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Missbrauchsskandal:Unzufrieden mit den deutschen Brüdern

Der Papst schaltet sich ein: Erzbischof Zollitsch muss Benedikt über die Missbrauchsfälle Bericht erstatten. Der Vatikan ist enttäuscht von den deutschen Bischöfen.

S. Gierke

Jeden Tag neue Fälle. Jeden Tag neue Details. Jeden Tag wächst das Entsetzen. Jetzt muss sich auch der Papst erstmals direkt mit dem Missbrauchsskandal an katholischen Einrichtungen in Deutschland auseinandersetzen. Wenn Benedikt XVI. am Freitagnachmittag den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, empfängt, wird das Thema im Mittelpunkt stehen. Im Mittelpunkt stehen müssen. Zollitsch selbst hat dazu lange geschwiegen, es enstand der Eindruck, er wolle die Sache aussitzen. Im Vatikan haben einige darauf mit Unverständnis reagiert.

Und so dürfte für Bischof Zollitsch der Besuch im Vatikan zum Gang nach Canossa werden: Der deutsche Papst reagierte in der Vergangenheit äußerst sensibel auf das Thema und bezeichnete Missbrauch wiederholt als ein unerträgliches Verbrechen. Er hatte sich persönlich des Skandals in den USA angenommen und später auch die irischen Bischöfe wegen der dortigen Probleme nach Rom zitiert. Damit rückte Benedikt vom üblichen Prozedere ab. Das sieht vor, dass die Bistümer zunächt versuchen, die Vorwürfe intern aufzuklären - und dann dem Vatikan berichten.

Aufgrund der gewaltigen Dimension des Skandals könnte der Papst nun wieder besondere Maßnahmen ergreifen. Denn die Nervosität steigt. Seit auch Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen und im Kloster Ettal bekannt wurden, ist der Skandal dem Vatikan näher gerückt. Georg Ratzinger, der Bruder des Papstes, war Regensburger Domkapellmeister.

"Tiefer Enttäuschung und sehr großer Zorn"

Da wiegt es umso schwerer, dass man im Apostolischen Palast nicht damit zufrieden ist, wie die katholische Kirche in Deutschland bisher mit dem Thema umgeht.

Von "tiefer Enttäuschung, Schmerz und sehr großem Zorn" hat Walter Kasper, der deutsche Ökumene-Beauftragte von Papst Benedikt XVI. und dienstälteste Kardinal an der Kurie in Rom über die italienischen Zeitung La Repubblica berichtet. Die katholische Kirche in Deutschland müsse die Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen rückhaltlos aufklären, die Täter, wenn möglich, vor Gericht bringen und die Opfer entschädigen. Auch wenn Kasper später seine Aussagen bezüglich der Entschädigungsforderung relativierte und im Radio Vatikan die Darstellung der Zeitung diesbezüglich eine "sehr freie" Wiedergabe seiner Äußerungen nannte, seine Worte müssen die deutschen Brüder als Warnung verstehen.

"Der Papst wird nicht einfach zusehen", warnt Kasper. Und kündigt ein Schreiben von Benedikt XVI. an, das sexuellen Missbrauch auf das Schärfste verurteilen wird. Kardinal Kasper, so berichtete La Repubblica, sei im Gespräch ziemlich ungehalten gewesen über die Aufklärungsarbeit.

Die Vatikanzeitung Osservatore Romano beschäftigte sich auch mit den Missbrauchsvorwürfen im Internat der Regensburger Domspatzen. Der Heilige Stuhl, heißt es in einem Beitrag, unterstütze die Bereitschaft von Bischof Gerhard Ludwig Müller, "die schmerzhafte Angelegenheit mit Entschlossenheit und in offener Weise zu untersuchen".

Auch das ist wohl eher als Aufforderung und versteckte Drohung zu verstehen denn als Untersütztung. Der Regensburger Bischof hat sich bislang nicht sonderlich um die Aufklärung verdient gemacht. Er sieht in der Berichterstattung über die Missbrauchsfälle gar eine "Verletzung der Menschenwürde aller katholischen Priester und Ordensleute" und wirft Kritikern vor, sie versuchten, die Kirche zu kriminalisieren.

Dabei steht Müller selbst stark unter Druck. Er sieht sich bereits sei einiger Zeit dem Vorwurf der bewussten Vertuschung in einem Fall von Kindesmissbrauch ausgesetzt. Im Jahr 2008 war der Priester von Riekofen im Landkreis Regensburg verurteilt worden. Er war strafrechtlich belangt worden, weil er zwei Jungen unsittlich berührt hatte. Dennoch wurde er vom Bistum wieder eingesetzt und missbrauchte einen Ministranten. Der Richter, der den Priester verurteilte, kritisierte damals Bischof Müller: Man habe den pädophilen Priester "in eine Versuchungssituation geführt. Das ist so, als stellt man einen wegen Untreue verurteilten Täter bei einer Bank an".

An vielen Stellen nehmen aktuell die Debatten innerhalb der Kirche zu. So erschien in der Vatikanzeitung auch ein Beitrag der Historikerin Lucetta Scaraffia. Wären Frauen befugt, Leitungsämter in der Kirche auszuüben, wären viele der nun ans Licht kommenden Fälle von sexuellem Missbrauch durch katholische Priester verhindert worden, schreibt die Autorin. "Frauen neigen von Natur aus stärker dazu, Kinder vor Missbrauch zu schützen." Schwerer Schaden wäre so von der Kirche abgewendet worden. Dass der Artikel gerade jetzt in der amtlichen Zeitung des Vatikans erscheint, ist bemerkenswert.

Zollitsch wird sich beim Papst kritischen Fragen stellen müssen. Und solche könnte er in zwei Wochen erneut zu hören bekommen: Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat den Bischof zu einem Treffen am 25. März eingeladen. Dabei soll der Streit um die ihrer Meinung nach mangelhafte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle seitens der Kirche beigelegt werden. Die Bischofskonferenz reagierte "überrascht", wie Sprecher Matthias Kopp sagte. Man habe über die Medien von der Einladung erfahren. Zollitsch sei an dem Tag verhindert.

© sueddeutsche.de/segi

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