bedeckt München
vgwortpixel

Mögliche Flugrouten von Edward Snowden:Fluchtpunkt Caracas

Noch hat Ex-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden nicht entschieden, ob er das Asylangebot Venezuelas annehmen soll. Dass er zögert, hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass die Reiseroute, die er nehmen müsste, unsicher ist. Eine kleine Übersicht über Snowdens Optionen.

Noch sitzt der meistgesuchte Mann der USA wahrscheinlich in Moskau fest, im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo. Ohne Papiere, denn seinen Pass hat die US-Justiz für ungültig erklärt. Edward Snowden sucht nach einer dauerhaften Zuflucht in einem Land, das ihm Asyl gewährt und nicht an die USA ausliefert. Dort wird er per Haftbefehl gesucht, weil er Dokumente über geheime Überwachungsprogramme des US-Geheimdienstes NSA an Medien weitergegeben hat.

Mehrere lateinamerikanische Staaten haben ihm Asyl angeboten: Nicaragua, Bolivien, Venezuela und Ecuador (Warum gerade diese Staaten sich derart exponieren, hat SZ-Redakteur Sebastian Schoepp in diesem Text analysiert). Nach Einschätzung des US-Journalisten Glenn Greenwald, der die Enthüllungen Snowdens als Erster publik machte, ist Venezuela die wahrscheinlichste Alternative für Snowden. Das Land sei als Fluchtpunkt am ehesten geeignet, die Maduro-Regierung könne Snowden womöglich sicher von Moskau nach Lateinamerika bringen und ihn dort auch schützen, sagte Greenwald am Dienstag nach einem Online-Chat mit Snowden (bei dem es vor allem um Vorwürfe ging, wonach Snowden einen Teil seiner Daten an China oder Russland weitergegeben habe).

Venezuelas linker Präsident Nicolás Maduro hat sein Asylangebot am Dienstagabend noch einmal untermauert - und mit ein bisschen Revolutionskitsch und kämpferischer Rhetorik verbunden: "Die Söhne Bolivars fürchten das Imperium nicht", sagte der Staatschef mit Blick auf den südamerikanischen Freiheitskämpfer Simón Bolivar. "Wir haben entschieden, dem jungen Edward Snowden politisches Asyl zu gewähren im Namen des unabhängigen Venezuelas", sagte Maduro.

Entgegen anderslautender Twitter-Äußerungen eines russischen Ausschussvorsitzenden, hat sich Snowden offenbar noch nicht endgültig entschieden, ob er das Asylangebot Venezuelas annehmen wird.

Snowdens Zögern hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass die Reiseroute, die er nehmen müsste, noch nicht geklärt ist. Welche Optionen hat er, um von Moskau nach Caracas zu kommen? Eine Übersicht:

  • Direkte Linienverbindungen von Moskau in die venezolanische Hauptstadt Caracas gibt es nicht. Snowden müsste also einen Zwischenstopp einlegen. Dabei verbietet sich allerdings ein Überfliegen sämtlicher Staaten, die mit den USA ein Auslieferungsabkommen abgeschlossen haben und Snowden im Zweifel überführen würden. Das sind zum Beispiel die Länder der Europäischen Union. So fliegen Air France und Alitalia die Strecke, aber jeweils mit Stops in Frankreich beziehungsweise Italien.
  • Weniger riskant für Snowden wäre ein Zwischenstopp in Kuba. Der dortige Präsident Raúl Castro hat bereits angekündigt, dass er die Länder unterstützen werde, die Snowden Asyl gewähren wollen. Eine Möglichkeit zur Reise nach Havanna wäre theoretisch Flug SU 150 der russischen Fluggesellschaft Aeroflot, der mehrmals pro Woche in Moskau abhebt und in Havanna landet. Starten würde Edward Snowden in diesem Fall praktischerweise am Flughafen Scheremetjewo, wo er sich seit dem 23. Juni ohnehin aufhält. Das Problem ist jedoch, dass die reguläre Route dieses Linienfluges über US-amerikanisches Hoheitsgebiet führt, wie sich leicht auf der Webseite FlightAware nachvollziehen lässt.
  • Eine mögliche direkte Route nach Caracas hat der frühere CIA-Mitarbeiter Allan Thomson in einem Blog des Magazins Foreign Policy aufgezeigt. Demnach müsste das Flugzeug von Moskau aus zunächst in nördliche Richtung fliegen, mit Kurs auf die Barentsee, durch das Nordmeer ginge es dann Richtung Westen, zwischen Grönland und Island durch die Dänemarkstraße, dann an Neufundland vorbei und über den Westatlantik bis nach Venezuela. Alles in allem eine Entfernung von mindestens 11.000 Kilometern, die aber von einem gecharterten Langstreckenjet wie einer Boeing 777 oder einem Airbus A330-200 zu bewältigen wäre.

Für die US-Regierung ist Snowden weiterhin ein Staatsfeind, den sie mit allen Mitteln fassen will. Die Bürgern in den USA sehen das inzwischen etwas differenzierter: So hat eine repräsentative Erhebung der Quinnipiac University ergeben, dass 55 Prozent der Befragten Snowden in erster Linie als "Whistleblower" sehen. Nur 34 Prozent gaben an, dass er in erster LInie ein "Verräter" sei. Auch nach den Anti-Terror-Aktivitäten der US-Regierung wurde gefragt: Für 45 Prozent der Befragten gehen sie zu weit und schränken die Bürgerrechte zu sehr ein. 40 Prozent waren anderer Meinung. Noch vor einem Monat was das Meinungsbild anders: Damals hatte eine von der Washington Post initiierte Umfrage ergeben, dass 62 Prozent der Amerikaner nichts dagegen haben, wenn der Staat im Dienste der Terrorismusbekämpfung in ihre Privatsphäre eindringt. Auch wenn die beiden Umfragen aufgrund der unterschiedlichen Fragestellungen nicht direkt vergleichbar sind, ergeben sich daraus zumindest Indizien für einen Meinungsumschwung