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Mittelschicht in Ghana:"Die Familie nach Deutschland zu holen war keine Option"

Trotz der positiven Entwicklung treffen Unternehmer in Ghana noch immer auf viele Schwierigkeiten. Die Stromversorgung ist unzuverlässig, das Straßennetz überlastet, die öffentlichen Verkehrsmittel chaotisch. Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten bemüht sich Ghanas Regierung zwar, diese Dinge zu ändern. Baustellen ziehen sich durch das ganze Land. Doch noch müssen oft Firmen wie iSpace Hilfsgelder an Land ziehen.

Ihre Rückkehr aus England hat Sena Ahadji trotzdem nie bereut. Die Jobaussichten waren nicht der alleinige Grund zurückzukommen. "Ich hatte schlimmes Heimweh", sagt sie. Ihre Großfamilie fehlte ihr, auch das herzliche Miteinander der Leute. Sie zeigt aus dem Fenster, auf die Gassen des Viertels. "Musik, Hochzeiten, Beerdigungen - alles spielt sich draußen ab." Sie vermisste auch die lokalen Sprachen, mit denen sie aufgewachsen ist. Wenn sie mit ihren Freunden in Accra spricht, mischt sie Englisch mit Twi oder Ewe. In England wurde es außerdem immer schwieriger und teurer, ein Visum und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. "Irgendwann hatte ich genug."

Ghana

Jung, kreativ, gut ausgebildet: Sena Ahadji will als Grafikdesignerin Karriere in ihrer Heimat Ghana machen.

(Foto: Isabel Pfaff)

Die Rückkehrer, die sich gegen ein Leben in den Industriestaaten und für Ghana entscheiden, gibt es nicht nur in der Hauptstadt. Man trifft sie auch im Hinterland, wo Ghana bäuerlicher und ärmer ist. Adadow Yidana hat vor kurzem sein kleines Apartment in Deutschland gegen ein Sechs-Zimmer-Haus in Tamale, der größten Stadt im Norden Ghanas, getauscht. Der kleine Mann im senfgelben Hemd führt durch die Räume, die noch kahl und unmöbliert sind. "Meine Frau und unsere drei Kinder sind erst vor kurzem eingezogen", sagt der 41-Jährige. Im Sommer hat er in Halle an der Saale seine Doktorarbeit in Medizinsoziologie verteidigt und sich danach so schnell wie möglich in den Flieger nach Hause gesetzt. Seine Frau, eine Grundschullehrerin, hatte sich drei Jahre ohne ihn um die Familie gekümmert und den Bau des Hauses beaufsichtigt.

"In Deutschland bleiben, die Familie irgendwann nachholen - das war keine Option für mich", sagt Yidana. Er kam mit der verschlossenen Art der Leute nur schwer zurecht, und als gläubiger Muslim fühlte er sich bei den Bierrunden mit Professoren und Kollegen meist fehl am Platz. "Vor allem aber will ich in dem Bereich arbeiten, für den ich qualifiziert bin." In Deutschland hat er eingewanderte Akademiker in Restaurantküchen arbeiten sehen. Zu Hause waren seine Aussichten besser: In Tamale ist vor einigen Jahren der Campus der Universität für Entwicklungsstudien fertig geworden. Im Auto fährt Yidana das Gelände ab, zeigt auf sein Büro, die Bibliothek, die Hörsäle. Hier arbeitet er jetzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter, er forscht und bildet medizinisches Personal aus.

Die Häuser in Tamale sind niedrig, die Straßen schmal und staubig. Luftig gebaute Moscheen unterbrechen die Ladenzeilen. Hier stockt der Verkehr selten. Statt dicker SUVs sind vor allem Mofas und dreirädrige Minilaster unterwegs, die Baumaterial oder Berge von Wassermelonen transportieren. Männer in schneeweißen Gewändern brausen auf Mofa-Taxis vorbei.

Adadow Yidana zählt zu den Wohlhabenden. Er verdient umgerechnet 900 Euro netto, hat ein Haus, einen Toyota und schickt seine Kinder auf private Schulen. Im Wohnzimmer hängt ein Flachbildschirm. Manchmal trifft Yidana seinen Cousin in der Stadt, sie trinken eine Cola und tauschen Neuigkeiten aus. Viel mehr Luxus ist nicht drin. Yidana trägt nicht nur Verantwortung für seine Kleinfamilie, sondern für die ganze Verwandtschaft: Wenn jemand krank wird oder Schulgebühren fehlen, springt er ein - das Los eines Aufsteigers. "Manchmal gebe ich die Hälfte meines Einkommens für die Großfamilie aus", sagt er. Man könne vor dieser Verantwortung nicht davonlaufen. "Was, wenn ich eines Tages selbst Hilfe brauche?"

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