Morde im Jemen "Die Lage ist undurchschaubar"

Wer steckt hinter dem Entführungsdrama im Jemen? Die Politologin Zoé Nautré erklärt, welche Rolle al-Qaida in dem Land spielt.

Interview: Oliver Bilger

Das Entführungsdrama im Jemen lässt noch immer viele Fragen offen. Zoé Nautré ist Politologin und Associate Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin (DGAP). Zu ihren Schwerpunkten zählt die Entwicklung in arabischen Ländern, davor hat sie als Gutachterin der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zum Thema Konfliktprävention in Jemen gearbeitet. Im Interview mit sueddeutsche.de spricht sie über die Rolle von al-Qaida in der Region und ob die Rebellengruppe al-Houthi etwas mit dem Tod von zwei deutschen Frauen zu tun haben könnte.

Ein Krankenwagen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa verlässt das Militärkrankenhaus, in dem die Leichen drei entführter Ausländer aufbewahrt werden.

(Foto: Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Bis jetzt ist immer noch unklar, wer dieTäter sind. Die Regierung beschuldigt die Al-Houthi-Rebellen. Beobachter in Sanaa verweisen darauf, dass die Gewalt auf das Terrornetzwerk al-Qaida schließen lässt.

Zoé Nautré: Die aktuellen Ereignisse passen nicht in das gängige Schema einer Entführung im Jemen. Stämme im Land nutzen diese, um Aufmerksamkeit für ihre Belange zu erzeugen. Meistens geht es darum, die Freilassung von Familienangehörigen aus dem Gefängnis zu erpressen oder um Geld. Die Stämme finden kaum Gehör bei der Zentralregierung. So hat es sich als ein probates Mittel erwiesen, um Druck zu erzeugen.

Die Familie al-Houthi, die von der Regierung beschuldigt wird, distanziert sich von der Tat. Der gewaltsame Tod lässt viele spekulieren, dass die Entführung eine andere Handschrift trägt. Diese Brutalität deutet auf Al-Qaida-Kämpfer aus dem Irak oder Afghanistan hin, die nach Jemen zurückgekehrt sind oder andere Extremisten, die sich in der Region Sadaa aufhalten.

sueddeutsche.de: Wer genau sind die Al-Houthi-Rebellen?

Nautré: Al-Houthi sind kein Stamm, sondern eine schiitische Religionsgemeinschaft. Der jemenitische Staat vernachlässigt in ihren Augen die Religion und arbeitet zu stark mit den USA zusammen. Die Rebellen haben teilweise Rückhalt in der Bevölkerung, werden aber auch nicht von allen Stämmen im Norden unterstützt. Die Lage ist sehr kompliziert und kaum durchschaubar.

sueddeutsche.de: Welches Motiv für eine Entführung könnten die Rebellen haben?

Nautré: Eigentlich sehe ich kein Motiv. Das ist auch nicht ihre Art. Einer der Brüder der Al-Houthi-Familie lebt in Berlin. Ich denke, die Familie würde nichts tun, um es sich mit den Deutschen zu verscherzen.

sueddeutsche.de: Bisher hieß es, al-Qaida sei in der Region nicht aktiv. Weitet das Terrornetzwerk seine Aktivität in Jemen aus?

Nautré: Aus dem Norden des Landes gibt es seit einiger Zeit verstärkt Kommunikation mit Al-Qaida-Gruppen in Pakistan und Afghanistan. Das deutet darauf hin, dass die Terroristen das Gebiet immer mehr als Rückzugsgebiet benutzen. Der Norden ist sehr gebirgig und hat eine schlechte Infrastruktur. Die Zentralregierung hat kaum Einfluss auf die Region und kann sie nur schlecht überwachen.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt al-Qaida im Jemen?

Nautré: Es gab in den vergangenen Jahren einige Anschläge, etwa auf die USS Cole im Jahr 2000. Aber al-Qaida war bisher nicht sonderlich stark, die Organisation hat auch keinen größeren Rückhalt in der Bevölkerung.

sueddeutsche.de: Würde sich al-Qaida nicht auch zu der Entführung bekennen?

Nautré: Das ist das seltsame an diesem Entführungsfall. Alle warten darauf, dass sich jemand meldet und die Tat bekennt.

sueddeutsche.de: Vieles ist noch immer unklar, darunter auch die genaue Zahl der Toten. Warum ist es so schwierig, Informationen zu bekommen?

Nautré: Es gibt kaum ausländische Organisationen im Norden, das ganze Gebiet ist für Ausländer gesperrt. Seit 2004 gibt es den Konflikt zwischen der Regierung und den Al-Houthi-Rebellen, seitdem kommen kaum Ausländer dort rein und auch keine Journalisten.

Schwierig ist zudem die Lage der Pressefreiheit. Die jemenitische Regierung hat kein Interesse daran, negative Schlagzeilen zu bekommen. Da passt es der Regierung ganz gut in den Kram, die Entführung den Al-Houthi-Rebellen zuzuschreiben.

sueddeutsche.de: Wie sicher ist der Jemen zurzeit überhaupt?

Nautré: Die Entführung und die Gewalt schrecken Touristen natürlich sehr ab. Entführungen schaden auch der Entwicklungszusammenarbeit. Deutschland ist einer der größten Geldgeber, deshalb gibt es auch so viele Deutsche, die entführt werden. Die Zusammenarbeit, die angesichts der entwicklungs- und sicherheitspolitischen Lage dringend notwenig ist, wird dadurch immer schwieriger.