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Mittlerer Osten:Jenseits der Gewissheiten

Polbuch Cover

Michael Lüders: Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt. Verlag C.H. Beck München 2018. 256 Seiten, 14,95 Euro. E-Book: 11,99 Euro.

Michael Lüders warnt in "Armageddon im Orient" vor einem saudisch-iranischen Großkonflikt - und provoziert mit zweifelhaften Thesen über Syrien.

Von René Wildangel

Michael Lüders hat schon mehr als ein Dutzend Sachbücher und Romane über den Nahen Osten vorgelegt. Sein neuestes Werk mit dem pompösen Titel "Armageddon im Orient" beleuchtet den jüngsten saudisch-iranischen Gegensatz und warnt vor einem Krieg zwischen den Regionalmächten.

Die Warnung ist berechtigt, denn nicht nur der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu wirbt ungebrochen für eine harte Linie beim Thema Iran, auch in der Trump-Administration sind mit John Bolton als Nationaler Sicherheitsberater und Mike Pompeo als Außenminister radikale Verfechter für einen iranischen Regime-wechsel in zentrale Positionen gerückt. Seit Trump das Atomabkommen seitens der USA aufgekündigt hat, wurde der Konfrontationskurs nochmals verschärft. In insgesamt elf Kapiteln betrachtet Lüders die Hintergründe. Zu Recht hält er fest, dass nicht in erster Linie religiöse, sondern handfeste machtpolitische Motive den Gegensatz befeuern. Er zeichnet detailliert das US-amerikanische Bündnis mit Saudi-Arabien von Roosevelt bis Trump nach und beschreibt die amerikanische Entfremdung von Iran bis hin zur systematischen Dämonisierung des Landes. Der fatale Krieg, den Saudi-Arabien in Jemen führt, wird ebenso thematisiert wie der anhaltende bewaffnete Konflikt in Syrien.

Insbesondere zu letzterem Thema löste Lüders in der Vergangenheit Kontroversen aus. Er unterstellt auch in diesem Buch westlichen Medien und Politikern, mit zweifelhaften Belegen für Verbrechen das syrische Regime einseitig "an den Pranger zu stellen". Lüders versteht sich als jemand, der unbequeme Wahrheiten ausspricht, hat dabei aber selbst einen Hang zu ebenjener Schwarz-Weiß-Malerei, die er ständig kritisiert. Seine einseitige Erzählung von Assads Kampf gegen die Dschihadisten folgt letztlich dem syrisch-russischen Narrativ, auch wenn er die "äußerste Brutalität und Menschenverachtung" der syrischen Regierung selbst einräumt. Die Existenz einer syrischen Zivilgesellschaft tut er als "Mantra liberaler Interventionisten" ab und diskreditiert all jene, die Assad und seine Schergen für ihre Verbrechen zur Verantwortung ziehen wollen. Die Provokation hat hier Methode, und das Anschreiben gegen den vermeintlichen "Mainstream" wird zum Verkaufsargument. Schließlich lautet das vollmundige Versprechen aus dem Klappentext: "Ein Blick hinter die Kulissen, der enthüllt, was leider nur allzu selten in der Zeitung steht." Das passt nicht zu Lüders' Literaturverzeichnis: Das beruht nämlich größtenteils auf Zeitungsartikeln vom Bonner Generalanzeiger bis zur New York Times.

In den Kapiteln zu den Hintergründen des saudisch-iranischen Gegensatzes und dessen Geschichte lässt sich viel Zutreffendes und Erhellendes lesen; allerdings nicht besonders viel Neues. Bei einem "Blick hinter die Kulissen" sollte man Recherchen vor Ort und Gespräche mit beteiligten Akteuren erwarten dürfen. Schließlich wird die Kernfrage nach dem Risiko eines Krieges, der den "Weltfrieden ernsthaft bedroht", unzureichend analysiert: Hier wäre ein Blick auf die militärischen und strategischen Hintergründe notwendig und auch eine nüchterne Abschätzung, welche Faktoren möglicherweise gegen eine militärische Konfrontation sprechen. Vorsichtshalber rudert der Autor selbst zurück: Statt des beschworenen Armageddons sei auch ein Stellvertreterkonflikt möglich. "Gewissheiten gibt es allerdings keine", lautet das wenig überzeugende Fazit. Das abschließende Kapitel "Was tun?" klagt über das Fehlen eines Politikers "vom Schlage Willy Brandts oder Egon Bahrs", liefert aber zu wenig Denkanstöße für konkrete Politikalternativen. Die wären aber wichtig für einen Debattenbeitrag, der eindringlich vor einem drohenden Krieg gegen Iran warnen will.

René Wildangel ist Historiker und schreibt unter anderem zum Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten.

© SZ vom 10.09.2018

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