Nordrhein-Westfalen Hannelore Kraft zur Ministerpräsidentin gewählt

Hannelore Kraft ist die neue Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Im ersten Anlauf scheiterte sie, im zweiten erreichte sie die einfache Mehrheit. Ihre rot-grüne Minderheitsregierung kann nun die Arbeit aufnehmen. Die Wahl in der Ticker-Nachlese.

Gut zwei Monate nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wird die SPD-Spitzenkandidaten Hannelore Kraft zur Ministerpräsidentin gewählt - damit ist der Machtwechsel perfekt. SPD und Grünen fehlte eine Stimme zur absoluten Mehrheit. Da Rot-Grün aber geschlossen abgestimmt und sich die Linke wie angekündigt enthalten hat, hat Hannelore Kraft es im zweiten Wahlgang geschafft - hier reichte die einfache Mehrheit.

11:52 Uhr

"Ein faules Ei ist ein faules Ei", sagt CSU-General Alexander Dobrindt im Vorfeld der Wahl. "Frau Kraft ist heute durch ihren eigenen Demokratietest gefallen." Die SPD-Spitzenfrau müsse "schamrot" werden, bei dem Schindluder, holt der Kettenhund von Horst Seehofer aus. Kraft müsse ein T-Shirt tragen mit der Aufschrift "Ich bin stolz, dass mich linke Spinner zur Regierungschefin machen". Eine "linke Regierungsbande" sei das, fügt Dobrindt hinzu und prophezeit wegen der Aufnahme neuer Schulden: "NRW wird das deutsche Griechenland" und "ein Sanierungsfall". "Vor 60 Jahren musste die SPD noch gezwungen werden, mit den Kommunisten zusammenzugehen. Jetzt tun sie das freiwillig." Harsche Worte.

11:55 Uhr

Für CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe ist die künftige rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen ein "waghalsiges Experiment". Dem Bundesland drohe ein Schuldeninfarkt, sagte Gröhe in Berlin.

12:00 Uhr

Hannelore Kraft hat die Haare schön. Sie trägt ein dunkelblaues, geblümtes Kleid und wirkt locker und entspannt. Händeschütteln in alle Richtungen. Gleich beginnt in Düsseldorf eine historische Landtagssitzung.

12:03 Uhr

Die Fraktionen von SPD und Grünen sind vollzählig, alle 90 Abgeordneten sind anwesend. Dies ergab ein "Zählappell" bei getrennten Fraktionssitzungen. Es kommt auf jede Stimme an.

12:06 Uhr

Jürgen Rüttgers betritt den Saal. Sicher ein schwerer Tag für den CDU-Ministerpräsidenten. Es ist sein letzter Tag in diesem Amt. Aller Voraussicht nach. Oder wird Kraft doch das gleiche Schicksal ereilen wie Heide Simonis in Kiel und Andrea Ypsilanti in Wiesbaden?

12:07 Uhr

In der ersten Reihe des Parlaments steht nun Kraft neben Sylvia Löhrmann, die nicht nur Schulministerin, sondern auch stellvertretende Ministerpräsidentin werden soll. Alles wird neu in NRW. Die Plätze im Landtag füllen sich.

12:10 Uhr

Landtagspräsident Eckhard Uhlenberg (CDU) eröffnet die Sitzung. In geheimer Wahl, ohne Aussprache, wird der neue Ministerpräsident gewählt - in diesem Fall eine Ministerpräsidentin. Mindestens 91 Stimmen sind im ersten Wahlgang nötig. Die SPD schlägt Hannelore Kraft vor.

12:17 Uhr

Kritik aus der Redaktion: Kraft hat nicht "die Haare schön", sondern sieht einfach gut aus. Richtig ministerpräsidential.

12:22 Uhr

Die Abgeordneten werden in alphabetischer Reihenfolge zur Wahl aufgerufen, sie werfen ihre Stimmzettel in eine gläserne Wahlurne. 181 Mitglieder hat der Landtag in Düsseldorf. Das kann also noch ein wenig dauern.

