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Monitor Jugendarmut:Wie die Corona-Pandemie Jugendlichen die Zukunft raubt

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Homeschooling ist ein Problem, denn vielen armen Kindern fehlen technische Geräte.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Die Corona-Krise trifft arme Jugendliche besonders hart. Das zeigt ein Bericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit.

Von Edeltraud Rattenhuber

Die Corona-Pandemie verschlechtert die Zukunftsperspektiven von Millionen Jugendlichen, die ohnehin am Rand der Gesellschaft leben. Das stellt der Monitor Jugendarmut 2020 fest, den die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) an diesem Donnerstag in Berlin vorstellt. Die Süddeutsche Zeitung konnte ihn vorab auswerten.

Die Daten, die für den alle zwei Jahre erscheinenden Bericht zusammengetragen wurden, zeichnen ein düsteres Bild von der Lage vieler junger Menschen zwischen 14 und 27 Jahren in Deutschland. Armut schränke ihre Möglichkeiten ohnehin stark ein. Corona verschärfe diese Ungleichheit, womöglich auf Dauer.

Der aktuelle Monitor beleuchtet die Verfügbarkeit von Ausbildungsplätzen, den Wohnungsmarkt als zusätzliche Hürde, die mangelnde Teilhabe an der Gesellschaft sowie die Auswirkungen der Corona-Pandemie. So waren etwa 3,2 Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland schon vor der Pandemie armutsgefährdet. Die meisten von ihnen leben in Haushalten, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Das Arbeitsministerium schätzt, dass die Zahl der Haushalte mit Grundsicherung durch die Corona-Krise um 1,2 Millionen steigen wird.

Dem Monitor schließt sich ein umfangreicher Forderungskatalog an. So tritt die BAG KJS für ein Recht aller jungen Menschen auf Bildung und Ausbildung ein. Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik müssten Sorge dafür tragen, dass allen ein Schulabschluss und ein erfolgreicher Übergang in Ausbildung und Beruf gelingen könne. Dazu gehöre auch der kurzfristige Ausbau von außerbetrieblichen Ausbildungs- und individuellen Unterstützungsangeboten.

Zudem sollten die Mittel des Digitalpaktes nicht nur Schulen, sondern auch für die Schulsozialarbeit, Einrichtungen der Jugendberufshilfe und der Jugendsozialarbeit zur Verfügung stehen, heißt es weiter. Klar müsse auch sein, dass die vom Bund bereitgestellten 500 Millionen Euro für digitale Endgeräte benachteiligten Kindern und Jugendlichen zugute kommen müssten. Überdies bedürfe es abgestimmter Konzepte und Strategien zur digitalen Bildung, die den Bedarf benachteiligter Jugendlicher berücksichtigten.

Von den Städten und Gemeinden werden Lösungen gefordert, um abgehängte junge Menschen aufzufangen. Systematisch ausgebaut werden müssten auch Angebote der Schulsozialarbeit. Zur Bekämpfung von Armut fordert die BAG KJS eine eigene Grundsicherung für Kinder- und Jugendliche und mehr bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen. Dass Heimkinder die Kosten für ihre Jahre im Heim mitbezahlen müssen, sei zu beenden.

Benachteiligung habe viele Erscheinungsformen, heißt in dem Jugendmonitor. Zum Beispiel Homeschooling: Digitaler Unterricht war in der Krise unumgänglich. Wer keinen eigenen Laptop, womöglich noch nicht einmal einen Internetanschluss hatte, war abgehängt, technische oder finanzielle Unterstützung für Jugendliche aus benachteiligten Familien waren aber die Ausnahme.

Junge Menschen, die sich selbständig organisieren müssten, mit Geschwistern am Handy abwechseln und digitale Unterrichtsangebote schlecht oder gar nicht wahrnehmen könnten, seien hier benachteiligt gewesen. "Ein Handy mit Prepaid-Karte reicht einfach nicht", wird Leonie Jacobi von der Einrichtung Kolping Jugendwohnen Berlin-Prenzlauer Berg zitiert. "Der Benachteiligungskreislauf setzt sich immer weiter fort. Viele unserer Jugendlichen werden am Ende schlechtere Berufsabschlüsse haben."

Zudem ist der Verteilungskampf um Ausbildungsplätze größer geworden. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg bis Juli die Zahl unversorgter Ausbildungsbewerber coronabedingt im Vergleich zum Vorjahr bereits um etwa 12 000. Viele Betriebe wollen gar nicht mehr ausbilden. Entlassungen und Einstellungsstopps führten zu einem drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Im April 2020 waren 56 190 mehr unter 25-Jährige arbeitslos als im gleichen Monat im Jahr zuvor, ein Anstieg um 28,9 Prozent.

Damit sie doch noch einen Ausbildungsplatz bekämen, werde von Jugendlichen gefordert, dass sie flexibel sind und bereit umzuziehen. Laut BAG KJS ein Hohn: "Die Wahrheit ist: Mobilität ist ein Privileg". Gerade von Jugendlichen mit fehlendem oder einfachem Schulabschluss werde erwartet, dass sie auch weit entfernte Ausbildungsplätze in Kauf nähmen. Doch Auszubildende könnten sich das Wohnen in einer deutschen Großstadt ohnehin kaum leisten. "Es ist absurd. Gerade eben hatten die Jugendlichen noch Probleme, Schulmaterial oder den Sportkurs zu bezahlen", sagt Lisi Maier, die Vorsitzende der BAG KJS. "Zwei Monate später erwartet man von ihnen, dass sie eine Wohnung mieten und einrichten können."

© SZ vom 08.10.2020/bepe
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