Weimarer DreieckWie Merz, Macron und Tusk Putin stoppen wollen – zumindest in Moldau

Lesezeit: 3 Min.

Auf einer Linie: Donald Tusk, Emmanuel Macron, Maia Sandu und Friedrich Merz am moldauischen Nationalfeiertag in der Hauptstadt Chișinău.
Auf einer Linie: Donald Tusk, Emmanuel Macron, Maia Sandu und Friedrich Merz am moldauischen Nationalfeiertag in der Hauptstadt Chișinău. Kay Nietfeld/Kay Nietfeld/dpa
  • Merz, Macron und Tusk reisen zum moldauischen Nationalfeiertag nach Chișinău, um Präsidentin Sandu vor den Parlamentswahlen am 28. September zu stärken.
  • Die drei europäischen Politiker wollen Putins Versuche stoppen, Moldau durch Desinformationskampagnen und Stimmenkauf zu destabilisieren.
  • Trotz knapper EU-Beitrittsbefürwortung von 50,4 Prozent im Referendum versprechen die Politiker Moldau eine Zukunft in der Europäischen Union.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Vor der Parlamentswahl in einem Monat stärken der Deutsche, der Franzose und der Pole der pro-europäischen Präsidentin Maia Sandu den Rücken – und versprechen eine Zukunft in der EU.

Von Daniel Brössler, Chișinău

Maia Sandu wartet nicht allein. 20 Ehrengardisten in festlichen weißen Uniformen, bewaffnet mit Bajonetten, säumen die Treppe hinauf zum Präsidentenpalast. Als Friedrich Merz seiner dunklen Limousine entsteigt, erklingen Fanfarenklänge. Entschlossen schreitet der Bundeskanzler den roten Teppich entlang, reicht der Gastgeberin zunächst die Hand und hat dann wohl das Gefühl, dass das nicht reicht. Küsschen links also und Küsschen rechts.

Ein flüchtiger Moment ist das, ein Moment der Vertrautheit, der aus dem hochoffiziellen Rahmen fällt und gerade deshalb der moldauischen Präsidentin gelegen kommen könnte. Es ist ihr Tag. Gleich wird der polnische Ministerpräsident Donald Tusk über den Teppich schreiten, ein paar Minuten später, wie stets als Letzter, der französische Staatspräsident Emmanuel Macron. Die drei Männer sind gekommen, um zum Nationalfeiertag zu gratulieren. Sie sind entschlossen, das ausgiebig zu tun – was mit der Republik Moldau zu tun hat, aber mindestens so viel mit Europa.

Bei der Wahl befürchtet Sandu eine massive Einmischung durch Russland

Das moldauische Parlament hatte am 27. August 1991 die Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt. Seitdem wird der Tag in dem kleinen Land mit kaum mehr als zwei Millionen Einwohnern als Unabhängigkeitstag begangen. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, wohl aber einen russischen Gewaltherrscher, der ihren Untergang betrauert und so viel wie möglich vom alten Imperium wieder errichten will. Das kleine Moldau grenzt an die Ukraine, die seit 2022 von Russland mit einem Angriffskrieg überzogen wird. Wladimir Putins Versuch, die EU an ihrer Peripherie zu destabilisieren, müsse auch und gerade in Moldau gestoppt werden, darin sind sich die drei Moldau-Reisenden einig.

Es liegt folglich eine doppelte Botschaft darin, dass der deutsche Kanzler, der französische Präsident und der polnische Ministerpräsident an diesem Feiertag nach Chișinău gereist sind. Eine geht an die Menschen in Moldau: Europa lässt Euch nicht allein, lautet sie. Die andere richtet sich an den Mann in Moskau: Du bekommst Moldau nicht. Nebenbei fördert Merz sein Projekt, das Weimarer Dreieck aus Polen, Deutschland und Frankreich wiederzubeleben.

