bedeckt München 26°

Unruhen:Putschversuch in der Türkei: Erdoğans Freunde, Erdoğans Feinde

Wer steckt hinter dem Putsch in der Türkei, welche Rolle spielen das Militär, die Opposition und die Gülen-Bewegung? Ein Überblick über die wichtigsten Akteure in dem gespaltenen Land.

Bei einem Putschversuch durch Teile des Militärs sind in der Nacht zum Samstag mehr als 260 Menschen in der Türkei getötet worden. Nach heftigen Gefechten erklärte die Regierung den Putsch für beendet und drohte den Putschisten mit Vergeltung.

Das Militär

Als am späten Freitagabend eine Gruppe innerhalb des türkischen Militärs im Staatsfernsehen erklärte, die Armee habe die Macht übernommen, brach Verwirrung aus - denn eigentlich galt die Gegnerschaft zwischen Regierung und Militär als beendet.

Bis vor ein paar Jahren war die Armee Hüterin der säkularen Staatsordnung gewesen. Entsprechend misstrauisch beäugten die Generäle den Aufstieg der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP. 2007 gab es schon einmal eine Putsch-Drohung: Der damalige Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan wollte seinen Weggefährten Abdullah Gül zum Staatspräsidenten machen. Das Militär sprach sich dagegen aus und forderte, die Kandidatur Güls zurückzunehmen. Nach Massenprotesten und Neuwahlen setzte sich Erdoğan durch - Gül wurde Präsident. Kurz darauf wurde die Armee durch die sogenannten Ergenekon- und Sledgehammer-Prozesse geschwächt - Gerichtsverfahren mit Hunderten Angeklagten, die allesamt aus dem kemalistischen Lager stammten, darunter viele hochrangige Offiziere, denen Putschabsichten unterstellt wurden. Beides, die Prozesse und die gescheiterte Putsch-Drohung, galten als endgültige Entmachtung des türkischen Militärs durch die AKP-Regierung.

Dreimal schon übernahm in der Türkei das Militär die Macht - 1960, 1971 und 1980 -, Putsche haben im Land eine gewisse Tradition. Jedes Mal begründete die Armee ihr Eingreifen damit, dass die Regierung die öffentliche Ordnung nicht sichern könne; jedes Mal folgte eine Welle der Repression. Vor allem nach dem Putsch 1980 wurden Abertausende Bürger inhaftiert und angeklagt, Dutzende Todesurteile vollstreckt. Ein vierter Eingriff ist als soft coup in die Geschichte eingegangen: 1997 reichte eine Drohung des Militärs, um die Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Auch diesmal haben die Putschisten ihr Vorgehen damit begründet, "die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie, die Menschenrechte und die Freiheiten" im Land wiederherstellen zu wollen.

Das hat viele überrascht - denn eigentlich schienen sich Regierung und Armee zuletzt miteinander arrangiert zu haben. Offenbar ist das Militär gespalten - in einen regierungstreuen Teil und eine Gruppe, die sich zum Widerstand entschlossen hat. Die oberste Armeeführung war an der Aktion offenbar nicht beteiligt; die Putschisten nahmen laut Medienberichten den Generalstabschef Hulusi Akar als Geisel, andere hochrangige Militärs erklärten, dass sie den Putsch nicht unterstützten. Andererseits können die Putschisten-Einheiten nicht ganz klein gewesen sein, zu massiv waren das Aufgebot und zu aufwendig die Koordination. Nach offiziellen Angaben wurden inzwischen mehr als 2800 Militärangehörige festgenommen, es seien vor allem Offiziere der Luftwaffe, der Militärpolizei und der Panzerverbände am Putschversuch beteiligt gewesen.

Spekuliert wird von einigen, dass die Putschisten sich zum Eingreifen gezwungen sahen, weil es kaum mehr eine ernstzunehmende kemalistische Opposition gibt, die Erdoğans Machthunger entgegentreten könnte. Zuletzt hatte es immer wieder Anzeichen dafür gegeben, dass die AKP an den säkularen Grundfesten der Republik rütteln will - das dürfte die kemalistisch geprägte Armee alarmiert haben. Auch der Krieg der Regierung gegen die Kurden im Südosten, die verfehlte Syrien-Politik und das laxe Vorgehen gegen die islamistischen Kämpfer des IS dürfte den Generälen gegen den Strich gegangen sein.