12:23 Uhr

Während des 20-minütigen Wahlgangs knetet Hannelore Kraft nun doch ziemlich nervös ihre Hände. Sie ist taff und hat Merkel'sche Qualitäten in der Durchsetzungskraft, aber nun wirkt sie doch aufgeregt. Nun ist der Buchstabe "K" an der Reihe. Hannelore Kraft wählt. Sich selbst?

12:30 Uhr

Peer Steinbrück, selbst einmal SPD-Ministerpräsident in NRW, gibt einem Journalisten zu Protokoll, dass er Hannelore Kraft im Falle ihrer Wahl keine Ratschläge erteilen wird. Nur so viel: Sie solle wie im Wahlkampf den Kontakt zu "den Leuten" suchen und nicht "unter der Käseglocke" regieren. Vor einem halben Jahr war Steinbrück noch sicher: Kraft schafft es nicht.

12:34 Uhr

Was kann man jetzt noch erledigen? Die CDU-Leute wirken außergewöhnlich gelangweilt. Rüttgers schaut ein wenig traurig. Hinter ihm wird Zeitung gelesen. Auf Seiten von SPD und Grünen schaut man gebannt auf die Wahlurne, die ein paar Meter entfernt auf dem Tisch der Protokollanten steht. Für Kraft, Löhrmann und Co. wirkt es wie ein Wunder, dass sich der Glaskasten füllt. Nun haben wir den Buchstaben "Z" erreicht. Der erste Wahlgang ist abgeschlossen.

12:36 Uhr

Landtagspräsident Uhlenberg bittet die Schriftführer, mit der Auszählung der Stimmen zu beginnen.

12:40 Uhr

Es ist vollbracht. 17 Millionen Menschen, eine der größten Volkswirtschaften Europas, bekommen eine neue Regierung. Schafft Hannelore Kraft es schon im ersten Wahlgang? Unwahrscheinlich. Warum sollten FDP und CDU ihr zustimmen? Die Hände von Kraft müssten jetzt ordentlich durchgeknetet und gelenkig sein.

12:41 Uhr

Die Abgeordneten sind vollzählig, es gab 181 gültige Stimmen. 90 Ja, 81 Nein, zehn Enthaltungen. Kraft hätte 91 Stimmen erhalten müssen. Sie ist im ersten Wahlgang gescheitert.

12:43 Uhr

Hannelore Kraft wird von der SPD erneut zur Wahl als Ministerpräsidentin vorgeschlagen. Der zweite Wahlgang wird vorbereitet.

12:48 Uhr

Hat ein Mitglied der Linkspartei gegen Kraft gestimmt, obwohl doch eine Enthaltung vom Fraktionsvorstand zugesagt wurde? Bei 81 Neinstimmen scheint es so; CDU und FDP kommen gemeinsam nur auf 80. Aber die 90 Jastimmen sind ein gutes Zeichen für Kraft. Erinnerungen an Simonis und Ypsilanti verblassen. Kraft scheint sich auf die volle Zustimmung aller Sozialdemokraten und Grünen verlassen zu können.

12:55 Uhr

Im zweiten Anlauf reicht Hannelore Kraft die einfache Mehrheit. Mit dem gleichen Ergebnis wie im ersten Wahlgang wäre sie die neue Ministerpräsidentin von NRW.

13:00 Uhr

Nordrhein-Westfalen - was hat das Land alles für Politiker hervorgebracht: Konrad Adenauer, Johannes Rau, Wolfgang Clement, Jürgen Möllemann, Peer Steinbrück und ja, Jürgen Rüttgers. So unterschiedlich und teilweise umstritten diese Politiker auch waren, sie waren Charakterköpfe. Haben Löhrmann und Kraft das Zeug (und vor allem die Zeit) auch ihr Profil schärfen zu können? Eins wird mit der Minderheitsregierung in Düsseldorf ganz sicher passieren: Es wird immer spannend bleiben, ob sie kippt oder weiter existent bleibt - bei fast jeder Abstimmung.