Wie in anderen Teilen der früheren Sowjetunion hat sich Russland schon in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts in Moldau einen Vorposten gesichert, das winzige und verarmte Transnistrien. Völkerrechtlich gehört es zur Republik Moldau, tatsächlich steht es unter der Kontrolle Moskaus. Wie im Falle der benachbarten Ukraine zielt Putin allerdings aufs ganze Land, das zerrissen zu werden droht zwischen dem pro-europäischen Kurs von Präsidentin Sandu und der moskautreuen Opposition. Am 28. September stehen Parlamentswahlen an, bei denen Sandu eine massive Einmischung Russlands befürchtet.

Ob die EU es ernst meint, darüber gibt es in Moldau Zweifel

„Europa bedeutet Freiheit und Friede, Putins Russland bedeutet Krieg und Tod“, sagt Sandu, als sie mit ihren europäischen Besuchern in der großen Halle des Präsidentenpalastes steht, der einst den örtlichen Obersten Sowjet beherbergte. Zum Weg in die Europäische Union gebe es keine Alternative, „ohne ihn bleiben wir in der Vergangenheit stecken“. Das klingt wie eine Beschwörung und richtet sich an die Menschen an den moldauischen Fernsehschirmen. Im vergangenen Jahr hatten sie sich in einem Referendum für das Ziel des Beitritts zur EU ausgesprochen – allerdings denkbar knapp. 50,4 Prozent waren dafür, 49,6 Prozent dagegen. Der Kampf sei noch nicht entschieden, sagt Sandu, „unsere Freiheit wird angegriffen“. Mit Desinformationskampagnen und Stimmenkauf versuche Russland die Parlamentswahl für sich zu entscheiden.

Die Tatsache, dass Merz, Macron und Tusk – immerhin Vertreter von knapp 190 Millionen Europäern – nach Chișinău gekommen sind, zeugt davon, wie ernst auch sie diese Gefahr nehmen. Es gehe darum, die Menschen in ihrer freien Wahl zu bestärken, betont der Franzose Macron. „Im Unterschied zu Russland bedroht die Europäische Union niemanden“, sagt er, „die Europäische Union ist nicht die Sowjetunion, die EU ist eine Gemeinschaft der Werte.“ Man sei gekommen, um „Unterstützung, Solidarität und Vertrauen“ zu demonstrieren. „Ein sicheres, wohlhabendes und stabiles Moldau liegt im vitalsten Interesse der EU“, versichert der Pole Tusk.

„Es hätte auch ganz anders kommen können“, sagt Merz über Moldaus Unabhängigkeit. Das führe Russlands Angriffskrieg in der Ukraine täglich vor Augen. Und vor allem: „Es kann immer noch ganz anders kommen.“  Noch stehen die Beitrittsverhandlungen mit der EU am Anfang, die wirtschaftliche Lage im Land ist kritisch. Der Zweifel, ob die EU es ernst meint, ist verbreitet im Land. Skepsis ist nicht immer nur von Moskau gesteuert. Diesem Zweifel will Merz begegnen. „Die Tür in die Europäische Union ist offen“, sagt er, „Sie sind uns in der Europäischen Union von Herzen willkommen“.

Am Abend feiern 70 000 Menschen auf dem großen Nationalversammlungsplatz. Die Sängerin Irina Rimes, die auch in Rumänien ein Star ist, bringt die Menge in Wallung, dann erscheint Sandu mit ihren drei Besuchern auf der Bühne. „Ihr gehört zur europäischen Familie“, sagt Merz auf Englisch. Dafür erntet er Applaus. Tusk und Macron lesen ihre Ansprachen danach auf Rumänisch, der Landessprache vor. „Es lebe die Republik Moldau“, ruft Macron, „es lebe Europa. Es lebe Moldau in Europa“. Die Menge jubelt. Gewählt wird noch, aber hier und an diesem Abend klingt es, als liege Europa vorn.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Moldau
:Denkbar knappes Ja zur EU und Vorwürfe prorussischer Wahlfälschung

Eine Abstimmung über die Verankerung des Westkurses in der Verfassung der Republik Moldau wäre fast gescheitert. Präsidentin Sandu spricht von Stimmenkauf. Russland zweifelt das Ergebnis an, die EU zeigt sich erleichtert.

Von Cathrin Kahlweit

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: