Missbrauch in der Kirche "Entschädigung darf kein Schweigegeld sein"

Die Missbrauchsbeauftragte Christine Bergmann fordert die Bischöfe zu Entschädigungen auf - und die Opfer zum Reden. Bisher haben sich bereits 2500 von ihnen an sie gewandt. Jetzt hilft Regisseur Wim Wenders Bergmann.

Während die katholischen Bischöfe in Fulda beraten, wächst der Druck, die Opfer sexueller Gewalt in der Kirche finanziell zu entschädigen. Die Regierungsbeauftragte für Missbrauchsfälle, Christine Bergmann, forderte Institutionen wie Heime und Kirchen auf, von sich aus Geld an die Opfer zu zahlen.

Die Regierungsbeauftragte für Missbrauchsfälle, Christine Bergmann, präsentiert mit Wim Wenders die Plakate zur Kampagne "Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter".

(Foto: REUTERS)

Ein neuer Fonds könne dafür die Lösung sein, sagte die frühere Familienministerin Bergmann. Ausdrücklich begrüßte sie Überlegungen der Jesuiten, Betroffenen je 5000 Euro zu zahlen.

Bergmann verleiht mit ihren Äußerungen den Forderungen der kirchenkritischen Bewegung "Wir sind Kirche" mehr Gewicht. Die erwartet von den katholischen Bischöfen konkrete Zusagen für Schmerzensgeld. Ihr Sprecher Christian Weisner sagte, Geldzahlungen an die Opfer dürften jedoch nicht aus Kirchensteuergeldern bestritten werden, sondern müssten aus den einzelnen Etats der Bischöfe oder Stiftungen kommen.

Allerdings, so Bergmann im SWR, sei es "wirklich wichtig", dass Transparenz herrsche: "Denn uns sagen die Betroffenen auch immer, Entschädigung darf kein Schweigegeld sein."

Die Missbrauchsbeauftragte forderte außerdem längere Verjährungsfristen für Missbrauchsopfer. Bisher verfallen Ansprüche auf Schadenersatz und Schmerzensgeld meist schon nach drei Jahren.

Gleichzeitig zog sie Zwischenbilanz der bisherigen Arbeit ihrer Anlaufstelle: In den vergangenen fünf Monaten haben sich rund 2500 Menschen überwiegend anonym an Bergmann und ihr Team aus 65 Experten gewandt - davon 800 mit einem Brief und 1700 am Telefon. Darunter waren auch elf Täter, denen zu einer Therapie und zum Gang zur Polizei geraten wurde. Von den Opfern hatten sich 60 Prozent noch nie jemandem anvertraut, sagte Bergmann. Der Großteil der als Kinder oder Jugendliche Missbrauchten sprach erst Jahrzehnte später über die Verbrechen: Das Durchschnittsalter betrug 51 Jahre.

Auf diesen Ergebnissen will Bergmann jetzt aufbauen: Sie startete eine bundesweite Kampagne, die Betroffene ermutigen soll, über ihr Leid zu sprechen. Das Motto lautet: "Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter." Plakate, Anzeigen und Spots sollen die Bevölkerung für das Thema Missbrauch sensibilisieren und auf die Telefonberatung (0800-2255 530) sowie das Internetangebot sprechen-hilft.de aufmerksam machen. Den Fernsehspot zur Kampagne drehte Regisseur Wim Wenders.

Die deutschen Bischöfe haben während ihrer Beratungen in Fulda bisher noch keine konkreten Summen bekannt gegeben, die sie für Entschädigungen zur Verfügung stellen wollen.