Zu Beginn des Schuljahres legt der Grundschulrektor Ulrich Diehl den neuen Erstklässlern immer ein paar Bilder vor, zu denen sie eine Geschichte erzählen sollen: ein Bauer bei der Feldarbeit; ein Kind, das vom Pferd fällt; solche Dinge. Es ist eine Einladung zum Reden, aber oft kommt da nicht viel. Es gibt Kinder, die können keine zusammenhängenden Sätze bilden, oder sie kennen Wörter wie Pferd oder Bauer schlicht nicht, sagt Diehl. Immer öfter sind darunter auch Kinder, die in Deutschland zur Welt gekommen sind.
Donnerstagvormittag, Mannheim-Herzogenried, Käthe-Kollwitz-Grundschule. Auf dem Schulhof spielen Kinder Fangen. An der Eingangstür hängt ein Bild mit bunten Abdrücken von Kinderhänden. Sie bilden den Rahmen für einen in Schreibschrift verfassten Satz: „Wir lachen alle in derselben Sprache!“
Ein Stockwerk weiter oben sitzt Ulrich Diehl in seinem Arbeitszimmer und macht ein ziemlich ernstes Gesicht, als er über die Lage seiner Grundschule spricht. 380 Schüler, 75 Prozent mit Migrationshintergrund. „Bei uns ist der Sprachförderbedarf massiv“, sagt Diehl, der T-Shirt und Jeans trägt, im weichen Mannheimer Dialekt. 90 Erstklässler wird die Käthe-Kollwitz-Schule zum neuen Schuljahr bekommen. Zehn davon haben davor nie eine Kita besucht, bis zu 70 Prozent werden Nachhilfe in deutscher Sprache benötigen.
In Mannheim ist der Migrationsanteil so hoch, dass eine Obergrenze faktisch schwierig ist
Deutschland debattiert gerade sehr leidenschaftlich über eine Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund an Schulen. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte in der Sendung „Politikergrillen“ bei Welt-TV auf Nachfrage gesagt, sie halte das für „ein denkbares Modell“. Seitdem macht die Idee Schlagzeilen. Zeit also, mit denen zu sprechen, die täglich an den Schulen mit den Sprachproblemen vieler Kinder konfrontiert sind: Was halten Rektoren und Lehrkräfte von einer Migrationsobergrenze?
Ulrich Diehl sagt, in Mannheim sei so etwas faktisch gar nicht möglich, da der Migrationsanteil in allen Stadtteilen sehr hoch ist. Aber er frage sich schon: Wo kriegen wir unsere Sprachvorbilder her? Kinder, die gut Deutsch sprechen und von denen die anderen profitieren? „Es macht schon Sinn, im Klassenzimmer auch Kinder zu haben, die Muttersprachler sind.“
Man könnte auch sagen: Die Debatte um eine Migrationsobergrenze verläuft etwas unterkomplex. Aber sie dreht sich um einen wahren Kern. Pädagogen wie Diehl können sehr eindrücklich schildern, was es heißt, wenn in einem Klassenzimmer viele Kinder mit der deutschen Sprache kämpfen.
Der Erstklässler, der kaum sprechen konnte und nie bei einer Früherkennungsuntersuchung war
Seit zehn Jahren leitet Ulrich Diehl die Käthe-Kollwitz-Schule. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er viel Grün, aber hinter den Bäumen auch viele Hochhäuser, eine Trabantensiedlung, bunte Graffiti auf grauem Beton. Herzogenried gehört zur Neckarstadt-Ost, ein Stadtteil, der in den Statistiken in eher schlecht beleumundeten Kategorien hervorsticht: Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Kriminalität. Und, ja, auch beim Bedarf an Sprachförderung.
Diehl erzählt von einem deutschen Jungen, der zum Zeitpunkt der Einschulung nur ein paar Sätze beherrschte, eine Mischung aus Deutsch und Englisch, die er beim Computerspielen aufgesogen hatte. Vor allem aber tastete sich der Sechsjährige wie ein Zweijähriger die Treppenstufen im Schulhaus hoch und runter, unsicher, wacklig. Der Junge, aufgewachsen in einem der Hochhäuser des Viertels, hatte offenbar nie zuvor eine Treppe benutzt, allenfalls den Fahrstuhl.
