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Missbrauch: Odenwald-Schule:Strip-Poker beim Lehrer

Sexueller Missbrauch und kein Ende: Die Schriftstellerin Amelie Fried erinnert sich an ihre Zeit an der Odenwaldschule - damals, als sie keine "schwäbische Spießerin" sein wollte.

Hans-Jürgen Jakobs

In der zerfallenen, oder besser zerfallenden Welt des Gerold Becker galt die Suche stets mehr als die (bürgerliche) Sicherheit. Die Suche nach Freiheit, nach Liebe, nach dem Ich. Umso betrüblicher, wie nun Tag für Tag Unentschuldbares aus dem Leben des langjährigen Leiters der Odenwaldschule nach außen dringt.

Was in jenem berühmten Internat im hessischen Heppenheim geschah, der Heimstatt vorbildlicher Reformpädagogik, hat nichts zu tun mit dem wilden Gefühl der siebziger Jahre, sondern eher mit Justitiablem.

Gerade hat Beckers Lebensgefährte Hartmut von Hentig die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegenüber Schülern in der Süddeutschen Zeitung matt abgewehrt und davon gesprochen, dass vielleicht einmal, wenn überhaupt, ein Schüler den Lehrer Becker verführt haben könnte - da breitet die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Amelie Fried ihre Erinnerungen an die Odenwaldschule in der Frankfurter Allgemeinen aus.

Es ist ein Bild der Widersprüche, das sie zeichnet: Einerseits die geliebte Schule "OSO", die rebellische Geister damals auffing. Andererseits das Unbehagen über die vielen Anzeichen sexuellen Missbrauchs, die über all die Jahre ignoriert wurden.

Amelie Fried schwärmt von den Jungs-Beziehungen in der Odenwaldschule, vom Wohnen mit Gleichaltrigen in "Familien", von Frühstücks-Sessions bei Lehrern, von der Erziehung zu Mut. Aber da ist auch der "Familienvater", der sich plötzlich im Mädchen-Duschraum dazugesellte oder zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung nötigte. Als "verklemmte schwäbische Spießerin" verhöhnt, willigte die Heranwachsende damals doch ein. Sie habe sich furchtbar geschämt und die Erinnerung daran für Jahrzehnte verdrängt, schreibt Fried heute.

Freunde hätten damals Andeutungen über die Vorliebe des Direktors Becker und des Musiklehrers für kleine Jungs gemacht und dass die Knaben morgens mit der "Hand unter der Bettdecke" geweckt worden seien. Aber all das Gerede führte zu nichts. "Als Kind oder sehr junger Jugendlicher will man nicht glauben, dass ein Lehrer, der ja ein Vorbild ist und ansonsten auch ein netter Kerl, etwas Unrechtes tut. Lieber gibt man sich selbst die Schuld."

Damals sei das Ideal der griechischen Knabenliebe bemüht worden und der Zeitgeist kam den Pädagogen entgegen, die Ära der sexuellen Befreiung. Die Jugendlichen seien damals glücklich gewesen, in einer angstfreien Klima sich selbst zu entdecken - dass einige Erzieher diese "großartige neue Freiheit als Deckmäntelchen für ihre Übergriffe missbrauchten, das ist der Skandal", erläutert Fried.

Der Schock sitzt tief über die Vorgänge in der Ideal-Schule im Odenwald, in der besonders Schüler aus schwierigen Familienverhältnissen, die vom Jugendamt geschickt worden waren, unter dem Missbrauch litten. Es gebe Hinweise, dass deutlich mehr Lehrer in die damaligen Vorgänge verwickelt waren, schreibt die einstige Schülerin Fried, und erwähnt ein System aus Machtmissbrauch und Abhängigkeiten, das von Gerold Becker installiert worden sei. Sie schreibt von einem Lehrer, der davon schwärmte , wie er unter den "vielen wunderschönen und gescheiten Jungfrauen in Oberhambach" sich eine aussuchte und ehelichte.

Wenn man das alles so liest, kommt wieder die Frage auf: Warum erst jetzt? Schließlich hatte die Frankfurter Rundschau schon 1999 von dubiosen Vorgängen in der Odenwaldschule berichtet. Schulleiter Becker war kurz darauf zurückgetreten. Damals sei versucht worden, Missbrauchsopfer als "Nestbeschmutzer" abzuwerten, erläutert Fried, und sie nennt den Altschüler Peter Conradi: "Wer hätte reden wollen, der hätte reden können", sagte der langjährige SDP-Politiker damals.

Viele hätten eben nicht den Mut zur Aufklärung gehabt, beklagt die Autorin Fried und nennt den einstigen OSO-Lehrer Bernhard Bueb, der seinen Freund Becker nie auf die Missbrauchsvorwürfe angesprochen hätte, weil das sein "Frage von Takt und Respekt" gewesen sei, wie er meinte. Bueb wartet seit Jahren mit harten Thesen zur Erziehung in Büchern und TV-Shows auf, eine pädagogische Richtung, die ganz im Gegensatz zur Odenwaldschule-Philosophie steht.

Zum Schluss hat Fried noch einen Rat an Gerold Becker: "War das, was Du uns auf der OSO beigebracht hast, ernst gemeint? Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Sich für andere einsetzen. Mutig sein. Dann gehe Konflikten nicht aus dem Weg! Sei mutig! Entschuldige dich und bitte Deine Opfer um Verzeihung!"

Überschrieben ist ihr Text übrigens mit: "Die rettende Hölle". Beckers Freund Hartmut von Hentig hat eine andere Erklärung für das, was jetzt geschieht: Die Gesellschaft blicke "misstrauisch auf jede Zärtlichkeit und errichtet fürsorgliche Schutzvorkehrungen gegen den scheuen Gott".

© sueddeutsche.de/gba

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