Moderne Ausbeutung Wracks im Plastikmeer

Im Süden Spaniens schuften Tausende afrikanische Migranten auf Treibhaus-Plantagen: ohne Rechte, ohne Schutz, ohne Zukunft.

Eine Reportage von Shelina Islam (Text) und Bodo Marks (Fotos)

El Ejido - Es ist sieben Uhr morgens in El Ejido im Süden Spaniens. Der Boulevard am Ortsausgang liegt im gelben Licht der Nachtlaternen, die Rollläden der Häuser und Geschäfte sind noch geschlossen. Kaum einer sieht das morgendliche Schattenspiel vor den Fenstern. Aus dem Schutz der Dunkelheit tauchen sie auf, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. In kleinen Gruppen sammeln sie sich am Straßenrand und an der Tankstelle am Boulevard.

Das Licht der Straßenlaternen erhellt hier und da ein Gesicht, es fallen kaum Worte. Vans fahren im Schritttempo den Boulevard hinauf, einer hält vor einer Gruppe. Jemand kurbelt das Wagenfenster herunter, in die Wartenden kommt Bewegung. Ein kurzer Wortwechsel, sie steigen ein, und der Van entfernt sich so lautlos, wie er gekommen ist. Als der Tag anbricht und sich Geschäftigkeit in den Straßen ausbreitet, sind die Immigranten aus der Stadt verschwunden.

Täglich warten im Intensivanbaugebiet von Almería Tausende Tagelöhner auf die Patrones, um in einem der Gewächshäuser einen Tagesjob zu ergattern. Die meisten von ihnen sind Immigranten ohne Papiere aus dem Maghreb oder Ländern südlich der Sahara, die in Booten vor den Kanarischen Inseln aufgegriffen werden. Für die Produzenten ist es ein gutes Geschäft. Und dem Verbraucher in Berlin oder Paris ist selten klar, unter welchen Bedingungen das billige Obst und Gemüse in seinem Supermarkt geerntet wurde.

Abdelkader Chacha kam vor dreißig Jahren aus Marokko nach Almería, um in den Gewächshäusern zu arbeiten. Heute ist er Mitarbeiter der Landarbeitergewerkschaft SOC, die sich für die Rechte der papierlosen Arbeitsimmigranten einsetzt. "Sie sind die Sklaven von heute. Die Bauern verdienen ihr gutes Geld an uns, aber sie behandeln uns wie Dreck." Abdelkaders Blick schweift über die schmutzigweißen Plastikplanen, die um die Mittagszeit träge im Wind flattern. Wolkenverhangene Berge begrenzen das Meer aus Plastik, das sich bis in die Ausläufer der Sierra de Gádor hinaufschiebt.

Täglich rollen von hier aus Lastwagen über die Autobahnen Richtung Norden, unterwegs zu deutschen Supermärkten. Mittlerweile werden in der Provinz Almería 350 Quadratkilometer Fläche von den Treibhausplantagen bedeckt. Sie reichen bis an die Häuser der Wohnviertel heran, säumen die Schnellstraßen und umschließen die Ortschaften wie eine Schicht aus glänzendem Tüll.

Mitten im sogenannten Plastikmeer liegt die Kleinstadt El Ejido mit ihren sauber gefegten Straßen, Glasfassaden und sorgfältig angelegten Blumenrabatten, Zeugnisse eines Reichtums, den die Gewächshauskultur vor 25 Jahren in die einst ärmste Region Spaniens brachte. Heute zählt El Ejido 76.000 Einwohner, besitzt 71 Bankfilialen und verfügt über eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes.

Etwa 80.000 Immigranten, die Hälfte davon ohne Dokumente, tragen in der Region entscheidend zum spanischen Gemüseexport bei.

Sie bilden einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung, doch sie leben am Rand der Städte.

Im Februar 2000 entlud sich Rassismus in einer Welle von Gewalt. Drei Nächte lang zog ein Mob vermummter Bauern und Jugendlicher plündernd und brandschatzend durch die Stadt, nachdem ein geistig verwirrter Marokkaner eine junge Spanierin getötet hatte. Mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffnet jagten die Angreifer die Immigranten durch die Straßen und setzten ihre Häuser in Brand.

Die Polizei schritt erst ein, als die Schläger drohten, eine Gruppe Marokkaner zu lynchen, die in einer Cafeteria Zuflucht gesucht hatte. Bis dahin waren die Einsatzkräfte der strikten Anweisung gefolgt, nicht einzugreifen. "Die Immigranten sind hier nicht gern gesehen", erklärt Abdelkader.

Auch die Mitarbeiter der Gewerkschaft sind Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Im vergangenen Jahr erstachen Jugendliche den 40-jährigen Azzouz Hosni, als er eine Bar verließ. Der Marokkaner war Mitglied der SOC. Die Gewerkschaftsmitarbeiter vermuten, dass der Mord politisch motiviert war.

Zwischen verfaultem Gemüse

El Ejidos Bürgermeister Juan Enciso Ruiz von der konservativen PP verfolgt hingegen unbeirrt seinen Leitspruch: Immigranten ja. Aber außerhalb der Stadt. Außerhalb der Stadt, das ist zwischen den Gewächshäusern. Jeden Abend kehren die Tagelöhner auf Fahrrädern in ihre Unterkünfte im Plastikmeer zurück. An ihren Lenkern baumeln Wasserkanister und Plastiktüten mit Essen. Bürgermeister Ruiz, der seit mehr als zehn Jahren seinen Sitz im Rathaus hält, lächelt von Werbeplakaten: "Vertraue dem, der dir nie den Rücken zuwenden wird - 100 Prozent im Interesse der Stadt."

