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Mord an Menschenrechtlerin Estemirowa:Fahndung nach einem Toten

Der Mord an der russischen Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa steht angeblich vor der Aufklärung. Ihre Kollegen vermuten jedoch, dass die Ermittlungen darauf zielen, einen toten Verdächtigen zu präsentieren - der nicht mehr aussagen kann.

Sonja Zekri

Wenn der russische Präsident recht hat, wäre der Tod Natalja Estemirowas vor einem Jahr der erste aufgeklärte Mord an einem russischen Menschenrechtler. Der Täter sei "eindeutig identifiziert" und international zur Fahndung ausgeschrieben, zurzeit werde der Auftraggeber ermittelt, hat Dmitrij Medwedjew am Donnerstag in Jekaterinburg gesagt, wo er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die deutsch-russischen Regierungskonsultationen abhält. Die Ermittlungen seien "in vollem Gange", aber in solchen Fällen gebe es selten "schnelle Erfolge".

Berlin fordert Aufklärung von Estemirowa-Mord

Ein Foto der ermordeten Journalistin Natalja Estemirowa: Die Ermittlungen sind "in vollem Gange", versichert der russische Präsident Medwedjew.

(Foto: dpa)

Am 15.Juli vergangenen Jahres war Natalja Estemirowa in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny in ein Auto gezerrt worden. Kurz darauf wurde ihre Leiche im Kofferraum eines Wagens in der Nachbarrepublik Inguschetien gefunden. Estemirowa, befreundet mit der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja und dem erschossenen Anwalt Stanislaw Markelow, hatte in Grosny das Büro von Memorial geleitet, einer der wenigen Menschenrechtsorganisationen, die dort unabhängig arbeiten. Sie hatte Beweise für Verschleppungen und Ermordungen von Tschetschenen gesammelt, auch über Misshandlungen durch die Milizen des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow, der Estemirowa bedroht hatte und sie noch nach ihrem Tod als Frau "ohne Ehre und Gewissen" beschimpfte.

Eben Kadyrow hatte der Moskauer Memorial-Vorsitzende Oleg Orlow für den Mord an Estemirowa verantwortlich gemacht, worauf ihn dieser vor Gericht brachte. Auf die Versprechen Medwedjews reagierte Orlow nun verständnislos: "Ich weiß überhaupt nicht, was er meint", sagte er der Agentur Interfax. Bislang hatten Ermittlerkreise als wichtigsten Verdächtigen Alchasur Baschajew vorgewiesen, einen Untergrundkämpfer, der im November 2009 getötet worden sein soll. Wie aber, fragte Orlow, könne ein Toter zur Fahndung ausgeschrieben werden?

Der Verdacht gegen Baschajew basierte auf einem ausgehobenen Waffenlager in Baschajews Dorf Schalaschi, wo die Tatwaffe und ein dem Tatauto ähnelnder Wagen gefunden worden waren, in dessen Kofferraum Teile eines Schalldämpfers lagen. Zeugen der Entführung aber seien nicht befragt worden, so die Kritik, DNS-Spuren unter Estemirowas Fingernägeln nie mit jenen eines Polizisten verglichen worden, der in Berichten Estemirowas auftauchte, weil er einen Unbewaffneten erschossen haben soll. Über Baschajew hingegen habe sie nie geschrieben, in Schalaschi sei sie nie gewesen. Die gesamte Ermittlung ziele darauf, einen toten Verdächtigen zu präsentieren, der nicht mehr aussagen könne, einen Untergrundkämpfer dazu - und nicht Kadyrows brutale Miliz. "Für die Regierung ist das eine sehr bequeme Version", sagte Orlow.

In Jekaterinburg forderte Kanzlerin Merkel, weiter an der Aufklärung des Mordes "zu arbeiten". Orlow aber sagt: "Wir haben nicht mehr viel Hoffnung."

© SZ vom 16.07.2010/pfau

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