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Mohammed-Zeichnungen in "Charlie Hebdo":Satirezeitschrift will im Karikaturenstreit nachlegen

Aus Angst vor Protesten schließt Frankreich zahlreiche Auslandsvertretungen. Die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" zeigt sich jedoch unbeeindruckt. Trotz der Empörung über die islamkritischen Zeichnungen will sie eine zweite Auflage auf den Markt bringen.

Weltweit schließt Frankreich etwa 20 Botschaften, Konsulate und Schulen in muslimischen Ländern. Doch die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, deren islamkritische Zeichnungen für diesen weitreichenden Schritt verantwortlich sind, zeigt sich unbeeindruckt. Die aktuelle Auflage soll noch einmal nachgedruckt werden, teilte der Verlag mit. Weitere 75.000 Exemplare des Magazins, das schon am Erscheinungstag ausverkauft war, sollen in die Läden kommen.

Das französische Satire-Magazin hatte trotz der gewaltsamen Proteste gegen den Mohammed-Film aus den USA neue Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht. Frankreich hatte daraufhin angekündigt, Vertretungen im Ausland zu schließen. Das teilte das Außenministerium in Paris mit. Befürchtet werden offenbar Ausschreitungen nach den Freitagsgebeten in muslimischen Ländern.

Die französische Botschaft in der indonesischen Hauptstadt Jakarta sei bereits geschlossen worden, berichtete die Tageszeitung Le Monde . Auch die Botschaft in Tunis sowie zehn französische Schulen in Tunesien blieben von Mittwochnachmittag bis Montagmorgen geschlossen.

"Ist es klug, in diesem Zusammenhang Öl ins Feuer zu gießen?", fragte der französische Außenminister Laurent Fabius im Radiosender France Info. "Die Antwort ist nein." Der Leiter der großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur, sprach in einer Pressekonferenz von einer "völlig verantwortungslosen Initiative". Der französische Rat der Muslime teilte seine "tiefe Bestürztheit" angesichts der "beleidigenden Zeichnungen" mit. Der Rat sei besorgt, dieser "unverantwortliche Akt" könne neue Spannungen schüren.

Chefredakteur verweist auf Pressefreiheit

Auf dem Titel von Charlie Hebdo ist die Karikatur eines Muslims mit Turban im Rollstuhl zu sehen, der von einem orthodoxen Juden geschoben wird. "Man darf sich nicht lustig machen", steht in einer Sprechblase. Darüber prangt der Titel "Intouchables 2" in Anlehnung an den Film "Intouchables" (Die Unantastbaren), der in Deutschland als "Ziemlich beste Freunde" in die Kinos kam. Auf den Innenseiten ist ein Muslim zu sehen, der ähnlich wie beim Oscar verkündet: "Die Nominierten für den besten anti-islamischen Film sind...".

Die Zeichnungen seien nicht provozierender als gewöhnlich, sagte der verantwortliche Redakteur Stéphane Charbonnier in einem Interview des Nachrichtensenders i>Télé. Zugleich verwies er auf die Pressefreiheit. "Wir veröffentlichen Karikaturen über jeden und alles jede Woche. Wenn wir es aber mit dem Propheten machen, wird es Provokation genannt", sagte Chefredakteur Charbonnier. Die Karikaturen würden nur diejenigen schockieren, die schockiert sein wollten.

Scharia-Ausgabe sorgt 2011 für Aufsehen

Auch der Zeichner und Direktor von Charlie Hebdo, Charb, wies Kritik zurück: "Wir rufen Polemik hervor, egal, was wir machen". Nach der Frage, ob Mohammed als Karikatur gezeigt werden dürfe, stelle sich die Frage, ob Muslime oder Menschen überhaupt gezeichnet werden dürften. "Zum Schluss zeigen wir nichts mehr und die Handvoll Extremisten, die auf der Welt und in Frankreich agieren, haben gewonnen".

Charlie Hebdo war bereits am frühen Mittwochmorgen an den Zeitungskiosken ausverkauft, auch im Internet konnte die Seite nicht mehr geöffnet werden. Die Polizei sicherte das Redaktionsgebäude der Zeitung und stellte den Zeichner unter Personenschutz. Regierungschef Jean-Mary Ayrault warnte vor "Auswüchsen" der Meinungsfreiheit, die die Achtung der Religionen verletzten.

Bereits im November 2011 war es zu massiven Protesten gekommen, nachdem das Wochenblatt eine Sonderausgabe dem islamischen Recht, der Scharia, gewidmet hatte und diese "Charia Hebdo" genannt hatte. Darin war der Prophet Mohammed als außerordentlicher Chefredakteur "eingeladen" gewesen. Demonstranten hatten damals das Gebäude in Brand gesetzt.

Am Samstag hatten die Proteste gegen den anti-islamischen Film "Innocence of Muslims" Frankreich erreicht: Rund 250 Muslime demonstrierten vor der US-Botschaft, nachdem sie über Netzwerke wie Facebook dazu aufgerufen worden waren. Eine weitere für kommenden Samstag angemeldete Demonstration werde die Regierung verbieten, kündigte Premierminister Jean-Marc Ayrault auf RTL an.

Mohammed-Karikaturen hatten schon mehrmals gewaltsame Proteste in der islamischen Welt ausgelöst - Anfang 2006 kamen dabei mehr als 150 Menschen ums Leben. Auslöser waren Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten. Auch diese Zeichnungen hatte Charlie Hebdo nachgedruckt.

© Süddeutsche.de/dpa/dapd/Reuters/rela/bero

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