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Missbrauch in der katholischen Kirche:"Ich bin froh über die Aufdeckung und stolz darauf, was wir erreicht haben"

Canisius-Kolleg

Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, vor einem Teil der Jesuitenschule in Berlin. In dem Gebäude, das für die Jugendarbeit vorgesehen war, fanden viele der sexuellen Übergriffe auf Schüler statt.

(Foto: dpa)

Vor zehn Jahren begann die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche - auch dank Matthias Katsch. Ein Gespräch über Geheimniskrämerei, die Verantwortung der Bischöfe und die Gefühlswelt eines Betroffenen.

Am 14. Januar 2010 ging Matthias Katsch, ein ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, gemeinsam mit zwei Mitschülern zum damaligen Rektor Klaus Mertes und zeigte den Missbrauch durch zwei Patres der Schule an. Jesuit Mertes nahm die Vorwürfe ernst, schrieb einen Brief an ehemalige Schüler und bat weitere Opfer darum, sich zu melden. Der Brief fand seinen Weg in die Berliner Morgenpost - und so begann heute vor zehn Jahren die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche. In den folgenden Monaten und Jahren meldeten sich in ganz Deutschland hunderte weitere Missbrauchsopfer, die in kirchlichen Schulen und Internaten von Priestern missbraucht worden waren.

SZ: Herr Katsch, heute vor zehn Jahren kam der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ins Rollen - was hat sich aus Ihrer Sicht seither getan?

Matthias Katsch: Auf persönlicher Ebene kann ich sagen, für mich hat sich in den vergangenen zehn Jahren ganz viel verändert. Aber gleichzeitig ist es für uns Betroffene schier unerträglich, dass wir nach zehn Jahren immer noch darauf warten, dass die Aufarbeitung wirklich Hand und Fuß bekommt. Aus der Sicht der Institution Kirche sieht das natürlich ganz anders aus, die haben das Gefühl in einem reißenden Fluss, einem rasenden Übergang, einem Veränderungsprozess zu sein, der sich sehr dramatisch anfühlt und der auch sehr schnell ist, wenn man sich den Rhythmus einer Großorganisation anguckt. Eine Unternehmenskultur zu verändern, das macht man nicht mal so nebenbei - vor allem nicht, wenn sie so über Jahrhunderte gewachsen ist und so eine stabile Verbindung eingegangen ist wie bei der katholischen Kirche zwischen Organisation und Lehre.

Es wird viel diskutiert über den Aufklärungswillen der Kirche, im Mittelpunkt steht da immer die Frage nach dem Zugang zu Akten.

Es gab ja von Anfang an Widerstand gegen ein erstes Forschungsprojekt des Kriminologen Christian Pfeiffer, das dann auch nicht zustande kam. Und die Forscher der danach von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragten MHG-Studie durften nur anonymisiert auf Daten zugreifen, es gab keine Vergleichbarkeit zwischen den Bistümern. Und dann haben wir mit dem Vatikanstaat den einzigartigen Fall eines hoheitlichen Gebiets, auf dem die Kirche tausende von Akten über Missbrauchsfälle verschwinden lassen kann und wo auch hunderte von Ordensgemeinschaften ihre Zentralen und Personalarchive haben. Wer als ermittelnde Instanz sollte darauf zugreifen können? Staaten ermitteln nicht gegeneinander. Der Vatikan ist bisher sehr strikt gewesen in der Ablehnung von Ermittlungsersuchen von weltlichen Instanzen und er hütet über Jahrzehnte die Unterlagen auch von Priestern, die schon längst ihren Job hingeschmissen haben, wo man sich also fragt, was muss da geschützt werden? Ist es nicht vielleicht die Institution selber? Weil man eben bei der Gelegenheit herausfinden würde, dass die Institution selbst einen Anteil hat an dem Geschehen?

Müssten aus Ihrer Sicht auch verantwortliche Vorgesetzte, also zum Beispiel Bischöfe, zurücktreten?

Ja, natürlich. Als vor einigen Jahren die Weltfirma Siemens wegen Korruptionsfällen mit dem Rücken zur Wand stand, da hat man angefangen, die Treppe von oben zu kehren. Die Verantwortlichen im Management mussten gehen. Nur in der katholischen Kirche versucht man Vorgesetzte, die sich - fahrlässig oder vorsätzlich - mitschuldig gemacht haben, zu schonen.

Sie fordern von der Kirche auch hohe finanzielle Entschädigungen, bis zu 300 000 Euro.

