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Modedesign:Von Göttern zu Menschen

Wer Mode machte, galt einst als Schöpfer im himmlischen Sinne. Dann verloren sich die Überirdischen in Luxus und Eitelkeit und kamen als Geschäftsleute auf die Erde. Nichts zeigt diesen Wandel besser als ihre Auftritte nach der Show.

Der Clown: Jean Paul Gaultier nach seiner letzten Couture-Show im Januar 2020.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Eine lange Geschichte in drei Worten: Modeschöpfer, Modemacher, Creative Director. Sie umspannt das Selbstverständnis und das öffentliche Bild des Designerberufes im Wandel eines Jahrhunderts. Denn es sind ja nicht nur die neuen Kollektionen, die alle sechs Monate in Mailand und Paris präsentiert werden vor den sehnsüchtigen Augen der Welt. Am Ende eines jeden Defilees tritt ein Mensch auf den Laufsteg, um die Ovationen entgegenzunehmen - und wie er dies tut, ob huldvoll, bescheiden oder mit ganz großer Geste, das erzählt auch etwas über den Zustand der Zeit.

Coco Chanel

Die Grande Dame: Coco Chanel winkt in einer undatierten Aufnahme von der Schauentreppe herab.

(Foto: picture-alliance/dpa)

Am Anfang ist noch der göttliche Funke da, die Idee vom Designer als Schöpfer, der in seinem luftigen Atelier in Lauf vieler Monate nicht einfach Kleider, sondern Kreationen erschaffen hat, derer das handverlesene Publikum nun ansichtig werden darf. Coco Chanel sitzt während der Schau im Pariser Stammhaus an der Rue Cambon kaum sichtbar oben an der Wendeltreppe und raucht elegant eine Zigarette nach der anderen, während sich unten im Showroom ein vielstimmiges Raunen löst (die Treppe gibt es immer noch).

Christian Dior führt drüben an der Avenue Montaigne als Moderator höchstselbst durch sein Defilee, das bis zu zwei Stunden dauert. Fotografen sind nicht zugelassen, damit die Kopisten nicht zuschlagen, sogar Zeichnungen müssen beim Verlassen des Hauses wieder abgegeben werden. Jedes Kleid trägt einen Namen und wird vom Couturier einzeln angesagt - eine Aufgabe, die Dior, der unter panischer Schüchternheit leidet, unsagbar quält.

Christian Dior Giving A Fashion Conference At The Sorbonne In 1955

Der Couturier: Christian Dior moderiert 1955 jedes seiner Kleider einzeln an, eine Schau dauert bis zu zwei Stunden.

(Foto: Gamma-Keystone/Getty Images)

Yves Saint Laurent, der ihm nach seinem Tod 1957 für kurze Zeit nachfolgt, wird trotz seiner erst 21 Jahre bereits als überirdisch wahrgenommen, ein einsamer Gebieter über den herrlichen Olymp der Schönheit. Doch das ändert sich.

Karl Lagerfeld bei Chanel, Gianni Versace bei Versace, Tom Ford bei Gucci - in den achtziger und neunziger Jahren werden die Modeschöpfer zu Modemachern. Sie sind dem Luxus und der Eitelkeit verfallen und dabei sterblich geworden, gut bezahlte Puppenspieler im Kreis der schönsten Mannequins der Welt. Wenn sie sich verbeugen, so neigen sie sich vor großer Kulisse vor allem hinunter zu den Frauen, die ihnen in diesem Moment zu Füßen liegen, zu Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Helena Christensen und später zu Kate Moss.

Fashion: Ready To Wear Spring -Summer 1996 In Paris, France On October 14, 1995.

Der Puppenspieler: Karl Lagerfeld 1995 auf dem Laufsteg von Chanel, eingerahmt von Claudia Schiffer (re.) und Linda Evangelista.

(Foto: Daniel Simon/Getty Images)

Nur John Galliano duldet keine Geringere neben sich, nach jeder seiner Shows für Dior gibt es eine Apres-Show, und sie gehört ganz alleine ihm: Spot off. Spot on. Da ist Galliano, vom deutschen Stylisten Klaus von Stockhausen zwar als Pirat, Indianer, Tramp verkleidet, unverkennbar aber ein Pfau in seinem Element. Später lallt er im Suff von seiner Liebe zu Hitler und wird aussortiert. Seine Strafe und Läuterung ist der Kreativposten bei Martin Margiela: ein Label ohne Gesicht (vom Gründer gibt es kein einziges Bild), dessen Bedienstete aus Gründen der Gleichmachung weiße Arztkittel tragen; nach der Show verbeugt sich niemand.

Givenchy : Runway - Paris Fashion Week - Haute Couture Fall/Winter 2019/2020

Die Disziplinierte: Clare Waight Keller zeigt sich ihrem Publikum bei Givenchy im Juli 2019 nur für wenige Sekunden.

(Foto: Victor VIirgile/Getty Images)

Und heute? Karl Lagerfeld, der die größten Shows von allen inszenierte und sich beim Finale von seinen Chanel-Mädchen und 3000 Zuschauern wie ein Titan feiern ließ, ist 2019 gestorben. Jean Paul Gaultier, der jahrzehntelang die maßlos gut gelaunte Ego-Satire dazu ablieferte, hat im Januar verkündet, seine Couture-Linie abzugeben. Übrig bleiben die Creative Directors. Businessmenschen, die bis zu zwölf Kollektionen im Jahr verantworten, ohne Allüren, ohne Süchte, ohne jeden Exzess. Frauen, vielfach: Maria Grazia Chiuri bei Dior, Clare Waight Keller bei Givenchy, Virginie Viard bei Chanel. Sie kommen raus, machen ein paar Schritte, winken, sind sofort wieder weg. Sie haben ja noch so viel zu tun.

Chanel Cruise Collection 2020 : Runway At Grand Palais In Paris

Die Scheue: Lagerfelds Nachfolgerin bei Chanel, Virginie Viard, bleibt 2019 beim Finale lieber dezent im Hintergrund.

(Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images)
© SZ vom 09.04.2020

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