Mordanschlag auf Ex-Spion in Großbritannien Theresa May und die 14 mysteriösen Todesfälle

Mitten in England wird ein russischer Ex-Spion vergiftet, verdächtigt wird Russland. Die Opposition verweist auf ein Dossier, demzufolge Moskau schon früher in Großbritannien töten ließ - und britische Politiker jahrelang untätig blieben.

Von Matthias Kolb

Die Innenministerin hat zwei Botschaften, die sie loswerden will. Der Polizist, der sich nach der Attacke auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia um die beiden Opfer kümmerte, habe die Intensivstation verlassen und könne sprechen, sagt die britische Innenministerin Amber Rudd. Und dann versichert sie den Zuschauern von "Good Morning Britain": Natürlich ist die öffentliche Sicherheit garantiert, es gibt keinen Grund zur Sorge.

Zuvor sagte die konservative Politikerin der BBC, dass es an der britischen Antwort "nichts Weiches" geben werde. Am Mittwoch hatte Scotland Yard bestätigt, dass Vater und Tochter mit einem Nervengift angegriffen wurden - ohne jedoch die Substanz zu nennen oder klare Indizien in Bezug auf die Täter zu geben. Die Spekulationen, dass Moskau den Tod des 2010 ausgetauschten Russen beauftragt hat, werden so jedoch nicht beendet - auch Außenminister Boris Johnson kündigte bereits eine "angemessene und robuste" Reaktion an, falls sich die Vorwürfe als wahr herausstellen sollten. Der Kreml weist alle Anschuldigungen zurück.

Sicherheitspolitik Ex-Spion Skripal wurde mit Nervengift angegriffen
England

Ex-Spion Skripal wurde mit Nervengift angegriffen

Die neuesten Erkenntnisse von Scotland Yard dürften Spekulationen nähren, dass der Kreml hinter dem Angriff auf den Ex-Doppelagenten und seine Tochter steckt. Der Fall gilt nun als versuchter Mord.  Von Björn Finke, London

Gerade auf Innenministerin Amber Rudd warten unangenehme Fragen, ob die Regierung und die Behörden in der Vergangenheit angemessen reagiert hat. Im Zentrum der Kritik steht ein sechsteiliges Dossier, das Buzzfeed News im Juni 2017 veröffentlichte und deren Teile mit "From Russia with Blood" oder "Gift im System" überschrieben sind.

Es basierte auf einer zweijährigen Recherche von einem halben Dutzend Investigativreporter, die insgesamt 14 mysteriöse Todesfälle dokumentierten, die Geheimdienste und Polizei mit Moskau in Verbindung bringen. Letztlich, so der Vorwurf von Buzzfeed News, habe die Regierung in London entschieden, diesen Spuren nicht weiter nachzugehen, um die ohnehin schlechten bilateralen Beziehungen nicht zu belasten oder "es zu riskieren, dass nicht weiterhin jedes Jahr viele Milliarden aus Russland in britische Banken und Immobilien fließen".

Wörtlich heißt es weiter: "17 aktuelle und frühere Mitarbeiter von britischen und amerikanischen Geheimdiensten haben Buzzfeed bestätigt, dass russische Mörder im letzten Jahrzehnt ungestraft in Großbritannien töten konnten." Ein Berater der britischen Regierung sagte 2017 im Schutz der Anonymität, dass die Minister nicht bereit seien, das "politische Risiko einer harten und effektiven Reaktion auf das russische Treiben" einzugehen. Sie hätten Angst vor der russischen Mafia und vor Vergeltungsaktionen Moskaus, gerade durch Hacker.

Für Premierministerin Theresa May ist das Thema besonders brisant: Sie war von Mai 2010 bis Juli 2016 Innenministerin; in ihre Amtszeit als Home Secretary fielen acht der 14 mysteriösen Todesfälle und sie verantwortete diverse Einsparungsrunden. Yvette Cooper, die Vorsitzende des Innenausschusses im Unterhaus, hat Rudd nun in einem Brief aufgefordert, diese Fälle im Lichte der jüngsten Entwicklungen erneut zu untersuchen.