Diehl fand heraus, dass der Junge keine der vielen Früherkennungsuntersuchungen absolviert hatte, die in Baden-Württemberg eigentlich Pflicht ist. Auch eine Kita hatte er nie besucht. Der Rektor besuchte die Familie zu Hause, redete den Eltern ins Gewissen, mit Erfolg. Heute ist der Junge auf der Realschule. „Der wird seinen Weg machen, aber die Startchancen hätten deutlich besser sein können.“
Viele Sprachdefizite werden von engagierten Lehrkräften aufgefangen – aber nicht alle
Das System, die vielen engagierten Lehrkräfte, sie fangen schon einiges auf. An der Käthe-Kollwitz-Schule gibt es neben den 16 regulären Klassen zwei integrierte Vorbereitungsklassen. In Kleingruppen erfolgt dort die Sprachförderung. Und das Land Baden-Württemberg ist gerade dabei, schrittweise sogenannte Juniorklassen einzurichten für Kinder, die nach der Kita noch nicht schulreif sind.
Ein normales begabtes Kind, sagt Diehl, könne in einem halben Jahr extrem viel aufholen. Aber wenn man das Credo ernst nehme, dass der Schulanfang das A und O sei, müsse deutlich mehr geschehen.
Kürzlich war er zur Bewertung einer Lehrprobe eines Referendars in einer kleinen Gemeinde, Deutsch in der dritten Klasse. Er staunte über die guten Sprachkenntnisse der Schüler. „Da waren fast nur native speaker.“ Das kennt er von seiner Schule nicht. Aber auch da steigt der Anteil der Muttersprachler. Nicht, weil sie in Mannheim eine Migrationsobergrenze eingeführt hätten, sondern weil es im Schulbezirk ein Neubaugebiet gibt. Viele Einfamilienhäuser, viele Akademiker. „Das macht sich schon bemerkbar.“
Immer mehr Grundschüler haben sprachliche Defizite – unabhängig von ihrer Herkunft
Doch Probleme gibt es auch dort, wo der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund vergleichsweise niedrig ist. Ein Anruf bei Walter Beyer, der seit 15 Jahren Rektor der Grundschule in Wald ist, einer kleinen Kommune im ländlichen Oberschwaben. Von den 125 Schülerinnen und Schülern hat ein Viertel einen Migrationshintergrund.
Auch bei ihm brauchen immer mehr Erstklässler eine Sprachförderung, um dem Unterricht vernünftig folgen zu können. „Das Problem wird größer“, sagt Beyer. 46 Prozent der Schüler, die nach der Sommerpause neu an seine Schule kommen, starten mit deutlichen Defiziten in der deutschen Sprache. Eine Mehrheit davon hat einen Migrationshintergrund. Aber eine fast genauso hohe Anzahl hat keinen, sagt Beyer, der sich ehrenamtlich im Verband Bildung und Erziehung (VBE) engagiert.
Dass die Probleme tiefer liegen, zeigen auch die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung, die in Baden-Württemberg verpflichtend ist. Ein Drittel aller Kinder hat demnach erhebliche Defizite in der deutschen Sprache. Den höchsten Förderbedarf haben diejenigen, die in den ersten drei Jahren eine andere Sprache gesprochen haben. Aber auch knapp jedes achte Kind, das in einer rein deutschsprachigen Familie aufwächst, hat großen Nachholbedarf.
„Viele Sprachprobleme kommen daher, dass viele Eltern weniger mit ihren Kindern sprechen, als das noch vor 20 Jahren der Fall war“, sagt Beatrix Kant am Telefon. Kant ist seit 25 Grundschullehrerin im Großraum Stuttgart, ehrenamtlich engagiert sie sich für die Lehrergewerkschaft GEW. Als Lehrerin besucht sie oft Kindergärten, um vor Ort zu schauen, ob die Kinder fit für die Schule sind. Auf dem Weg sehe sie dabei oft Mütter oder Väter, die auf dem Handybildschirm scrollen, während das Kind den Kontakt sucht. „Dabei ist das Alter von drei bis sechs Jahren eine ganz sensible Zeit für die Sprachentwicklung, da brauchen Kinder viel direkte Ansprache“, sagt Kant. „Was man da verpasst, holt man später schwer wieder auf.“
Was ihnen im Schulalltag am meisten helfen würde? Da sind sich die Lehrerin Kant und die Rektoren Diehl und Beyer einig: mehr Lehrkräfte sowie Eltern, die Förderangebote annehmen. Sie störe die Verengung der Debatte auf den Migrationshintergrund, sagt Kant. „Entscheidend ist doch: Sind die Eltern am Bildungserfolg interessiert, wollen sie ihr Kind fördern?“