13:04 Uhr

Auch der zweite Wahlgang ist nun abgeschlossen, alle Abgeordneten haben ein weiteres Mal ihre Stimme abgegeben. Jetzt wird es spannend, die Auszählung beginnt.

13:09 Uhr

Hannelore Kraft ist gewählt. Im zweiten Wahlgang. 181 gültige Stimmen. Die SPD-Newcomerin bekommt 90 Ja-Stimmen. Das reicht.

13:11 Uhr

80 Abgeordnete stimmen gegen sie. Elf Enthaltungen werden gezählt. Eine Frau regiert zum ersten Mal das bevölkerungsreichste Bundesland. Der selbsternannte Arbeiterführer Rüttgers ist abgewählt.

13:13 Uhr

Alles wie erwartet, genau wie es die Verteilung in den Fraktionen entspricht. Jürgen Rüttgers ist der zweite Gratulant.

13:14 Uhr

Die schnellen Gratulationen von CDU und FDP beeindrucken. Das ist gelebte Demokratie, auch wenn Schwarz-Gelb nur fünf Jahre am Ruder war. Kraft nimmt die Wahl an und ist nun auch offiziell Ministerpräsidentin. Sie setzt sich noch einmal kurz auf ihren Platz in der ersten Reihe ihrer Fraktion und schreitet dann zur Vereidigung.

13:16 Uhr

Hannelore Kraft wirkt gerührt, als sie ihre Hand zum Schwur hebt. Dann hält sie ihre erste Rede als Ministerpräsidentin und dankt zunächst Jürgen Rüttgers und seinem Kabinett für ihre Arbeit in den vergangenen fünf Jahren.

13:23 Uhr

Kraft verspricht, dem Wohle der Bürger des Landes Nordrhein-Westfalens zu dienen. Die knappen Mehrheiten seien auch ein Auftrag, eine Minderheitsregierung eine Chance für das Parlament. Das Ziel ihrer neuen Regierung sei ein sicheres, modernes Land. Kraft verspricht ein neues Miteinander, eine neue politische Kultur. Einen ihrer Blumensträuße überreicht sie Jürgen Rüttgers. Eine schöne Geste.

13:27 Uhr

Dies ist ein Tag der Freude für Hannelore Kraft. Sie nimmt rote Rosen aller Mitglieder ihrer Fraktion entgegen - und umarmt jeden. Bei diesen Temperaturen eine schweißtreibende Angelegenheit, aber - das sind wir uns ganz sicher - ihre Arbeit mit nur 90 von 181 Stimmen wird noch um einiges schweißtreibender sein. Grünen-Chefin Löhrmann sagt, sie wisse nicht, ob die neue Regierung in NRW fünf Wochen oder fünf Jahre halten werde. Man wird es sehen.

13:33 Uhr

Karl-Josef Laumann, gerade gewählt als Fraktionsvorsitzender der CDU, steht bereits im Plenum und zeigt die erste Harke: Hannelore Kraft habe einfach keine Mehrheit, sagt er und will eigentlich schon wieder richtig loslegen, um gegen Kraft zu wettern. Doch dann fasst sich der Mann, der physiognomisch jedem Kabinett gut als Landwirtschaftsminister zu Gesicht stehen würde, und wird etwas sanfter. Man werde von Fall sehen, wie man sich bei den künftigen Abstimmungen verhalten werde. Bröckelt da die schwarz-gelbe-Front?

13:35 Uhr

Die Sitzung ist geschlossen, jetzt sind die Gratulanten dran. Hannelore Kraft, einen Strauß langstieliger roter Rosen im Arm, lässt sich lachend umarmen. Nun kann die Arbeit der rot-grünen Minderheitsregierung beginnen.