bedeckt München 18°
vgwortpixel

Arbeitsmigration nach Deutschland:Grausige Unterkünfte, kaum Lohn und dann auch noch Corona

Gurkenernte im Spreewald

Rumänische und polnische Erntehelfer bei der Gurkenernte im Spreewald.

(Foto: dpa)

Die Debatte um die Fleischindustrie, der Protest auf einem Spargelhof in NRW und ein Besuch der rumänischen Arbeitsministerin zeigen: Obwohl die Bundesrepublik von Arbeitern aus Osteuropa abhängig ist, werden sie oft schäbig behandelt.

Wenn eine Ministerin mehr als 1700 Kilometer mit dem Auto zurücklegt, um nachzusehen, wie es ihren Landsleuten im Ausland ergeht, muss es dringend sein. Zu viele Meldungen waren wohl aus Deutschland eingegangen, wonach Arbeiter aus Rumänien von ihren Arbeitgebern schlecht behandelt werden. Manche sagen auch: ausgebeutet. Zudem infizierten sich Hunderte osteuropäischer Arbeiter in Schlachthöfen und Gemeinschaftsunterkünften mit dem Coronavirus.

Arbeits- und Sozialministerin Violeta Alexandru stieg also in den Wagen und fuhr von Bukarest über Ungarn, an Wien vorbei durch Tschechien zu ihrem Amtskollegen Hubertus Heil nach Berlin - und von da aus weiter zu einem nordrhein-westfälischen Spargelhof. Ein Besuch, der überfällig war.

Als Heil und Alexandru am Dienstag zum Abschluss ihres Treffens vor die Presse traten, sprach die Rumänin die Missstände nur oberflächlich an, was überraschend diplomatisch klang. Dafür war der Bundesarbeitsminister bereits deutlich genug gewesen. Der mangelnde Arbeitsschutz speziell in der Fleischindustrie beschäme ihn, sagte der Sozialdemokrat. Heil wirkte fast wütend, als wolle er vor seinem Gast nun wirklich einmal aufräumen.

Am Montag bereits hatte er dem sogenannten Corona-Kabinett seine Pläne für die Fleischindustrie vorgelegt. Trotz einiger Bedenken in der Union sind diese am Mittwoch weitgehend angenommen worden. Kern: Vom kommendem Jahr an sollen sogenannte Werkverträge in der Fleischindustrie verboten werden. Mit dieser Art von Auslagerung schieben die Betriebe die Verantwortung für die Mitarbeiter an Subunternehmer ab. Heil nannte sie "die Wurzel" des Übels. Die Corona-Krise hat sie einmal mehr offengelegt.

Die Verwerfungen rund um die Arbeitsmigration aus Ost- und Mittelosteuropa waren schon vor Corona ein Thema. Sozialverbände und Gewerkschaften prangern seit Jahren grausige Unterkünfte, schlechte Bezahlung und die Missachtung von Arbeitsrechten an. Dabei zeigt die Corona-Krise, dass Teile des hiesigen Wirtschaftslebens ohne die Helfer aus dem Osten gar nicht mehr klarkommen. Die Lebensmittelindustrie, die Pflege, der Bau, das Reinigungsgewerbe, aber auch Werften und Teile der Automobilzulieferer sind auf die billigen und willigen Arbeiter aus Osteuropa angewiesen. Als die Grenzen wegen Corona schlossen und der Frühling kam, bettelte die Landwirtschaft förmlich darum, Erntehelfer einfliegen zu dürfen. "Deutschland hat sich teilweise von den Arbeitsmigranten abhängig gemacht", sagt Dominique John, Leiter des Projekts Faire Mobilität beim Deutschen Gewerkschaftsbund.

Der weitaus größte Teil der Arbeitsmigranten kommt inzwischen aus Rumänien. Allein im ersten Halbjahr 2019 reisten mehr als 100 000 Rumänen nach Deutschland, an zweiter Stelle Polen mit etwas mehr als 50 000 Menschen. Es folgt Bulgarien mit 34 000 Menschen. Seit Anfang 2014 gilt für die beiden Ostbalkanstaaten Rumänien und Bulgarien die volle Freizügigkeit der Europäischen Union. Damals warnten vor allem konservative Politiker vor einem Ansturm auf die deutschen Sozialsysteme. Von Sozialtourismus war die Rede.

Ein Trugschluss. Die Quote der Hartz-IV-Empfänger aus diesen Ländern ist nicht höher als die aus anderen EU-Ländern. DGB-Mitarbeiter John hofft, dass sich das Bild von rumänischen Zuwanderern nun ändert. "In Wirklichkeit kommen die Menschen, weil sie Arbeit brauchen. Und sie wollen auch arbeiten. Weil sie zuhause oft kein ausreichendes Auskommen finden", sagt er. Unter den Migranten aus Rumänien sind alle sozialen Schichten vertreten. Viele Ärzte, Krankenpfleger und andere gut ausgebildete Menschen verlassen ihr Land. Die weitaus überwiegende Zahl aber kommen aus armen, ländlichen Gebieten auf der Suche nach einfacher Arbeit.

