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Missbrauchs-Debatte:"Opfer erster und zweiter Klasse darf es nicht geben"

SZ: Wer soll das bezahlen?

Bergmann: Das ist die Sache von Bund, Ländern und Kommunen. Die sitzen am runden Tisch.

SZ: Werden die Opfer entschädigt?

Bergmann: Die Botschaft ist klar: Rund die Hälfte der Betroffenen will eine Entschädigung, manche möchte die Kosten für Therapien erstattet sehen, andere wünschen sich eine Rente. Alle bitten darum, dabei nicht abermals ihr Schicksal rechtfertigen zu müssen. Sie fürchten neue Traumatisierung.

SZ: Wann legen Sie dem runden Tisch einen Entschädigungsvorschlag vor?

Bergmann: Ein fundierter Vorschlag kann erst am Ende unserer Arbeit stehen, und wir sind noch mitten drin. Täglich melden sich Betroffene, wir machen noch Erhebungen und sehen die Regelungen anderer Länder an. Auch die Entschädigungsregelungen für Heimkinder, die im Herbst kommt, ist zu berücksichtigen. Wir müssen eine Lösung finden, die für alle gilt, für Missbrauchte in kirchlichen und weltlichen Einrichtungen und in Familien. Es darf keine Opfer erster und zweiter Klasse geben.

SZ: Können Sie sich einen Fonds vorstellen, in denen Institutionen einzahlen und an dem sich der Bund beteiligt?

Bergmann: Ich bin, wie gesagt, mit meinen Überlegungen noch längst nicht am Ende. Natürlich muss man auch über einen Fonds nachdenken. Und natürlich muss geklärt werden, in welcher Weise Institutionen, in denen Kinder missbraucht wurden, in Entschädigungsregeln einbezogen werden.

SZ: Über welche Summe reden wir?

Bergmann: Erst einmal: Kein Geld der Welt kann das Leid gutmachen. Aber es wird auch als symbolische Anerkennung erwartet und um die meist schweren Folgen des Missbrauchs zu mildern. Die Betroffenen wünschen sich auch Geld für Therapien. Die vielen individuellen Wünsche, die an uns herangetragen werden, kann man aber kaum realisieren.

SZ: Österreichs katholische Kirche hat ein Stufenmodell geschaffen. Opfer bekommen je nach Schwere des Missbrauchs zwischen 5000 und 25.000 Euro (siehe Seite drei). Was halten Sie davon?

Bergmann: Da bin ich skeptisch. Ich könnte nicht unterscheiden zwischen einem leichten und einem schweren Fall. Wie will man so etwas definieren?

SZ: Wie wollen Sie Opfern ersparen, im Entschädigungsverfahren erneut mit den Erinnerungen gequält zu werden?

Bergmann: Ganz ohne Rückfragen wird es nicht gehen. Aber wir werden alles daran setzen, dass die Betroffenen so wenig wie möglich neu belastet werden.

SZ: Vielen Missbrauchten dauert die Suche nach dem Modell viel zu lang.

Bergmann: Ich kann gut verstehen, dass die Betroffenen so schnell wie möglich einen Schlussstrich ziehen wollen, auch um zur Ruhe zu kommen. Aber es ist nicht schneller zu leisten, wenn man den ganz unterschiedlichen Betroffenen gerecht werden will. Die Institutionen, die für den Missbrauch in ihren Reihen verantwortlich sind, könnten durchaus mit gutem Beispiel vorangehen, eigene Regeln für Entschädigungen aufstellen. Sie sagen, sie möchten auf den Vorschlag des runden Tisches warten. Ich antworte: Ihr müsst nicht auf uns warten. Geht vorweg.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: das österreichische Modell der Opferentschädigung.

Beispiel Österreich: Wie das Nachbarland Missbrauchsopfer entschädigt