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Minarett-Verbot:Auch die Kirchen werden geschmäht

"Freiheitsrechte gestärkt", jubelt die "Eidgenössische Volksinitiative für ein Bauverbot von Minaretten" auf ihrer Homepage. Das "Egerkinger Komitee", das die Initiative lancierte, nehme "vom Ja des Schweizer Souveräns zum Minarett-Verbot mit Genugtuung Kenntnis".

Und: "Es wird in der Schweiz auch keinen Muezzin-Ruf geben." Schon wird die Entlassung von Justizfunktionären gefordert, die sich der Umsetzung des Votums widersetzen - und Professoren beschimpft, die beim Europäischen Gerichtshof gegen das Minarett-Verbot klagen wollen.

Auch die Kirchen - ein weiterer Teil der Elite - werden von der Initiative geschmäht. Die Kirchenfunktionäre hätten eine "alarmierende Rolle" gespielt, ihr "jahrelang mangelnder Einsatz zugunsten verfolgter Christen gerade auch in muslimischen Ländern" kontrastiere "in bedenklichem Ausmaß zu ihrer eilfertigen Parteinahme gegen das Minarett-Verbot".

Hier wird in revanchistischem Stil gegen Andersdenkende ausgeteilt. Diffuse Ängste vor Überfremdung machten sich im Volk breit, geschürt von der Initiative und der rechtspopulistischen Partei SVP. Das früher wirksame Argument, die Schweiz brauche für wirtschaftliches Wachstum Arbeitskräfte aus anderen Ländern, zog nicht mehr. Während in den Städten die Nein-Wähler noch verhältnismäßig gut abschnitten, hatte die Initiative in ländlichen Regionen wie Appenzell freie Fahrt.

Es liege nun im Interesse von Regierung und Parteien, "den Motiven nachzugehen und nicht gerade mechanisch von 'Ängsten' zu reden", empfiehlt die Neue Zürcher Zeitung.

Konsterniert zeigt sich der Schweizer Theologe Hans Küng, der in Deutschland lebt. Die Initiative verstoße gegen die Religionsfreiheit und die "in der Schweiz hoch angesehene Toleranz". Er selbst verstehe zwar "gewisse Bedenken gegen den Islam" - Ursache dafür seien aber oft Unkenntnis und allzu große Selbstbezogenheit. "Man meint, auf einer Insel zu leben", sagt Küng, "so trifft man falsche Urteile." Sein Fazit: "Das wird die Schweiz noch teuer zu stehen kommen."

Minarette jedenfalls werden erst mal nicht mehr gebaut, und die "Elite" wundert sich.

© sueddeutsche.de/gba
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