fragen: die zweite Waffe, die vage Zeugenaussage von zwei Radfahrern, die zur Tatzeit beim Dönermann in Nürnberg gewesen sein sollen. Gibt es am Ende einen Gehilfen, einen hörigen Mittäter wie bei den Snipern von Washington?

Dort hatten die Heckenschützen, ein sozial verwahrloster Armeeveteran und sein Ziehsohn, mit einem Präzisionsgewehr mehrere Menschen getötet. Aber die waren wahllos ausgesucht, und acht tote türkische Kleinhändler und ein griechischer, den man für einen Türken halten könnte, sind das nicht.

Die Hypothese, die Suche nach Wahrscheinlichkeiten, ist die stärkste Waffe, die den Ermittlern nach so langer und so erfolgloser Suche geblieben ist. Vielleicht hilft die Hypothese vom Serienmörder, den Mann endlich zu fassen.

Vielleicht wird Horn dann damit Recht behalten haben, wenn er sagt: "Wir haben es hier nicht mit einem durchgeknallten Irren zu tun." Vielleicht wird Geier dem Subjekt seiner Jagd einst gegenüber stehen. Und in den Abgrund blicken, der schon neun Menschenleben verschlungen hat.

© SZ vom 7.8.2006
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