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Milosevic:Mit allen Mitteln für Großserbien

Ob in Kroatien, Bosnien oder im Kosovo: Um Belgrads Macht auszuweiten, ging Milosevic stets nach demselben Muster vor.

(SZ vom 12.2.2002) - Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Slobodan Milosevic ist eine Geschichte voller Rätsel und doch von innerer Logik. Zu beschreiben ist ein Bürokrat mit unerwarteten Erfolgen als Volkstribun, ein Kriegsherr, der sich nach einer Kette von Niederlagen immer wieder mit Siegerkranz zu präsentieren vermochte, ein Feind, der gnadenlos zuschlug, aber auch seine Gegner umgarnen konnte.

Milosevic stieg steil auf und stürzte jäh ab. Und dazwischen liegt eine Berg- und Talfahrt, bei der Hunderttausende auf der Strecke blieben. Es ist die Geschichte eines sozialistischen Parteisoldaten, der sich zum nationalistischen Feldherrn aufschwang. Sie beginnt und endet im Kosovo, dem mythologisch überhöhten Schicksalsort der Serben, an dem sich Milosevics Schicksal drehte, wendete und entschied. Hier hatte er 1987 sein Coming out als so genannter Serbenführer.

Ein einziger Satz an die damals von den Albanern bedrängten Minderheits-Serben - "niemand soll es wagen, Euch zu schlagen" - machte ihn berühmt und zum Parteichef der serbischen Sozialisten. Zwei Jahre später leitete er mit einer Brandrede auf dem Amselfeld den Zerfall des alten Jugoslawien ein. Hier legt er die Spur aus, die nun von den Haager Richtern im Detail zu verfolgen ist. Er schwor die Serben auf kommende Kämpfe ein, er schlug die Schlachten in ihrem Namen, und er verlor sie alle. Doch erst als er unter dem Bombardement der Nato den Kosovo preisgeben musste, wandten sich die Serben von ihm ab, verjagten ihn im Oktober 2000 aus dem Präsidentenpalast, verhafteten ihn und lieferten ihn am 28. Juni, auf den Tag genau zwölf Jahre nach seiner verheerenden Amselfeld-Rede, an das Kriegsverbrecher-Tribunal aus.

Hier muss nun zu Gericht gesessen werden über seine persönliche Verantwortung für eine Politik, die 1991 in Kroatien, 1992 bis 1995 in Bosnien und 1998/99 im Kosovo nach dem immer gleichen Muster verlief. Das Ziel war die Schaffung eines Großserbien, das Mittel war die Gewalt - Massenmorde und die massenhafte Vertreibung der nicht-serbischen Bevölkerung, die unter dem Euphemismus ethnische Säuberung in den Sprachgebrauch einging.

Milosevic ist der Mann, der die Geschichte des Balkans in den Neunzigerjahren prägte. Dabei hatte er nicht nur überall seine willigen Helfer, sondern auch Gegner, die sich in wechselnden Allianzen einspannen ließen. So fand er in Franjo Tudjman, seinem Kriegsgegner in Kroatien, zeitweise einen Komplizen für die Zerstückelung Bosniens. Und auch die internationale Gemeinschaft ließ sich immer wieder auf den Brandstifter ein, sobald er sich als Feuerwehrmann anbot.

Unvergessen bleibt, wie er sich nach dem Bosnien-Krieg zeitweilig als Friedensfürst feiern lassen konnte. Wegen dieses politischen Wendemanövers des Westens dürfte es die Haager Ankläger einige Kraft kosten, schlüssig zu erklären, warum er Jahre später doch wegen Völkermordes in Bosnien angeklagt wurde. Seine Unterschrift unter den Dayton-Friedensvertrag hatte ihm zeitweilig das Wohlwollen der Amerikaner gesichert. Sein Verhandlungspartner Richard Holbrooke beschrieb ihn als "gerissen und charmant", und bei der Vertragsunterzeichnung in Paris beobachtete er ihn, wie er selbstzufrieden mit einer Zigarre "von der Größe eines kleinen Zaunpfahls" um seinen neuen Freund Bill Clinton herumstrich.