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Krim-Krise:Die Wirtschaft hält Boykott für "Blödsinn"

Die Experten führen also insbesondere politische Gründe für die deutsche Zurückhaltung an. Die wirtschaftlichen Gründe spielen zwar eine Rolle, sagt Techau, würden aber häufig überschätzt. Russland liegt für Deutschland nicht einmal unter den Top Ten der Handelspartner, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen.

Druck aus der Wirtschaft ist gleichwohl vorhanden - denn die beteiligten Unternehmen würden hart von einer Beeinträchtigung der Beziehung zu Russland getroffen. Mehrere Wirtschaftsexperten warnen in den Stuttgarter Nachrichten vor der Verhängung von Wirtschaftssanktionen und fordern sogar, den G-8-Gipfel nicht platzen zu lassen.

"Ein Boykott wäre Blödsinn", sagt etwa Klaus Mangold, langjähriger Chef des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und früheres Daimler-Vorstandsmitglied. Er fordert stattdessen "vorgezogene Gespräche". Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft geht davon aus, dass allein in Deutschland etwa 200 000 Arbeitsplätze von Exporten nach Russland abhängen. In Russland selbst gab es der Deutsch-Russische Auslandshandelskammer zufolge 2013 mehr als 6100 Firmen die ganz oder teilweise in deutscher Hand sind.

Wichtig ist vor allem der Import russischer Energieressourcen. So bezieht Deutschland derzeit etwa ein Drittel seines Öls und fast 40 Prozent seines Gases aus Russland. Meister sagt: Insbesondere was das Gas betrifft, liegt das "an der Grenze zu dem, was Experten für eine zu hohe Abhängigkeit halten". Ein Importverbot in der EU für russisches Gas - das allerdings momentan noch nicht einmal diskutiert wird - würde Deutschland zwar treffen. Meister zufolge entstünde daraus erst einmal kein Versorgungsengpass, sondern vor allem ein Anstieg des Gaspreises. Und Techau von der Carnegie-Stiftung sagt: "Die Zeit spielt für uns", der Winter ist vorbei.

Für Russland wäre ein Exportverbot in die EU jedoch ein schwerer Schlag: Derzeit bezieht Moskau 70 Prozent seiner Exporteinnahmen aus dem Verkauf von Energieressourcen. Davon gehen 80 Prozent in die EU. Für diesen Ausfall gäbe es keine schnelle Alternative.