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Montenegro:Zeit für den Machtwechsel

Die langjährige Regierungspartei hat die Wahl verloren, droht nun Instabilität? Nicht unbedingt. Die Opposition stellt die Europa-Orientierung des Landes nicht infrage - und hat versprochen, die Korruption zu bekämpfen.

Von Viktoria Großmann

Milo Đukanović hat verloren. Nach knapp 30 Jahren, in denen seine Demokratische Partei der Sozialisten, DPS, in Montenegro die Regierung führte und er selbst abwechselnd Premier oder - wie jetzt - Präsident war, könnte es einen Machtwechsel geben. Selbst dann, wenn die DPS noch eine dünne Mehrheit findet oder die Opposition sich nicht einigt, ist die DPS so geschwächt, dass das Regieren schwierig wird.

Die Wahlbeteiligung war mit knapp 77 Prozent sehr hoch und damit die Absage an die DPS umso deutlicher. Die Idee, der serbisch-orthodoxen Kirche ihre Besitztümer zu nehmen und zu verstaatlichen, könnte Đukanovićs Partei den Sieg gekostet haben. Zehntausende hatten Anfang des Jahres wochenlang dagegen demonstriert. Zudem hatten wohl viele Menschen es satt, wie sich Đukanović und seine Familie bereicherten.

Nach so langer Zeit kann ein Machtwechsel eine Befreiung sein. Instabilität, welche die EU fürchtet und deshalb über die Defizite der DPS hinwegsah, muss er nicht bedeuten. Die Opposition stellt Đukanovićs Vermächtnis nicht infrage: den Willen zum EU-Beitritt, die Nato-Mitgliedschaft. Die EU kann auch in einer neuen Regierung einen guten Verhandlungspartner finden - es wäre eine, die den Kampf gegen Korruption zumindest versprochen hat.

© SZ vom 01.09.2020
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