Mohammed-Karikaturen Leider nicht lustig

Vor zehn Jahren erschienen in Dänemark Karikaturen des Propheten Mohammed. Nichts rechtfertigt die gewalttätigen Reaktionen darauf. Doch es ist falsch, eine Religion zu beleidigen. Dadurch befördert man keinen demokratiefähigen Islam.

Von Johan Schloemann

Es war gar nicht witzig gemeint. Vor genau zehn Jahren druckte die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed ab. Bereits in der Einladung an die Zeichner hatte es zur Begründung geheißen, das konservative Blatt stehe "auf der Seite der Meinungsfreiheit".

Die Redaktion gab also seinerzeit nicht nur Cartoons in Auftrag, die die Empfehlung der islamischen Rechtstradition, den Propheten nicht abzubilden, verschmähen sollten; Cartoons, die dann zum Teil auch noch den Glaubensstifter mit dem Terrorismus gleichsetzten. Nein, die ganze Aktion diente eben auch von Anfang an einem Freund-Feind-Schema, einer Frontstellung. Sie folgte damals der neuen fremdenfeindlichen Stimmung in einem Land, das einmal für seine Toleranz verschiedener Lebensstile berühmt gewesen war.

Seitdem treffen sich unter dem schönen Namen der Meinungsfreiheit viele, denen es vor allem um die Abwehr muslimischer Einwanderer geht. Die dänische "Gesellschaft für Pressefreiheit" ist ein Sammelbecken für Rechtspopulisten der ersten Stunde, die das alte Dänemark und die Christenheit retten wollen und gerne mal "Islamkritiker" wie Henryk M. Broder oder Geert Wilders einladen. Und das kleine Nachbarland, das kulturell und wirtschaftlich groß und reich ist und viele wunderbare Seiten hat, ist heute politisch das Ungarn des Nordens geworden.

Wer Religionen verunglimpft, schadet der liberalen Gesellschaft

Nichts rechtfertigt, nichts entschuldigt die Gewalt von Fanatikern, die sich für eine gewaltfreie Satire, welche sie als Blasphemie empfinden, mit Morden rächen: vor zehn Jahren, als in Reaktion auf die dänischen Karikaturen mehr als hundert Menschen in der arabischen Welt umgebracht wurden; und in diesem Jahr bei den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo in Paris und auf eine Versammlung in Kopenhagen. Aber: Weil es eine solche unerträgliche, schreckliche Asymmetrie gibt, heißt das noch lange nicht, dass es unbedingt ratsam wäre, mit Worten und erst recht mit Bildern die Meinungsfreiheit im Nebeneinander der Kulturen zu demonstrativen Provokationen auszunutzen.

Wer so denkt und handelt - auch die Süddeutsche Zeitung, wenn sie einschlägige Karikaturen nicht abdruckt -, wird gerne der Feigheit, des vorauseilenden Gehorsams, der "Unterwerfung" bezichtigt. Eine solche moderate Haltung bedeutet jedoch keineswegs, wie Henryk M. Broder neulich beim Besuch in Kopenhagen meinte, dass "Europa mental Selbstmord begangen hat". Sie hat vielmehr den einfachen Zweck, die Kluft zwischen Radikalität und Liberalität nicht noch mutwillig größer zu machen. Wer glaubt denn ernsthaft, dass man den Extremisten mit extremen Beleidigungen ihrer Religion beikommt, welche sie selbst ja auch beleidigen? Wer glaubt, dass man damit einen demokratiefähigen Islam befördert? Im Übrigen ist die Satire noch nicht gleich tot, auch die religionskritische nicht, wenn man auf Mohammed mit Bombenturban verzichtet - das zeigt zum Beispiel ein sehr lustiges Titanic-Titelbild zum "Schwanzvergleich der Weltreligionen".

Lucas Cranach der Ältere malte zur Zeit der Reformation die "Hure Babylon" mit der Krone des Papstes, der Tiara, auf dem Kopf. Aber es ist eben auch lange her, dass es in Europa Religionskriege gab und Ketzer hingerichtet wurden, so wie der "Islamische Staat" jetzt Ungläubige enthauptet. Die Zeiten sind für mentale Abrüstung seit 2005 eher noch schwieriger geworden. Facebook und Twitter sind schneller mit Hetze und Aufregung, die Zeitungskarikatur ist ein noch altmodischeres Medium geworden, der perfide Kampf mit Bildern und Schockwirkungen dafür noch viel professioneller. Nichts spricht dafür, ihn weiter anzuheizen.