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Missbrauch:Hilfe gegen Hilflosigkeit

Härtere Strafen für sexuelle Gewalt gegen Minderjährige sind richtig, genügen aber nicht. Nötig ist ein Schutzkonzept für bedrohte und traumatisierte Kinder. Behörden müssen besser zusammenarbeiten; die Gesellschaft muss aufmerksamer werden.

Von Matthias Drobinski

Es sind nach außen ganz normale Männer, die Kindern sexuelle Gewalt antun. Zehntausende könnten allein im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach Filme gekauft, getauscht und produziert haben, die zeigen, wie Kinder vergewaltigt werden. Die Ermittlungen der Polizei bestätigen einmal mehr: Sexueller Missbrauch ist kein Randproblem, sondern eins der gesamten Gesellschaft.

Justizministerin Christine Lambrecht will deshalb härtere Strafen für sexuelle Gewalt gegen Minderjährige einführen; auch die Verbreitung und der Besitz von Vergewaltigungs-Filmen soll als Verbrechen gelten. Das ist richtig: Der Staat zeigt, dass er nun Verbrechen ernst nimmt, die auch die Justiz viel zu lange zu milde bestrafte.

Und doch hat die Strafandrohung Grenzen. Sie verhindert keine Fehler in Jugendämtern, in Gerichten, bei Ermittlern. Sie kann nicht die behördliche Ignoranz gegenüber dem Leid und der Hilflosigkeit der Kinder abschaffen. Es braucht eine neue Kultur des Hinsehens, mehr Zusammenarbeit von Ämtern, Polizei und Justiz, es braucht den Mut, ein Kind bei Gefahr aus der Familie zu nehmen. Es braucht Hilfe für traumatisierte Kinder und für Männer, die nicht Täter werden wollen. Noch nötiger als die Strafandrohung wäre ein Schutzkonzept. Kinder können sich nicht selber schützen.

© SZ vom 02.07.2020

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