Wer Korruption in Russland anprangert, lebt gefährlich

Die Labour-Politikerin Cooper verweist unter anderem auf den Fall des russischen Whistleblowers Alexander Perepilitschnij, der 2012 in Surrey nach dem Joggen starb - und nach Informationen von US-Geheimdiensten "wahrscheinlich auf direkte Anweisung des Kremls ermordet" wurde. Der 44-Jährige war nach seiner Rückkehr von einem Kurztrip nach Paris beim Joggen zusammengebrochen, in seinem Körper fand man Spuren der tödlichen Pflanze Gelsemium elegans, die laut Guardian in der Vergangenheit von chinesischen und russischen Auftragskillern benutzt worden war.

Perepilitschnij hatte zuvor Morddrohungen erhalten, weil er Dokumente bereit stellte, die unter anderem zeigten, dass eine Beamtin der Moskauer Steuerbehörde und ihr Mann mehrere Millionen Euro bei einer Schweizer Bank besaßen. Zudem beschuldigte Perepilitschnij eine Verbrechergruppe mit Verbindungen zum Kreml, den russischen Staat um insgesamt 230 Millionen Dollar betrogen zu haben.

Dass reiche Russen ihre Kinder gern auf britische Schulen und Universitäten schicken und gerade im Großraum London Immobilien erwerben, ist bekannt. 2015 beleuchtete eine Dokumentation mit dem Titel "From Russia with Cash", dass es Londoner Immobilienmakler weniger um Moral als um Geld geht. Der Vorwurf der Geldwäsche steht seit längerem im Raum und die Mitstreiter von Russlands bekanntestem Oppositionellen Alexej Nawalny laden regelmäßig zu Bustouren durch London ein, um die Villen zu präsentieren, die russische Minister oder andere Vertraute von Wladimir Putin über Briefkastenfirmen erworben haben.

In der umfangreichen Buzzfeed-Recherche, die nun von der britischen Opposition instrumentalisiert wird, finden sich auch die beiden bekanntesten Todesfälle. Alexander Litwinenko wurde im November 2006 durch radioaktives Polonium vergiftet und starb drei Wochen später. Im Januar 2016 kam eine Kommission unter Vorsitz von Richter Robert Owen zu dem Urteil, dass Moskau hinter dem Mord an Litwinenko steckte, was May damals als "verstörend" bezeichnete.

Steven Hall, der bis 2015 für die Russland-Operationen des US-Auslandsgeheimdienstes CIA zuständig war, sagte im Juni 2017 im Gespräch mit Buzzfeed, dass der Mord an Litwinenko sowie die späteren Ermittlungen die Beziehungen zwischen Moskau und London extrem belastet hätten. Agenten des britischen Geheimdienstes MI6 hätten öfters zu ihm gesagt: "Wir wissen, dass die Russen ein Programm im Vereinigten Königreich unterhalten, um Leute zu töten, die sie nicht mögen." Jene MI6-Agenten hätten Scotland Yard beschuldigt, diese Morde nicht zu verhindern.

Auch wenn längst nicht geklärt ist, dass Moskau die Attacke auf Sergej Skripal angeordnet hat, so stellt sich die Frage nach dem Motiv. Denn schließlich war Skripal nach vier Jahren in einem russischen Gefängnis offiziell begnadigt und ausgetauscht worden. Bei Channel 4 News sagte der in Großbritannien lebende Russe Walerij Morosow, dass Skripal weiter auf dem Feld der Cyber-Sicherheit aktiv gewesen sei und auch Kontakt hatte zu Agenten, die in der russischen Botschaft in London angesiedelt sind. Der Telegraph orakelt, dass Skripal für die Sicherheitsfirma Orbis von Ex-Agent Christopher Steele tätig war, die das berüchtigte Dossier mit belastendem Material über Donald Trump erstellte.