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Mölln 15 Jahre nach dem Anschlag:Stadt mit Stigma

Vor 15 Jahren ermordeten Rechtsextreme in Mölln drei Türken. Heute tut die Kommune viel gegen Fremdenfeindlichkeit - dennoch zeigen sich wieder Nazis.

Der schlimmste Moment in seinem Leben war der Abschied von seinem Vater, sagt Stefan Büchler. Noch heute sehe er vor sich, wie ihn sein Vater, von monatelanger Zwangsarbeit gebeugt und zitternd vor Kälte, verlassen musste. "Ich habe ihn nie wiedergesehen", sagt der 78-Jährige.

Büchler liest an diesem Vormittag drei zehnten Klassen des Marion-Dönhoff-Gymnasiums in Mölln seine Geschichte als Holocaust-Überlebender vor. Er ist kein begnadeter Redner, dennoch schweigen die Schüler gebannt; in der dritten Reihe kämpft ein blondes Mädchen gegen ihre Tränen an. Später wird Büchler sagen, dies sei die bisher beste Veranstaltung in Deutschland gewesen, weil die Möllner Schüler mehr gefragt hätten als alle anderen.

Büchlers Vortrag auf Einladung des Versöhnungswerkes "Yad Ruth" ist ein Beispiel dafür, wie sich Mölln verändert hat - 15 Jahre nach den Brandanschlägen auf türkische Familien. In den Schulen der 19.000-Einwohner-Stadt zwischen Hamburg und Lübeck gibt es Projekte über die Geschichte des Nationalsozialismus und das Zusammenleben mit Muslimen, jeden Sommer wirbt ein "Folkfestival" für die Bereicherung durch fremde Kulturen, jeden Herbst erinnern Stadt, Kirchen und türkische Gemeinde an die Attentate. Diesen Freitag wird gemeinsam in der Moschee gebetet. Bürgermeister und türkischer Konsul werden sprechen und einen Kranz niederlegen.

Brandstifter wieder frei

In der Nacht auf den 23. November 1992 hatten der damals 19-jährige Lars C. und der 25-jährige Michael P. Brandsätze in zwei Häuser in der Möllner Altstadt geworfen, die von Türken bewohnt waren. Zwei Mädchen, Yeliz Arslan, 10, und Ayse Yilmaz, 14, sowie die 51-jährige Bahide Arslan starben, mehrere Menschen wurden schwer verletzt.

Es war der erste rechtsextreme Anschlag im vereinigten Deutschland, bei dem Menschen getötet wurden. Es folgten die tödlichen Attacken von Solingen, wo fünf Menschen starben.

Mölln erregte weltweit Aufsehen, in ganz Deutschland protestierten Menschen mit Lichterketten gegen Rechtsradikalismus, viele Türken fühlten sich entfremdet von ihrer neuen Heimat Deutschland.

Lars C. kam im Jahr 2000 frei. Sein Mittäter Michael P. ist laut Bundesanwaltschaft in diesen Tagen, nach 15 Jahren, aus der Haft entlassen worden. Dies hatte nicht nur dieser selbst beantragt, sondern auch die Bundesanwaltschaft. Michael P. habe sich mit seiner Tat auseinandergesetzt, von der rechten Szene abgewandt und gehe bereits einer Arbeit nach, sagte eine Sprecherin des Oberlandesgerichts Schleswig der Süddeutschen Zeitung. Es wird also wieder viele Meldungen geben, die Mölln mit rassistischen Morden verbinden, so wie an jedem runden Jahrestag.

Bürgermeister Wolfgang Engelmann hat 2002 eine Umfrage erstellen lassen, mit was die Deutschen Mölln verbinden. 53 Prozent nannten die Anschläge, nur 47 Prozent kamen auf Till Eulenspiegel, der einst hier starb und mit dem die Stadt um Touristen wirbt. Das war noch vor dem zehnten Jahrestag, über den international berichtet wurde. Engelmann hat gelernt aus den Monaten nach den Attentaten, in denen Mölln meist dargestellt wurde als eine Stadt, die dem Treiben rechtsextremer Jugendlicher zu lange zugesehen habe, was wohl zutrifft.