Der entscheidende Punkt um zu verstehen, wie man zu diesen Summen kommt: Es geht nicht darum, nur die Tat zu würdigen, sondern man muss sich auch die Folgen im Leben der Opfer anschauen. Diese Sätze sagen sich ja so leicht, ,Missbrauch geht nie wieder weg, Missbrauch prägt das ganze Leben'. Aber wenn ich das wirklich ernst nehme, dann bin ich schnell beim Thema Opferrenten - also monatlichen Zahlungen, die einen Ausgleich schaffen sollen für das Geschehene. Ein Ausgleich für ein im schlimmsten Falle verpfuschtes, auf jeden Fall aber für ein belastetes Leben. Wir haben also eine fiktive Kalkulation gemacht von 500 Euro Opferrente monatlich, das über einen Zeitraum von 50 Jahren - dann bin ich schnell bei den 300 000 Euro. Hinzu kommt: Die Kirche soll nicht stellvertretend zahlen für die Täter - sondern diese Zahlung soll auch zeigen, dass die Kirche Verantwortung übernimmt für ihre eigene Schuld, für ihr eigenes Versagen.

Ist das realistisch? Die Kirche würde dann auch für andere Institutionen Standards setzen.

Was jetzt diskutiert wird, sind nicht nur die Forderungen der Betroffenen. Das sind Empfehlungen, die in einem Workshop-Prozess und in einer Arbeitsgruppe im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz entwickelt wurden. An dieser Arbeitsgruppe waren Experten und Wissenschaftler beteiligt. Wir haben den Bischöfen auch gesagt, wenn sie sich zu diesem Schritt entscheiden, dann setzen sie Standards, natürlich. Das kann für die Kirche aber auch etwas Gutes bedeuten, nämlich endlich wieder aus der Defensive herauszukommen und endlich offensiv zu sagen, ja wir haben Schuld auf uns geladen, ja wir müssen jetzt dafür die Konsequenzen tragen, aber das machen wir auch. Das wäre übrigens auch beispielgebend für andere Institutionen in Deutschland, die sich ganz ähnlich herumdrücken, wenn es um institutionelles Versagen geht - ganz unabhängig von sexuellem Missbrauch. Schauen Sie sich VW an.

Was meinen Sie?

In anderen Rechtsordnungen kann ich ein Unternehmen verklagen für den Mangel an Sorgfalt oder das Vertuschen und Verheimlichen von Verfehlungen von Mitarbeitern. In Deutschland geht das nicht so ohne weiteres. Überall sonst müssen Firmen richtig tief in die Tasche greifen, um betrogene Kunden zufriedenzustellen. Nur in Deutschland schützt die Rechtsordnung letztlich das Unternehmen und nicht die betrogenen Kunden. Von dieser Unwucht profitiert auch die Kirche. Wenn die Kirche in Deutschland freiwillig sagen würde, ja wir übernehmen die Verantwortung für die Fehler unserer Vorfahren, das wäre ein gewaltiger Schritt und es wäre ein mutiger und ein beispielgebender Schritt. Diese Stimmung habe ich in Fulda bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz gespürt. Leider ist sie danach scheinbar verflogen, weil viele Bedenkenträger den Bischöfen den Mut wieder ausgeredet haben. Die Bischöfe haben zwei Schritte vorwärts gemacht und da stehen sie jetzt und ich habe die Furcht, dass sie stehen bleiben könnten.

Wie geht es Ihnen persönlich an so einem Jahrestag?

Es ist immer eine Mischung. Ich wünsche mir einerseits manchmal, ich könnte das alles auch mal vergessen. Im Sinne eines gesunden Vergessens, weil alles geklärt wurde, alles aufgearbeitet, und dann kann die Wunde zuheilen. So lange die Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen ist, muss man eben immer wieder an die Sachen ran. Andererseits, und das Gefühl überwiegt momentan, ist das für mich ein wichtiger Tag. Ich bin froh über die Aufdeckung und ich bin stolz darauf, was wir erreicht haben. Dass dieses Thema noch immer auf der Agenda ist, ist nicht selbstverständlich. In der Geschichte der alten Bundesrepublik hatten wir schon öfter Momente, in den 70ern und 80ern, wo wir dachten - jetzt wir endlich hingeguckt. Aber diese Momente sind immer wieder verflogen. Uns ist nach 2010 gelungen, das zu verhindern. Das Thema ist nie völlig von der Agenda verschwunden, nicht in der Kirche und nicht in der Gesellschaft. Es wird hingeguckt.

© SZ.de/odg
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