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Frankreichs Militäreinsätze:Der Gendarm ist zurück

Erst Libyen, jetzt die Elfenbeinküste: Frankreich muss zurzeit an zwei Fronten kämpfen. Dabei wollte Sarkozy die Militärpräsenz in Afrika verringern - auch um sein Land vom Ruch rücksichtsloser Einmischung vor allem in den ehemaligen Kolonien zu befreien.

Es sind Bilder, die Frankreich unbedingt vermeiden wollte: Französische Kampftruppen beschießen Militärstützpunkte und Munitionsdepots in der Elfenbeinküste und helfen den UN-Blauhelmen dabei, den Präsidentenpalast in Abidjan anzugreifen. Die Gefolgsleute des abgewählten Staatschefs Laurent Gbagbo werfen den Franzosen "Barbarei" und neokolonialistische Machtspiele vor. Die Anhänger des neuen Präsidenten Alassane Ouattara pochen umgekehrt auf ein massives Eingreifen der Regierung in Paris. Frankreich ist wider Willen in den Bürgerkrieg hineingezogen worden. Es muss, parallel zur Libyen-Intervention, jetzt noch einen zweiten Kampfeinsatz in einem afrikanischen Land führen.

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Französische Soldaten am Flughafen von Abidjan: Eigentlich wollte Frankreich seine militärische Präsenz in den ehemaligen Kolonien verringern. Jetzt helfen französische Kampftruppen dabei, den Präsidentenpalast in Abidjan anzugreifen.

(Foto: AFP)

Dabei war Präsident Nicolas Sarkozy einmal mit dem Versprechen angetreten, die militärische Präsenz in Afrika zu verringern. Er wollte die Beziehungen zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien normalisieren und die Afrikapolitik vom Ruch rücksichtsloser Interessenwahrnehmung und Einmischung befreien. "Françafrique", wie die postkoloniale Vetternwirtschaft zwischen den Mächtigen in Paris und den Herrschenden im frankophonen Afrika genannt wurde, sollte ein Ende haben. Frankreich werde nicht mehr "den Gendarmen Afrikas" spielen, versprach Sarkozy.

Die Elfenbeinküste bot eine Gelegenheit, die neue Politik der Zurückhaltung zu üben. Dieses für afrikanische Verhältnisse wohlhabende Land galt lang als Frankreichs "Vitrine" auf dem Kontinent. Die Beziehungen blieben auch nach der Unabhängigkeit der Elfenbeinküste unter dem "Vater der Nation", Félix Houphouët-Boigny, brillant. Das änderte sich nach der Wahl des Geschichtslehrers Gbagbo im Jahr 2000. Der neue Präsident versuchte bald, sein von einem Bürgerkrieg zerrissenes Land im Hass gegen Frankreich zu einen. 2004 kam es zu Gefechten zwischen Franzosen und Ivorern. Ein Mob machte in Abidjan Jagd auf französische Bürger. Mehr als 8000 Franzosen flohen aus dem Land.

Das hinderte beide Seiten jedoch nicht daran, weiter gute Geschäfte zu machen. Französische Konzerne wie Bolloré und Bouygues, deren Besitzer zu Sarkozys Freunden gehören, sind bis heute wichtige Wirtschaftsakteure in Abidjan. Zudem pflegten einige französische Sozialisten enge Beziehungen zu Gbagbo, der sich selbst als "nicht praktizierenden Sozialisten" bezeichnet.

Der Handlungsdruck stieg massiv

Um keine neuen Turbulenzen im bilateralen Verhältnis zu riskieren und Frankreich aus einem Konflikt herauszuhalten, gab sich Präsident Sarkozy vergangenes Jahr im Wahlkampf zwischen Gbagbo und Ouattara demonstrativ neutral. Nach dem international anerkannten Wahlsieg Ouattaras forderte die französische Regierung Gbagbo dann auf, von der Macht zu lassen. Sie betonte aber, sich nicht militärisch in einen heraufziehenden Bürgerkrieg einmischen zu wollen. Nur wenn Franzosen an Leib und Leben gefährdet würden, werde man intervenieren. Zugleich drängte Paris die Blauhelme der Vereinten Nationen, stärker zum Schutz der Zivilisten in der Elfenbeinküste aktiv zu werden.

In den vergangenen Tagen ist der Handlungsdruck auf Sarkozy dann massiv gestiegen. Aus der Elfenbeinküste kamen Informationen über grauenhafte Massaker beider Konfliktparteien. Abidjan versank in schweren Kämpfen. Es drohten ein weiteres furchtbares Blutbad unter der Zivilbevölkerung und Chaos im ganzen Land. Kritiker fragten Sarkozy, warum er denn in Libyen eingreife, nicht aber in der Elfenbeinküste.

Der Völkermord in Ruanda, bei dem Frankreich nach eigener Bekundung "schwere Fehleinschätzungen" beging, gab ein warnendes Beispiel. Gbagbos Propagandisten hetzten immer stärker gegen Paris. Zwei Franzosen wurden in Abidjan von Soldaten Gbagbos verschleppt. Die mehr als 12.000 Landsleute Sarkozys in der Elfenbeinküste fürchteten um ihr Leben. Und es geht auch um Wirtschaftsinteressen in einem Land, das reich an Öl, Gas und anderen Bodenschätzen ist.

Konnte sich Paris noch länger militärisch heraushalten? Nein, fand der neue ivorische Botschafter in Paris, Ally Coulibaly. Er sagte am Sonntag, Paris dürfe sich nicht von kolonialen "Komplexen" hemmen lassen. "Es ist wichtig, dass Frankreich massiv interveniert." Auch Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, forderte Sarkozy auf, den UN-Truppen dabei zu helfen, schwere Waffen Gbagbos zu zerstören und so die Zivilbevölkerung zu schützen. Dieser Wunsch gab den Ausschlag: Präsident Sarkozy schickte seine Soldaten an der Seite der Blauhelme ins Feuer.

Auf die Frage, was Frankreich in seiner Ex-Kolonie 50 Jahre nach deren Unabhängigkeit militärisch zu suchen habe, kann Sarkozy antworten, er handle auf der Basis einer Resolution des UN-Sicherheitsrates und auf Bitte der Vereinten Nationen. Frankreich hat seit langem eine Truppe namens "Einhorn" in der Elfenbeinküste stationiert. Sie wurde zuletzt von 900 auf 1650 Mann aufgestockt. Die Einhorn-Soldaten kontrollieren den Flughafen von Abidjan und versuchen, Tausende Franzosen und andere Ausländer in Sicherheit zu bringen. Am Dienstag flogen erneut französische Kampfhubschrauber über der Stadt, in der die Entscheidungsschlacht tobte. Der Gendarm meldet sich in Afrika zurück.