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Geschichte:Herz der Tinte

Illuminierte Handschrift

Detail der illuminierten Handschrift aus dem Zisterzienserstift Zwettl

(Foto: dpa)

Lange rätselten Wissenschaftler und Restauratoren, wie das Blau mittelalterlicher Schriften hergestellt wurde. Nun scheint das Geheimnis um den Farbton gelöst zu sein.

Von Sofia Glasl

Geheimtinte hat die zauberhafte Angewohnheit, sich nur unter bestimmten Umständen zu zeigen, etwa beim Erwärmen des Schriftstücks, das mit ihr verfasst wurde. Daher eignet sie sich für besonders diffizile oder delikate Angelegenheiten und firmierte im 18. Jahrhundert auch als "sympathetische Tinte", also als Stoff, mit dem Liebesbriefe geschrieben wurden. Welche Flüssigkeiten sich am besten für geheime Botschaften eignen, ist umstritten. Zitronensaft, Milch und Urin sind in gewisser Weise Klassiker. Plinius der Ältere verwendete angeblich Wolfsmilch, die aus dem gleichnamigen giftigen Strauch gewonnen wird.

Eine geheimnisvolle Tinte der etwas anderen Art versteckt sich in den sogenannten illuminierten Handschriften. Darin geht es auch ums Sichtbarmachen des Geschriebenen, aber mithilfe mehrfarbiger Verzierungen und Ornamente. Illuminatoren und Buchmaler spielten eine wichtige Rolle beim Ausgestalten und perfektionierten nicht nur die Schreib- und Maltechniken, sondern auch die Herstellung der Arbeitsmaterialien, auch der Tinten und Farbpigmente. Nun ist es nicht nur kunsthistorisch und wissenschaftsgeschichtlich interessant, aus welchen Zutaten und mit welchen Verfahren sie die Farben gewannen, sondern auch ganz pragmatisch für Restauratoren beschädigter und verschlissener Seiten. Jahrhunderte alte handschriftlich verfasste Schriftstücke lassen sich mit modernen, vielleicht sogar synthetischen Farben und Tuschen nun mal schlecht ausbessern.

Die Überlieferung des Wissens um die Herstellung von Farben ist daher für Restauratoren von zentralem Interesse. Seit Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts dünnt dieses Wissen aber aus bis aufs Bruchstückhafte. Vor allem ein bestimmter Blauton hat Konservatoren, Kunsthistorikern wie Chemikern Rätsel aufgegeben: die aus dem Kraut Chrozophora tinctoria, tatsächlich einem Wolfsmilchgewächs, gewonnene Tinte "Folium", auch "Turnsole" genannt. Zwar kannten sie die chemische Formel der fertigen Tinte, waren aber lange nicht in der Lage, die Herstellung zu rekonstruieren. Neben Indigo war dieser je nach Verwendung blau oder violett erscheinende Ton eine der verbreiteten pflanzlichen Farben. Die Farbunterschiede ergaben sich wie bei einem Lackmustest je nach saurer oder basischer Umgebung. Nur das Pigment, aus Lapislazuli gewonnen, war höherwertig, mineralische Farben verblassen weniger.

Diese Leerstelle hat die Wissenschaft lange beschäftigt, obwohl die Rezeptur von Folium erstaunlich gut dokumentiert ist. Der italienische Maler Cennino Cennini erwähnte die Farbe in seinem kunsthistorisch bahnbrechenden Werk "Il libro dell'arte" von 1390 - eines der ersten Bücher, die sich mit den handwerklichen und künstlerischen Details der Malerei auseinandersetzen. Ein Rezept zur Herstellung der Farbe liefert er aber nicht. Drei mittelalterliche Texte gehen detailliert auf Folium und dessen Handhabung ein, lassen jedoch essenzielle Einzelheiten im Dunklen. Der Benediktinermönch Theophilus Presbyter erwähnt die Farbe bereits im 12. Jahrhundert in "De diversis artibus". Er beschreibt darin auch die Methode der "Tüchleinfarben", bei der pflanzenbasierte Farben wie Folium oder Indigo auf ein Stückchen Stoff aufgebracht und getrocknet wurden. So ließen sie sich leicht transportieren und durch Zugabe von Wasser wieder verarbeiten.

Im 14. Jahrhundert wird das Folium im "Montpellier liber diversarum arcium" erwähnt. Besonders aufschlussreich war das etwas langatmig betitelte "The book on how to make all the colour paints for illuminating books", das in einer Abschrift aus dem 15. Jahrhundert vorliegt. Das in Judäo-Portugiesisch geschriebene Buch ist bisher nur in wenige Sprachen übersetzt und wird meist in der englischen Fassung verwendet. Darin finden sich bereits Hinweise auf die Pflanze Chrozophora tinctoria, auch wenn nicht klar ist, ob sie als Hauptzutat verwendet werden soll.

Diese drei Quellen sind es, die einem interdisziplinären Expertenteam an der Universität von Lissabon die wichtigsten Hinweise lieferten, und es ihnen ermöglichte, die fehlenden Puzzleteile mithilfe moderner Verfahren zu ergänzen. Erst im April 2020 konnte das Team aus den Bereichen Kunstgeschichte, Chemie und Biologie die Ergebnisse im Magazin Science Advances veröffentlichen.

Die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler war nun, dass sie entgegen der Rezeptur aus dem Handbuch für Illuminatoren und aus dem "Liber diversarum", man möge die Kerne der Früchte verwenden, herausfanden, dass der Farbstoff in der Haut der kleinen Beeren sitzt. Den entscheidenden Hinweis lieferte den Experten laut eigener Aussage ein bisher unbeachtetes Rezept aus Frankreich: In "Recherches sur la Fabrication du Tournesol en Drapeaux, et sur le Principe Colorant du Chrozophora tinctoria" (1842) wird die ganze Pflanze verarbeitet. Zudem stellte es sich als nützlich heraus, die Früchte nicht zu zerdrücken, da die Kerne eine gelatineartige Konsistenz erzeugten und die Farbe dickflüssig machten.

Ihre Arbeit liest sich wie eine Mischung aus moderner Molekularküche und mittelalterlichem Hexentrunk. Die Spezialisten suchten sich aus den Quellen ein Rezept zusammen, das ein wenig wie eine Übung für Zauberschüler klingt: Man nehme 160 Gramm Früchte der Chrozophora tinctoria und vier Liter einer Methanol-Wassermischung im Verhältnis von 70:30, zwei Stunden rühren - fertig. Zumindest fast. Die Wissenschaftler reinigten die Flüssigkeit anschließend mit einigen modernen Verfahren und erhielten reine, trockene Farbpigmente, die kein Trägermedium wie Stoff oder Papier benötigen.

© SZ vom 31.10.2020/odg

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