Auf einem verlassenen Platz, der als Müllabladefläche dient, haben marokkanische Arbeiter Hütten aus zusammengezimmerten Paletten gebaut. Plastikplanen überdecken die Konstruktion, als Einrichtung dient ein Bettgestell. Draußen schwelt eine Feuerstelle, der Gestank von verfaultem Gemüse liegt in der Luft. Fliegen schwirren über einem Haufen von verrottendem Treibhausmüll. Trinkwasser und Elektrizität gibt es hier nicht. "Wasser zum Wäschewaschen und Kochen holen wir uns aus der Balsa", sagen die Menschen.

Die Bassins für die Bewässerung der Gewächshäuser sind meist die einzige Wasserquelle der Bewohner. In den Becken schwimmen alte Pestizidkanister. "Baden verboten" steht am Beckenrand, und Bauer Juan Alonso regt sich auf, dass die Arbeiter trotzdem hinein steigen, um Wasser zu holen. "Irgendwann schafft es einer nicht mehr raus, und dann ist es mein Becken, in dem er verreckt."

Die Elendsbehausungen der Immigranten sind auch der lokalen Regierung ein Dorn im Auge. Am 3. März dieses Jahres unterschrieb Evangelina Naranjo, Ratsmitglied der Gemeindeverwaltung von El Ejido, mit Bürgermeistern der Region ein Protokoll zur Räumung illegaler Siedlungen und kündigte an, das Entstehen neuer Hütten ab sofort zu verhindern.

Stunden später rollte ein Bagger in eine Siedlung nahe El Ejido und zerstörte die Behausungen von fünfzehn Immigranten. Als die Bewohner von der Arbeit kamen, fanden sie ihre wenigen Besitztümer unter den Trümmern begraben. "So was passiert hier so häufig, dass wir schon fast daran gewöhnt sind", sagt Abdelkader.

Lehrer, Bauern, Fischer, Studenten - egal, welcher Tätigkeit die Immigranten in ihrem Herkunftsland nachgingen, hier erwartet alle dasselbe Los.

"An den Gewächshäusern kommst du nicht vorbei, sie sind für die Papierlosen das Tor nach Spanien. Nur hier wird es von offizieller Seite geduldet, Illegale zu beschäftigen. Kontrollen gibt es kaum, wir haben nur fünf Inspektoren für die gesamte Provinz, und die kommen sowieso nur, wenn es Probleme gibt. Außerdem werden die Kontrolleure vorher angekündigt und der Chef sorgt dann dafür, dass alles sauber ist, bevor sie eintreffen." Spitou Mendy sagt das, der siebzehn Jahre lang Professor für Sprachen im Senegal war, bevor er hierher kam. "Die Arbeiter werden ausgebeutet."

Sie duldeten es aus Angst, abgeschoben zu werden. "Obwohl der Vertrag für Tagelöhner in der Landwirtschaft auch für die Papierlosen gilt, wird mit ihren Rechten Schindluder getrieben. Der Chef überzieht willkürlich die Arbeitszeit und zahlt viel zu wenig. Die Leute spritzen Pestizide ohne Schutzkleidung und leiden an Hautausschlag und Kopfschmerzen, manche bekommen Krebs."

"Sind längst kontaminiert"

Von der anderen Seite hört sich das so an: "Die Arbeiter weigern sich, Schutzkleidung zu tragen. Wieso sollte ich sie dazu zwingen?" Juan Andrés, Teilhaber einer großen Treibhausplantage, demonstriert Gewerkschaftsmitarbeitern zwei Gasmasken und dazugehörige Schutzanzüge in seinem Werkschrank. "Außerdem, was soll's? Wenn sie wirklich durchs Sprühen kontaminiert werden, dann sind sie es inzwischen sowieso längst."

Dreißig seiner Arbeiter befinden sich seit den Morgenstunden im Streik und fordern sauberes Trinkwasser, Atemschutzmasken und den vertraglich festgelegten Stundenlohn. Sie stehen in der Mittagssonne vor der Halle, einige barfuß, einige in staubigen Sandalen.

Mohammed hat seine Papiermaske in die Stirn geschoben. "Seit vier Monaten sprühe ich Tag für Tag Gift. Immer nur mit dieser Maske aus Papier. Manchmal arbeite ich sechzehn Stunden am Tag und bekomme dafür 36 Euro." Mit verschränkten Armen stehen sie ihrem Chef gegenüber. "Mehr kann ich nicht zahlen", sagt Juan Andrés. Mehr Geld, dafür weniger Leute, das ist sein Angebot an diesem Tag.

Bei Agrupaejido, einem der größten Auktionshäuser für Obst und Gemüse in der Region, herrscht sechs Tage in der Woche geschäftiges Treiben. Fünftausend Bauern setzen hier pro Jahr ihre Treibhausprodukte ab, die an Discounter und Supermärkte in ganz Europa gehen. Einige der Produkte unterliegen einer gewissen Kontrolle durch lokale Behörden und Zertifizierungsinstanzen wie Eurep-GAP.

An der Situation der Arbeiter aber hat das noch nicht viel geändert. Greenpeace setzt sich seit langem für Umweltstandards in der Landwirtschaft ein. Seitdem hat sich auch das Bewusstsein vieler Konsumenten geschärft.

Doch während Normen für einen ökologisch verantwortungsvollen Umgang in der Landwirtschaft langsam Fuß fassen, bleibt die Sorge um menschenwürdige Lebensbedingungen der Arbeiter auf der Strecke. Es gibt Initiativen wie die der BSCI ("Business Social Compliance Initative") für verbesserte Arbeitsbedingungen. Aber der Druck auf die Anbieter, diese umzusetzen, hält sich bislang in Grenzen.