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Missbrauchsskandal:Trost oder Grenzübertretung?

Ein konservativer Theologe bescheinigt den Verantwortlichen des Klosters Ettal vorbildliches Verhalten - und heizt den Streit über den Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch an.

Es waren zwei furchtbare und dramatische Wochen für das Benediktinerkloster Ettal, die Schule, das Internat. Es wird offenbar: Ein Lehrer hat in den siebziger und achtziger Jahren Schüler sexuell missbraucht, ein ehemaliger Schulleiter hat Kinder sadistisch geschlagen, bis er 1991 abgelöst wurde, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mindestens eines Übergriffs im Jahr 2005 und weil ein Mönch Kinderpornos heruntergeladen haben soll.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx und sein neuer Generalvikar Peter Beer waren empört, vor allem darüber, dass der Fall aus dem Jahr 2005 nicht ans Erzbischöfliche Ordinariat weitergeleitet wurde. Sie drängten den Ettaler Abt Barnabas Bögle und Prior Maurus Kraß zum Rücktritt, mit Erfolg. Zu Recht? Zu Unrecht? Darüber ist nun ein Streit von bundesweiter Bedeutung entstanden, der zeigt, wie schwer es ist, Missbrauchsfälle aufzudecken, zu beurteilen, die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Manfred Lütz findet, dass das Erzbistum unter dem Druck der Ereignisse einen Fehler gemacht hat. Der Rücktritt von Bögle und Kraß sei nicht nötig gewesen, vielmehr hätten sie sich 2005 vorbildlich verhalten. Lütz leitet ein großes psychiatrisches Krankenhaus bei Köln und ist ein erfolgreicher Buchautor, vor allem aber ist der konservativ-katholische Psychiater, Theologe und Publizist Berater der Deutschen Bischofskonferenz bei Missbrauchsfällen.

Er organisierte 2003 einen großen Kongress zum Thema im Vatikan. Und er beriet 2005 den damals neuen Abt Bögle, als der den Fall des Paters und Lehrers R. übernahm. "Mit großer Offenheit und Akribie" habe Bögle ihm den Fall geschildert, sagt Lütz, und er habe daraufhin empfohlen, den Lehrer vom Ulmer forensischen Psychiater Friedemann Pfäfflin begutachten zu lassen.

"Strukturdefizit" oder "Reifestörung"?

Um dieses Gutachten geht nun die Debatte. Der Ausgangspunkt ist unstrittig: Der Lehrer wollte einen Schüler trösten, der weinend auf dem Bauch lag, er streichelte ihn dabei unter dem Hemd auf dem nackten Rücken, der Schüler selber und auch seine umstehenden Kameraden empfanden dies als unangenehm und eine Grenzüberschreitung, sie beschwerten sich, die Schule informierte die Eltern der Gruppe. Das war am 7. Mai 2005, am 14. Juli stellte sich der Lehrer bei Professor Pfäfflin vor.

Pfäfflin findet, dass der Lehrer durchaus wieder in der Seelsorge, sogar in der Jugendarbeit eingesetzt werden könnte; zwar sprächen die Vorfälle "von sich aus dafür, dass man die Eignung von Pater R. für die Jugendarbeit in Frage stellen könnte", dem sei aber entgegenzuhalten, dass die Anlässe "nicht auf ein unbehebbares Strukturdefizit der Persönlichkeit zurückzuführen" seien, sondern lediglich "auf das, was man gegebenenfalls als eine Reifestörung bezeichnen mag".

"Da dürfen wir nichts aufweichen."

In einem Brief an den mittlerweile zurückgetretenen Bögle bestätigt Pfäfflin am 1. März 2010, dass 2005 "der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs damals von keiner Seite" erhoben worden sei; "auch bei der Begutachtung durch mich fanden sich diesbezüglich keine Anhaltspunkte". Das Ordinariat, sagt Lütz, "hat in der besten Absicht das Gutachten falsch interpretiert".

Das sieht man dort aber nach wie vor anders: "Nach dem Dekret Delicta Gravamina von 2001 muss jeder Verdachtsfall an uns gemeldet werden", sagt der Generalvikar Beer; außerdem habe das Erzbistum die "reaktive Schulaufsicht": "Wir können nur dann aktiv werden, wenn uns etwas gemeldet wird" - und das sei unterblieben. Darin sei man sich auch mit dem zurückgetretenen Abt einig. Und nach wie vor liest man im Ordinariat das nichtöffentliche Gutachten offenbar so, dass Probleme mit dem Pater in Zukunft nicht auszuschließen seien. Und man nimmt dort die Vorwürfe sehr ernst, der Pater habe in einem zweiten Fall einem Jungen in die Unterhose gegriffen.

Letztlich aber steht hinter dem Fall der Grundsatzstreit, der nicht nur die katholischen Bistümer in den kommenden Monaten beschäftigen wird: Wie soll eine Institution mit Grenzverletzungen und Übergriffen umgehen? Soll sie im Zweifel Härte zeigen - oder wird die Härte irgendwann kontraproduktiv, wie Lütz nahelegt. Für Generalvikar Beer ist diese Frage bereits entschieden: "In der katholische Kirche muss nun der Grundsatz lauten: Keine Toleranz bei Missbrauch. Da dürfen wir nichts aufweichen."

Im Video: Die Leitung der Odenwaldschule hat sich bei ihren ehemaligen Schülern wegen des Missbrauchskandals entschuldigt

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