Rumänien bietet Millionen keine Perspektive

In Rumänien sind die wirtschaftlichen Perpektiven für sie schlecht. Juliane Schulte, Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rumänien, sagt: "Millionen von Rumänen leben von der Hand in den Mund." Nach Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat betrug das durchschnittliche rumänische Nettoeinkommen im vergangenen Jahr 368 Euro pro Monat. Der Durschnitt aller 28 EU-Länder lag bei monatlich 1666 Euro. Darum wandern viele ins europäische Ausland ab, vor allem nach Italien, Spanien, Deutschland und bislang auch Großbritannien. "In Rumänien genießen die Auswanderer ein gutes Ansehen. Das sind Menschen, die hart arbeiten, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Und wenn das in Rumänien nicht möglich ist, dann eben anderswo", sagt Juliane Schulte.

Wie viele Rumänen dauerhaft oder regelmäßig im Ausland arbeiten, ist umstritten. Mindestens drei Millionen sollen es sein, manche sprechen von fünf Millionen. Bei 19,4 Millionen Einwohnern entspricht das bis zu einem Viertel der Bevölkerung. "Das ist kein Randphänomen in der rumänischen Gesellschaft. Es sind einfach zu viele", sagt Schulte. Und während sich viele Rumänen Zuhause über Vetternwirtschaft und Korruption beklagen, glauben sie an das korrekte Deutschland, wo Verträge eingehalten und Gesetze beachtet werden. Umso überraschter reagieren sie, wenn ihnen hierzulande Unrecht geschieht, wie Dominique John vom DGB berichtet. Ein Beispiel dafür besichtigte Anfang der Woche Violeta Alexandru.

Sie ist mit ihrem Auto von Berlin aus durch Deutschland gereist, am Mittwoch traf sie auf dem Erdbeer- und Spargelhof Ritter in Bornheim bei Bonn ein. Der Hof ist seit Anfang des Jahres insolvent, ein Verwalter regelt den Betrieb. Trotzdem wurden noch Erntehelfer aus Rumänien angeworben. Der Bonner General-Anzeiger hatte berichtet, dass die rund 240 Erntehelfer teils zu viert oder zu fünft auf einem Zimmer in Wohnbaracken neben einer Kläranlage untergebracht worden seien. Seit Tagen demonstrierten sie gegen ausbleibende oder viel zu geringe Löhne, die katastrophale Hygiene und das schlechte Essen. 150 Feldarbeiter gingen in den Ausstand. Das Ordnungsamt ließ daraufhin erstmal die Unterkünfte reinigen.

Protest von Saisonarbeitern auf Spargelhof

Protest von Saisonarbeitern auf dem Spargelhof in Bornheim.

(Foto: dpa)

Es ist selten, dass sich osteuropäischer Saisonarbeiter trauen, gegen die Zustände zu protestieren, unter denen sie arbeiten und leben müssen. In diesem Fall scheint es sich gelohnt zu haben. Violeta Alexandru hat vor Ort mit Vertretern des Deutschen Bauernverbandes und wohl auch dem Insolvenzverwalter vereinbart, dass alle ausstehenden Löhne ausgezahlt werden. Außerdem soll allen Arbeitern, die das wünschen, die Heimreise mitfinanziert werden. Und wer arbeiten will, soll auf andere Höfe gebracht werden. Der Hof aber ist wirtschaftlich am Ende. Der Insolvenzverwalter entschied am Mittwoch, die Ernte einzustellen.

Ministerin Alexandru, die noch einen weiteren Bauernhof besuchte, sagte, sie habe ihre dort arbeitenden Landsleute ermutigt, sich bei Missständen an die Behörden zu wenden. Das Dilemma, in dem die Arbeiter stecken, konnte sie freilich nicht lösen: Bei einem Rauswurf droht den Rumänen umgehend die Obdachlosigkeit, denn auch Kost und Logis werden vom Arbeitgeber gestellt. Eine kurzfristige Rückkehr in die Heimat ist in der Corona-Krise noch schwieriger als sonst.

Die Arbeitsministerin sprach auch von Anstrengungen ihrer Regierung, den Menschen mehr Chancen zu geben, in Rumänien Arbeit unter ordentlichen Bedingungen zu finden. Der aktuelle Wirtschaftsabschwung wegen des Coronavirus dürfte das nicht leichter machen. Und so sagte sie in Richtung des energischen Hubertus Heil: "Ich freue mich, dass Deutschland die rumänischen Arbeiter mit Respekt behandelt." Der Arbeitsminister durfte das als Auftrag verstehen.

© SZ.de/kler/jsa
Schlachthof

Schlachthöfe und Corona
:Ausgenommen

Löhne unter dem Mindestlohn, Massenunterkünfte, kaum Erholung für kranke Mitarbeiter. Fleischbetriebe entwickeln sich in Deutschland zu Corona-Brennpunkten. Die Folge: ein längerer Lockdown für ganze Regionen.

Von Markus Balser

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite