Kriminalität in Mittelamerika Die Toten im Brunnenschacht

Mordopfer in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Das Foto entstand im Jahre 2015

(Foto: REUTERS)

Óscar Martínez beschreibt in seinen Reportagen vom organisierten Verbrechen vergiftete Gesellschaften - und das Versagen ganzer Staaten.

Von Cord Aschenbrenner

Der Kandidat hatte einen winzigen Fehler gemacht. Statt zu sagen, er sei pedo vom Rauschgift, nämlich high, benutzte er aus Versehen die weibliche Form des Adjektivs: peda.

Die salvadorianische Gang, die kurz davor war, ihn aufzunehmen, überlegte es sich in diesem Moment anders: Ihre Mitglieder prügelten den Mann tot. Ein Neuer, der den Unterschied zwischen weiblich und männlich nicht kennt? Eine Beleidigung, die bestraft werden musste, die ganze Bande fühlte sich erniedrigt.

Derjenige, der diese Geschichte erzählt in Óscar Martínez' Reportagen-Band, ist ein Kronzeuge, der auspackt über seine Drogenschmugglerbande. Er hatte den unglücklichen Fast-Gangster mit umgebracht, genau wie einen anderen, der bei der "Hollywood Locos Salvatrucha" mitmachen wollte. Den hatte die Gang einfach so beschlossen "abzuholen", wie die Umschreibung für einen Mord lautet.

Die Bande hatte ihn mit einem Strick aus Agavenblättern erdrosselt. El Niño (Das Kind), wie der Kronzeuge genannt wird, tritt zu Anfang des Buches auf, er ist ein junger Killer, der zum Belastungszeugen gegen eine Gang wird, die Jahrzehnte zuvor in Los Angeles gegründet worden war.

Am Ende des Buches ist er tot, entsprechend heißt die letzte der 14 Reportagen des Bandes: "El Niño von der Hollywood-Gang wurde ermordet (und wir wussten alle, dass das passieren würde)".

Regelmäßige Gemetzel

Unter anderem darum geht es in Martínez'' bedrückender Schilderung der mittelamerikanischen Gewalt-Geschichte: dass Kronzeugen ziemlich sicher nichts zu erwarten haben außer den Tod, weil der Staat sie "benutzt und dann wie schmutziges Toilettenpapier wegwirft".

Der Staat in Zentralamerika, egal ob er Guatemala, Honduras, El Salvador oder Nicaragua heißt, kommt nicht gut weg bei Óscar Martínez. Der Staat ist großenteils abwesend, er hat sich aus vielen Regionen verabschiedet oder die Regierungen haben sich mit dem organisierten Verbrechen, mit Drogen- und Menschenhandel, mit Schutzgelderpressung, mit Mord arrangiert; wobei, schreibt Martínez, "die Regeln von den kriminellen Banden gemacht werden".

Der Staat ist unfähig, seine Bürger zu schützen, oder er versucht es erst gar nicht; er ist in Teilen korrupt; manchmal bleibt ihm nichts anderes übrig, als einen der Bosse an die USA auszuliefern, dorthin, wo Kokain und Marihuana landen nach ihrem Transit durch Zentralamerika; manchmal, wenn die Würde des Staates sogar in dessen eigenen Augen zu arg beschädigt worden ist - wie im Fall von acht massakrierten Polizisten aus dem guatemaltekischen Städtchens Salcajá -, schlägt er zurück.

Óscar Martínez: Eine Geschichte der Gewalt. Leben und Sterben in Zentralamerika. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Verlag Antje Kunstmann, München 2016. 304 Seiten, 24,95 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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Viele andere entsetzliche Gewalttaten, verübt von Drogenbanden in den von ihnen kontrollierten Zonen oder in den überfüllten, vernachlässigten Gefängnissen, bleiben ungesühnt - dort, wo die Gangs ihre Machtkämpfe austragen und regelmäßige Gemetzel dazugehören wie die Feste zum Kirchenjahr. "In diesem System", schreibt Martínez , "kann man Massaker voraussagen wie Gewitter."

Einzelne gibt es, die sich der systematischen Rechtsverletzung und Gewalt nicht fügen wollen. Ein paar Staatsanwälte und Richter, die sich von den Drogenbanden nicht kaufen lassen, Polizisten, für die das ebenso gilt, und ein Mann wie Israel Ticas, "der einzige Gerichtsmediziner der salvadorianischen Staatsanwaltschaft, der in Brunnen hinabsteigt".

Furcht einflössend, nüchtern, niederschmetternd

Die Gangs nutzen diese Brunnen, um ihre toten Opfer loszuwerden. Von Dezember 2010 bis April 2013, 805 Tage lang, hat Martínez den vergeblichen Versuch Ticas' verfolgt, einen als Leichenhalde dienenden Brunnen durch eine seitliche Bohrung zu öffnen, um die Leichen bergen und exhumieren zu können.

Vergeblich deshalb, weil der Staat die Ticas zur Verfügung gestellte Ausrüstung, zum Beispiel einen Schaufelbagger und einen Lkw immer wieder wegnahm, weil Regen die Arbeit unmöglich machte, weil der Gerichtsmediziner anderswo gebraucht wurde. Der Brunnen scheine ein Metapher für das Land zu sein, schreibt Martínez : "Je mehr man auf eine Lösung der Probleme hofft, desto schlimmer wird es."

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Derartige Kommentare erlaubt sich Martínez , der seit Jahren offenbar ungerührt Polizisten, Staatsanwälten, Politikern und Kriminellen auf den Leib rückt und sie über die Zustände in ihren Ländern befragt, selten. Seine Reportagen über die gewalttätigen, freudlosen, vom organisierten Verbrechen vergifteten Gesellschaften Mittelamerikas sprechen für sich selbst; sie sind Furcht einflößend genau, ohne blutrünstig zu sein, nüchtern und eben deshalb so niederschmetternd: Es scheint für diese Länder keine Hoffnung zu geben.