Migros zeichnet Produkte aus Israel speziell aus Schweizer Supermarkt macht Pampelmusen zum Politikum

"Westbank, israelisches Siedlungsgebiet": Die Schweizer Ladenkette Migros will Produkte, die aus israelischen Siedlungsgebieten stammen, künftig speziell auszeichnen. Der Kunde soll selbst entscheiden, ob er Pomelos oder Avocados aus diesen Gegenden tatsächlich kaufen möchte. Israels Botschaft ist empört.

Von Wolfgang Koydl

Koriander kann man mögen oder nicht, und es soll auch Leute geben, denen Kartoffeln nicht schmecken. Das sind Geschmacksfragen, über die zu streiten sich nicht lohnt. Doch was, wenn Küchenkräuter und Knollengewächse zum Politikum werden, und dies ausgerechnet im explosiven Nahen Osten? Dieses Kunststück ist soeben der größten Schweizer Supermarktkette gelungen.

Der Kunde soll selbst entscheiden: In Migros-Supermärkten in der Schweiz sollen Produkte aus israelischen Siedlungsgebieten künftig gekennzeichnet werden.

(Foto: DPA)

Von Mitte kommenden Jahres an will die Migros bei Produkten aus Israel unterscheiden, ob sie aus dem Kernland stammen oder aus israelischen Siedlungen in besetzten palästinensischen Gebieten, die von der Schweiz als völkerrechtswidrig angesehen werden. Dann steht auf der Verpackung "Westbank, israelisches Siedlungsgebiet" oder "Ost-Jerusalem".

"Der Kunde soll selbst entscheiden können, ob er das Produkt kaufen will oder nicht", erklärte Migros-Sprecherin Monika Weibel den Beschluss. Als Politikum sieht sie ihn nicht, schließlich gehe es ja nicht um einen Boykott israelischer Waren. Sollten diese Produkte allerdings mittelfristig von den Kunden nicht mehr nachgefragt werden, schränkte sie im Massenblatt Blick ein, werde man über einen Einkaufsstopp nachdenken.

Nun ist die Migros, die jedes Jahr Obst, Gemüse, Blumen, Kräuter und Soda-Club-Automaten im Wert von 13 Millionen Franken aus Israel einführt, nicht irgendein Lebensmittelhändler. Der wegen seiner Firmenfarbe als "oranger Riese" titulierte Konzern ist vielmehr so etwas wie eine kulinarische und intellektuelle Nährmutter vieler Eidgenossen.

Denn er verkauft nicht nur Lebensmittel, sondern auch Bücher, Benzin, Möbel, Reisen und Kredite. Die Migros-Klubschulen sind eine Art privater Volkshochschulen, das Migros-Magazin ist die auflagenstärkste Publikation der Schweiz.

Vorreiter in Sachen Vaterschaftsurlaub

Gegründet wurde die Migros 1925 von dem Ausnahmeunternehmer und Sozialreformer Gottlieb Duttweiler als billige Alternative zum überteuerten Einzelhandel. Migros steht denn auch für das französische "mi-gros" - für den Mittelhandel, der die günstigeren Preise des Großhandels (en gros) an die Verbraucher weitergibt.

Dem Sozialkapitalisten Duttweiler ging es immer um mehr als um Umsatz und Gewinn. So dürfen auf seinen Wunsch hin bis heute weder Alkohol noch Tabak in seinen Filialen verkauft werden. Ein Prozent des Umsatzes (2011 knapp 25 Milliarden Franken) fließt in Kultur, Sport und Weiterbildung. Und 1941 verschenkte Duttweiler sein Unternehmen an die Kunden, indem er es in eine Genossenschaft umwandelte.

Die Delegiertenversammlung, das Migros-Parlament, ist eines der wichtigsten Gremien des Konzerns. Die Kennzeichnung von Pomelos oder Avocados aus dem Heiligen Land ist für Beobachter insofern nicht allzu überraschend, als die Migros schon immer eine Vorreiterrolle einnahm. 1967 führte das Unternehmen Produktdeklarationen und Haltbarkeitsdaten ein, 2007 gewährte es als erste Schweizer Großfirma Vaterschaftsurlaube.

Die nahöstliche Kennzeichnung hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Bürgerrechtler und Palästinensergruppen begrüßen die Entscheidung, jüdische Gruppen und die israelische Botschaft beklagen die "anti-israelische Kampagne".

Und der schweizerische Konsumentenschutzverband wies darauf hin, dass Produkte aus anderen Krisengebieten wie etwa Kaschmir nicht besonders gekennzeichnet würden. In dem zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Territorium aber ist die Migros aus dem Schneider: Kaschmir-Pullover verkauft sie eher selten.