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Rassismus in den USA:"Sie haben meinen Bruder hingerichtet, am helllichten Tag"

Immer wieder sterben Afroamerikaner in Polizeigewahrsam. Die Verantwortlichen werden oft noch nicht einmal angeklagt. Das erklärt die Explosion der Wut in Minneapolis.

Und wieder dieser eine Satz. Die Demonstranten skandieren ihn in den Straßen von Minneapolis und in anderen Städten, sie schreiben ihn auf Plakate und teilen ihn als Hashtag, man muss ihn wörtlich verstehen und auch im übertragenen Sinn: "Ich kann nicht atmen." Es ist der Satz, den der Afroamerikaner George Floyd ausstieß, während ihm ein weißer Polizist das Knie in das Genick drückte und so die Luft nahm. Es ist der Satz, den vor sechs Jahren schon der Afroamerikaner Eric Garner ausgestoßen hatte, bevor er im Würgegriff eines Polizisten erstickte. Es ist der Satz, der die Ohnmacht vieler Afroamerikaner beschreibt angesichts von Dramen, die sich überall in den USA wiederholen.

George Floyd wurde am Montagabend in einem Krankenhaus von Minneapolis für tot erklärt. Seither erlebt die Großstadt im nördlichen US-Bundesstaat Minnesota Proteste, obwohl wegen der Pandemie ein Verbot für größere Gruppen gilt. Schon am Dienstagabend hatten sich Tausende Menschen in der Nähe des Lebensmittelgeschäfts versammelt, in dem der 46-jährige Mann offenbar versucht hatte, mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein zu bezahlen, was zu seiner Verhaftung führte. Vor dem Geschäft hatte eine Passantin auch das millionenfach angesehene Video aufgenommen, das den brutalen Polizeieinsatz gegen Floyd zeigt. Später zogen die Demonstranten vor eine Polizeiwache.

Diese erste Nacht der Proteste verlief friedlich, trotzdem setzte die Polizei schon da vereinzelt Tränengas und Gummigeschosse ein. In der zweiten Nacht aber - vom Mittwoch auf Donnerstag - kippte die Stimmung. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und zu einer Reihe von Verhaftungen. Randalierer steckten in verschiedenen Stadtteilen Gebäude in Brand und plünderten Geschäfte. Nach lokalen Medienberichten wurde ein Mann beim Versuch, ein Geschäft zu plündern, vom Inhaber erschossen. Der Gouverneur von Minnesota aktivierte am Donnerstagabend die Nationalgarde. Bürgermeister Jacob Frey wandte sich mit einem Appell an die Bevölkerung: "Bitte, bitte, Minneapolis", sagte er, "wir können es nicht zulassen, dass eine Tragödie zu noch mehr Tragödien führt."

Schon zuvor hatte Frey sein eigenes Unverständnis über Floyds Tod in Worte gefasst. In einem TV-Interview sprach er von einem "Mord". Er stelle sich seit Anfang der Woche immer wieder die Frage: "Warum ist der Mann, der George Floyd getötet hat, nicht im Gefängnis? Wenn ihr das getan hättet oder wenn ich es getan hätte, säßen wir jetzt hinter Gittern." Er habe auf diese Frage keine Antwort, sagte der Bürgermeister. Die vier am Einsatz beteiligten Beamten wurden zwar nach der Veröffentlichung des Videos entlassen, doch verhaftet wurden sie nicht. Das FBI und auch die Staatsanwaltschaft von Minnesota ermitteln in dem Fall, und Präsident Donald Trump twitterte, er habe die Bundespolizei gebeten, ihre Untersuchung zu beschleunigen. Er nannte den Tod Floyds einen "sehr, sehr traurigen Anlass".

Viele fürchten, dass der Polizist ungeschoren davonkommt

Mit seiner Frage spricht Bürgermeister Jacob Frey an, was viele Demonstranten in Minneapolis und anderswo umtreibt, das Wissen darum, dass es für Opfer von Polizeigewalt selten so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Der Beamte, der vor sechs Jahren in New York den Tod von Eric Garner mitverantwortet haben soll, wurde dafür nie angeklagt. Trumps Justizminister William Barr ordnete vergangenen Sommer an, die Ermittlungen gegen ihn einzustellen. So war das auch im Fall des Afroamerikaners Michael Brown, der 2015 in Ferguson im Bundesstaat Missouri erschossen wurde. Der Beamte, der die Schüsse abgegeben hatte, wurde nie angeklagt. In Minneapolis, so befürchten viele, könnte nun dasselbe geschehen.

'I Can't Breathe' Protest Held After Man Dies In Police Custody In Minneapolis

"Bitte, ich kann nicht atmen. Das Knie in meinem Nacken. Ich kann nicht atmen, Officer. Die bringen mich um." Ein Demonstrant in Minneapolis erinnert an die Worte von George Floyd während des tödlichen Polizeieinsatzes.

(Foto: Stephen Maturen/AFP)

Dieses Muster erklärt einen Grund für die Wut der Demonstranten. Ein anderes Muster besteht darin, dass Fälle von Polizeigewalt von den Verantwortlichen nicht selten damit verteidigt werden, dass das Opfer bewaffnet oder gewalttätig gewesen sei. So war das auch im Fall von George Floyd. Der 46-Jährige habe sich seiner Verhaftung "physisch widersetzt", hatte es in der ersten Reaktion der Polizei auf den Einsatz geheißen. Davon ist jedoch in mehreren weiteren Videos, die seither von seiner Verhaftung veröffentlicht wurden, nichts zu sehen.

"Sie haben meinen Bruder hingerichtet, am helllichten Tag"

Einige Demonstranten zogen am Mittwoch vor das Haus des Polizisten, der im Video dabei zu sehen ist, wie er minutenlang sein Knie in den Nacken von Floyd drückt. Sie forderten, dass er angeklagt wird. Es ist nicht das erste Mal, dass Derek C. - so der Name des Beamten - in einen Fall von Polizeigewalt verwickelt ist. 2008 schoss er während eines Einsatzes auf einen Mann, der versucht haben soll, nach der Waffe eines anderen Polizisten zu greifen. Laut einer lokalen Organisation, die sich für Polizeireformen starkmacht, war C. auch an zwei anderen Einsätzen beteiligt, bei denen Polizisten Schüsse auf Verdächtige abgaben.

Und es ist auch nicht das erste Mal, dass die Behörden in Minneapolis mit Protesten gegen Polizeieinsätze konfrontiert sind, die tödlich endeten. Doch womöglich war noch kaum ein Fall so eindeutig wie jener von George Floyd. Sein Bruder Philonise gab am Donnerstag ein Interview beim Sender CNN. Er sagte: "Sie haben meinen Bruder hingerichtet, am helllichten Tag."

© SZ vom 29.05.2020/saul/cat
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