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Mittel- und Osteuropa:Rückkehr der Angst

Truppen in Polen

Für viele die einzige richtige Antwort auf Russlands Gebaren: die Stationierung US-amerikanischer Truppen in Polen

(Foto: AFP)

Die Krise in der Ukraine und die Haltung Russlands lässt alte Traumata in Mittel- und Osteuropa wieder wach werden. Dass viele Deutsche so viel Verständnis für Putins Vorgehen an den Tag legen, stößt dort auf Empörung.

Ein Kommentar von Klaus Brill

Für die Völker Mittel- und Osteuropas hält das Jahr 2014 eine Serie von Gedenktagen bereit, von denen einige an die schlimmsten Zeiten der Unterdrückung und des Mordens erinnern, andere an die seligen Tage der Befreiung und Verständigung. Man wird die Jubiläen im Lichte der aktuellen politischen Lage begehen und also erstmals seit 25 Jahren in einer Stimmung der Ängstlichkeit und Bedrückung. Die Krise in der Ukraine, die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland und der Jubel der Russen über das chauvinistische Gebaren ihres Präsidenten Wladimir Putin frischen überwiegend die negativen historischen Erfahrungen wieder auf.

2014 ist deshalb in Mittel- und Osteuropa leider wieder ein Krisenjahr. Dass Polen, Tschechien, Ungarn und fünf weitere Nationen am 1. Mai ihre zehnjährige Zugehörigkeit zur EU begehen, kann immerhin der Beruhigung dienen. Gerade jetzt wird diese EU-Mitgliedschaft - und mehr noch der ebenfalls vor zehn, zum Teil auch schon vor 15 Jahren vollzogene Beitritt zur Nato - als einzige Gewähr dafür betrachtet, dass man dem Versuch einer neuerlichen Unterdrückung und Überwältigung nicht schutzlos ausgeliefert wäre. Und sicher wird auch im Herbst der 25. Jahrestag der Revolution von 1989 in der Überzeugung begangen, dass die damals überwundene kommunistische Diktatur und mit ihr die Vorherrschaft der Russen über ihre Nachbarn niemals wiederkehren dürfen.

Der Hitler-Stalin-Pakt wirkt als Trauma vieler Völker weiter

Zuvor ist freilich an den Anfang des Zweiten Weltkriegs zu erinnern, der vor 75 Jahren, am 1. September 1939, mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen begann. Ihm folgte dann am 17. September die Invasion der Roten Armee in den östlichen Teil Polens. Die Interessenssphären waren kurz zuvor, am 23. August 1939, im Hitler-Stalin-Pakt abgegrenzt worden. Ein Datum, das in der deutschen Erinnerungstradition eher in den Hintergrund geraten ist, für die Polen und die baltischen Völker aber zentrale Bedeutung hat. Denn damals wurden die Weichen gestellt für die neuerliche Auflösung des polnischen Staates, für die Massenmorde an den Angehörigen der polnischen Elite durch deutsche und sowjetische Kommandos sowie für die spätere Annexion Litauens, Lettlands und Estlands durch die Sowjetunion. Es gibt seither in Mittelosteuropa kein größeres Trauma als ein deutsch-russisches Einvernehmen über die Köpfe der zwischen beiden Ländern lebenden kleineren Nachbarn hinweg.

Dies ist zu bedenken, wenn jetzt in Deutschland von erstaunlich vielen Menschen Verständnis für das Vorgehen Putins und die angeblichen Sicherheitsbedürfnisse der präsumtiven Großmacht Russland geäußert werden. In Polen und im Baltikum stößt dies auf scharfen Widerspruch, teils auf Empörung. Als ob es sich bei der Ukraine und ihren Nachbarstaaten um Länder zweiter Klasse handelte, deren Bürger mit Rücksicht auf den großen Nachbarn nicht frei entscheiden dürfen, welchem Staatenbund sie angehören möchten.

Die jetzt begonnene Entsendung von Nato-Truppen, die die unzweideutige Einbindung Polens und der baltischen Länder ins westliche Sicherheitssystem zum Ausdruck bringt, wird von vielen Menschen als die einzig richtige Antwort auf die Bedrohung angesehen.

Ansonsten hält nicht nur die fundamentalkatholische Opposition in Warschau die führenden EU-Politiker für, pardon, Weicheier. Tomasz Lis, ein führender polnischer Publizist, wirft dem Westen Impotenz und Opportunismus vor und vergleicht ihn mit einem Altersheim. Solche Äußerungen zeigen, dass die Krim-Krise vielfältige Gefahren birgt, und zwar auch für das Verhältnis Deutschlands zu seinen unmittelbaren Nachbarn. Wer es vor Schaden bewahren will, tut gut daran, das Gedenkjahr 2014 intensiv für historische Studien zu nutzen.

© SZ vom 24.04.2014/sebi

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